Betriebsunfall ist Startschuss für Erfolgsgeschichte

Stefan Greiber - Berne, 09. November 2019

„Stedinger zeichnet ein starker Zusammenhalt, Widerstandgeist und streitbare Charaktere aus“, zitierte Thomas Mähnert aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia. „Eigenschaften, die ich rundum bestätigen kann.“ Als Mitglied im Bundesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe und zuvor schon in seiner Funktion als Mitglied im Vorstand des Landesverbands Niedersachsen/Bremen hatte Mähnert oft Widerstandsgeist und Streitlust der Stedinger Johanniter zu spüren bekommen. Aber immer fair und zielführend in der Sache, wie er betonte. Und extrem erfolgreich. „Wir alle in Regional-, Landes- und Bundesverband hätten keine Daseinsberechtigung ohne die gute Arbeit in den Verbänden“, sagte Mähnert. Die Charakterbeschreibungen indes zogen sich wie ein roter Faden durch Reden und Grußworte zum 50-jährigen Jubiläum des Ortsverbands Stedingen.

Der Ortsverband Stedingen der Johanniter-Unfall-Hilfe wurde offiziell am 1. Dezember 1969 gegründet. Anlass war ein schwerer Betriebsunfall auf einer der Werften. Einen Rettungsdienst in der heutigen Form gab es noch nicht, die Versorgung des Verletzten war nur notdürftig. Das sollte sich ändern. Zukünftig sollten die Johanniter in so einem Fall ausrücken und helfen – ehrenamtlich und freiwillig. Hans-Udo Arndt aus Berne bekam den Auftrag, sammelte engagierte Helfer und Spenden und konnte noch im gleichen Monat einen ausgedienten VW-Transporter als Krankenwagen anschaffen. Der wurde in mühsamer Eigenarbeit umgebaut und schon am 21. Dezember 1969 kam es zu einem ersten Einsatz, einem Verkehrsunfall. Die beiden Sanitäter, Klaus und Lisa Thomas, die damals diesen Einsatz fuhren, waren als Ehrengäste bei der Jubiläumsfeier dabei. Ebenfalls dabei war Nachbar und Mitglied mit der Ausweisnummer 12, Heiko Amelsberg, der seine Sanitäterausbildung am 13. Januar 1970 absolvierte.

Seitdem hat der Verband eine stürmische Entwicklung durchgemacht. „Dieser Ortsverband war und ist auch immer die Keimzelle für neue Ideen und Innovationen“, betonte Mähnert. Aber auch an anderes erinnerte er sich von seinen zahlreichen Besuchen. „Stedingen war auch immer die Dienststelle mit dem Loch im Reetdach, den Schafen vor der Tür und im Winter mit der kürzesten, aber breitesten Skipiste der Welt – dem Deich.“ Trotz der vielen Aktivitäten habe er hier immer Gelassenheit erlebt. „Für mich war und ist dieser Ortsverband ein zweites Zuhause.“ Der Ortsverband Stedingen ist Sitz der Offshore Rettung der Johanniter-Unfall-Hilfe, die inzwischen die Sanitätsstationen auf 15 Plattformen in den Windparks in Nord- und Ostsee sowie die Offshore-Rettungshubschrauber des Partners Northern Helicopter besetzen. Ebenfalls wurde hier der Fachbereich Forschung und Entwicklung gegründet, der an neuen Konzepten und Innovationen für ein sicheres Leben im Alter sowie inzwischen auch an Themen weit darüber hinaus forscht. Zwar ist der Fachbereich mittlerweile dem Landesverband direkt unterstellt, hat aber in Elsfleth immer noch seinen Sitz in der Wesermarsch.

Eine andere Technologie startete 1985 durch: der Johanniter-Hausnotruf. Die Technik, ein stationäres Gerät mit der Telefonleitung zu verbinden und mit einem mobilen Funksender zu koppeln, war damals erst zwei Jahre jung. Durch Druck auf den Funksender wird eine Sprechverbindung zur Hausnotruf-Zentrale der Johanniter aufgebaut und im Notfall Hilfe geschickt. Anfangs noch per Telefon steckt inzwischen eine ausgeklügelte und mehrfach abgesicherte Technik dahinter. Alles in Berne hinter dem Deich. „Wir waren damals in Hannover und berieten darüber, wo die Zentrale der Johanniter angesiedelt wird“, erinnerte sich Wilfried Barysch, Mitglied im Regionalvorstand. Dass die Entscheidung für Berne-Bardenfleth fiel und gegen die Landeshauptstadt Hannover erstaunt Barysch bis heute. „Auf der Rückfahrt dachten wir alle, wir träumen. Wir konnte es einfach nicht glauben.“ Dass die Entscheidung richtig war, daran zweifelt heute niemand. Mit fast 40.000 Teilnehmern und 500.000 Notrufen jährlich ist die Hausnotruf-Zentrale in Berne die größte der Johanniter bundesweit.

Das weiß auch die stellvertretende Landrätin Ursula Schinski, die im Berufsleben selber einen Pflegedienst aufgebaut hatte, zu schätzen. „Wir können gar nicht genug danken, dass damals mit dem Aufbau des Hausnotrufs begonnen wurde“, betonte sie. Ebenfalls lobte sie den Betrieb der Lebensmittelausgabe Radieschen durch die Johanniter. „Es ist schade, dass heute sowas in Deutschland notwendig ist. Aber es ist gut, dass es sie gibt.“ Wesentlicher Motor für die Entwicklung des Ortsverbands war Alexander Jüptner, der von 1990 bis 2015 hauptamtlicher Dienststellenleiter war, und natürlich Ortsbeauftragter Diether Liedtke, der das Amt 1977 von seinem Schwiegervater Hans-Udo Arndt übernommen hatte. Dessen Tochter und Liedtkes Frau Ria ist auch heute noch selber aktiv im Ortsverband.

Bei der Durchsetzung der Ideen half Liedtke die typische Stedinger Hartnäckigkeit. „Als Diether Liedtke 1978 neue Hosen mit Reflexstreifen anschaffen wollte, wurde er belächelt“, erinnerte sich Bernes Bürgermeister Hartmut Schierenstedt. Damals fuhren die Hilfsorganisationen die Einsätze noch in Uniform. Heute ist hochfunktionale Einsatzkleidung mit Reflexstreifen Standard. Schierenstedts Amtskollegin aus Elsfleth, Brigitte Fuchs, begrüßt es sehr, dass die Johanniter ihre Präsenz in Elsfleth ausbauen und dort den Bau einer neuen Hausnotruf-Zentrale planen. Und ganz besonders freue sie sich, dass die Johanniter nicht im Gegenzug Berne den Rücken kehren. „Wir wollen nicht in Konkurrenz zueinander treten“, versprach sie Schierenstedt. Björn Thümler, Minister für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen (CDU), sowie die Landtagsabgeordneten Susanne Mittag (SPD) und Astrid Grotelüschen (CDU) sandten Grußworte. Alle drei hatten zuvor ihre Teilnahme zugesagt, aber wegen dringender Termine in Berlin kurzfristig absagen müssen. Uwe Beyes, Mitglied im Vorstand des Johanniter-Landesverbands Niedersachsen/Bremen, war gekommen, sprach aber nur wenige Worte und ließ lieber Taten sprechen. Er überreichte Liedtke eine Beamer für die neue Dienststelle der ehrenamtlichen Helferschaft in Brake. „Ich weiß, der Beamer steht im Wirtschaftsplan drin. Aber diese Investition könnt ihr jetzt sparen.“

Einer, der die Streitlust der Stedinger ebenfalls zu spüren bekommen hatte, war Wilfried Barysch. Bei der Gründung des Regionalverbands als zusätzliche Ebene zwischen Ortsverbänden und Landesverband am 1. Januar 1995 war der Ortsverband Stedingen einer der zehn Gründungsverbände. Vertreten wurde er durch Diether Liedtke, den größten Kritiker der neuen Ebene. ¬¬„Ein Funke, und die Bude wäre explodiert“, erinnerte sich Barysch heute. Doch in den Jahren hat sich eine vertrauensvolle, aktive Zusammenarbeit entwickelt zu beiderseitigem Nutzen. Mit inzwischen 21 Ortsverbänden ist Weser-Ems einer der größten Regionalverbände bundesweit, der Ortsverband Stedingen wiederum einer der größten in Weser-Ems. „Ich bin sicher, dass der Ortsverband Stedingen seinen erfolgreichen Weg weiter bestreiten wird, denn er ist gut geführt und hat ein tolles Team“, betonte Barysch.