Jahresthema 2019: "Wir bringen täglich Licht ins Dunkel"

Hamburg, 22. Juli 2019

Pflegedienstleiterin Anja Irmler leitet die Johanniter-Sozialstation in Woldegk.

Für viele Pflegebedürftige ist die Pflegekraft die einzige Person, die sie regelmäßig besucht. Eine große Verantwortung für die Pflegenden: Sie übernehmen damit zum Teil die Rolle von Familienangehörigen. Anja Irmler ist Pflegedienstleiterin im Ambulanten Pflegedienst in Woldegk in Mecklenburg-Vorpommern. Das 22-köpfige Team der Sozialstation kümmert sich um 194 Kunden und ist vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) gerade mit einer 1,1 bewertet worden. Im Interview berichtet die 43-Jährige, wie gute Pflege gegen Einsamkeit im Alter hilft.

 

Warum haben Sie sich für den Pflegeberuf entschieden?
"Ich bin sozusagen erblich vorbelastet: Meine Mutter, meine Tante und meine Patentante sind alle Krankenschwestern, mein Großcousin ist Arzt. Mit drei Jahren stand ich fasziniert in einem Behandlungszimmer der Uniklinik Magdeburg - von da an wusste ich, was ich werden wollte. Meine Mutter hat noch versucht, es mir auszureden, sie kannte ja die Schichtdienste und die Arbeitszeiten von Montag bis Sonntag. Aber das hat nicht funktioniert und ich habe es nie bereut, im Pflegebereich zu arbeiten."

Werden Sie oft mit dem Thema Einsamkeit konfrontiert? Wenn ja, wie gehen Sie persönlich damit um?
"Sehr oft. Meiner Einschätzung nach sind die meisten älteren Menschen, die pflegebedürftig sind, gleichzeitig einsam. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, aber die Alten sind hier nicht willkommen. Ich habe das Gefühl, für die Mehrheit sind sie nur Ballast. Für uns Pflegekräfte bedeutet das, dass wir die Zeit mit den zu Pflegenden so positiv wie möglich gestalten. Das ist eine Form der Wertschätzung. Wir bringen täglich Licht ins Dunkel. Und wir versuchen auch, sie aus ihrer Einsamkeit herauszuholen und zu motivieren. Besonders schlimm ist es im November mit dem grauen Wetter und zum Totensonntag und den Gedanken an die Verstorbenen: Da werden Verluste besonders deutlich. Aber auch Weihnachten ist hart: Angehörige haben oft wenig Zeit, manche wollen die pflegebedürftigen Alten nicht beim Fest dabei haben - es ist ihnen zu mühsam. Und die Pflegebedürftigen selbst befinden sich dann in der Zwickmühle: Einerseits wollen sie niemandem zur Last fallen, andererseits wären sie gern dabei. Erst, wenn einer stirbt, kommen alle wieder zusammen - es ist leider wirklich so traurig wie in dem Youtube -Weihnachtsvideo einer großen Supermarktkette."

Viele Senioren haben keine Angehörigen, die in der Nähe wohnen. Welche Rolle spielen Sie als Pflegekraft für diese Menschen?

"Die Dörfer liegen weit auseinander, die Wege sind weit, wenn die Familie in einer anderen Gegend wohnt. Wir Pflegekräfte sind täglich da - wir sind fast wie Familienmitglieder, Vertraute, die Sicherheit geben. Wir bemühen uns deshalb immer darum, bekannte Bezugspersonen zuzuteilen: feste Teams auf den geplanten Touren. Aber da wird der Fachkräftemangel zum Problem und es ist nicht immer leicht, eine feste Vertretung für Urlaubs- oder Krankheitszeiten zu finden. Dabei ist es so wichtig, ein vertrautes Gesicht zu sehen."

Was ist Ihre Empfehlung, um im Alter nicht einsam zu werden?

"Ein gutes Netzwerk im Dorf aufzubauen hilft. Viele Kommunen machen das schon sehr erfolgreich. Sie bieten Hilfsangebote, die greifen, bevor die Menschen pflegebedürftig werden, wie in Form der Nachbarschaftshilfe in Schleswig-Holstein. Viele Ortsvorsteher sind bemüht, die Alten im Blick zu haben: Man kennt sich von früher, hat einen Großteil des Lebens zusammenverbracht, zusammen auf dem Feld gestanden - da hilft man sich auch im Alter. Aber das ist aussterbend. Die nächste Generation wird es da noch schwerer haben."

Was wäre Ihr Wunsch: Wie sieht in Ihren Augen die ideale Pflege aus und was müsste sich dafür ändern?

"Mein Wunsch wäre eine deutlich bessere Personaldecke: Wenn Mitarbeitende auf Überhang finanziert werden könnten, könnten wir Krankheitsfälle leichter ausgleichen und müssten niemanden aus dem Frei reinrufen, um spontan eine Schicht zu übernehmen. Dann bliebe auch viel mehr Zeit für Gespräche mit den Pflegebedürftigen. Auch eine stärker leistungsbezogene Entlohnung würde meiner Meinung nach viele Pflegekräfte, besonders die Pflegefachkräfte, motivieren: als Wertschätzung ihrer Arbeit. Und das Thema Gesundheit spielt eine große Rolle: Für die Pflegekräfte sollte es regelmäßig eine finanzierte Rückenschule und weitere gesundheitsfördernde Maßnahmen geben. Sicher ist: Motivierte Mitarbeiter machen sehr gute Pflege."


Mehr Informationen zu den Ambulanten Pflegediensten der Johanniter gibt es hier.

Ihre Ansprechpartnerin für Medienfragen Berenike Matern

Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Landesverband Nord
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