Rettungsdienstsymposium 2020: Schwerpunktthema Reanimation stieß auf großes Interesse

Marburg, 21. Januar 2020

Am 17. und 18. Januar fand  das 19. Mittelhessische Rettungsdienst-Symposium im Uniklinikum Marburg statt. Die zweitägige, überregionale Fortbildungsveranstaltung griff in Workshops und Vorträgen aktuelle notfallmedizinische Themen in Theorie und Praxis auf und stieß auf überaus große Resonanz bei Einsatzdienst-Mitarbeitenden und Notfallmedizinern. Der diesjährige Schwerpunkt lag auf der „Königsdisziplin“ der Notfallmedizin, der Reanimation – ein Thema, das großes Interesse fand und intensiv diskutiert wurde.


Bereits am Freitag fanden Workshops zu Themen wie Kinder-Reanimation oder e-CPR (extrakorporale, kardiopulmonale Reanimation) statt; in denen sich die Teilnehmenden praktisch fortbilden konnten. Weitere Workshops boten Simulationstrainings zu Telemedizin sowie interaktive Fallkonferenzen an, zudem gab es Angebote zur Unfallchirurgie im Rettungsdienst und zur Stillung von Blutungen.


Wie fordernd das Management von Reanimationen für Einsatzteams sein kann, zeigten die Vorträge am Samstag auf. Insbesondere die Frage, wann eine Reanimation beendet werden muss, stellt Notfallsanitäter und Notärzte vor schwierige Entscheidungen, die unter Zeitdruck und unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Einflussfaktoren getroffen werden müssen. Die Referenten beleuchteten dies aus medizinischer, rechtlicher und ethischer Sicht. Dabei zeigte sich, dass nur für innerklinische Reanimationen Daten zur Einschätzung des Reanimationserfolgs vorliegen. Im präklinischen Bereich sind Notfallmediziner und Einsatzteams dagegen auf die Beurteilung der individuellen, im Einsatz ermittelbaren Patientendaten und ihr Erfahrungswissen angewiesen. Die Referentin Dr. Birgit Plöger stellte fest: „Wir brauchen weitere Forschung in diesem Bereich!“

 
Auch aus rechtlicher und ethischer Sicht ist das Durchführen und der Abbruch einer Reanimation nicht einfach zu entscheiden, denn aus beiden Perspektiven ist der Patientenwille maßgebend – allerdings ist dieser in einer Notfallsituation meist nicht zu ermitteln. Aus rechtlicher Sicht gibt es eine Vielzahl von Prüfkriterien, allen voran die Frage, ob eine Patientenverfügung vorliegt, ob diese Gültigkeit hat, ob sie eindeutige Formulierungen bezüglich Reanimation enthält und ob der Patient überhaupt geschäftsfähig ist. Ist eine Sachverhaltsprüfung nicht möglich, gilt der mutmaßliche Wille als fachlicher Standard – d.h. der Notarzt muss aus medizinisch-fachlicher Sicht selbst entscheiden und hat damit eine enorme Verantwortung.


Ethische Grundsätze, wie dem Menschen keinen Schaden zuzufügen, die Fürsorgepflicht, der Respekt vor Autonomie und Selbstbestimmung sowie die Gerechtigkeit allen Patienten gegenüber, sollten im Einsatz ebenfalls eine Rolle spielen, meint Dr. Steffen Grautoff, Oberarzt und Notfallmediziner aus Herford. Er plädierte dafür, dass Notfallmediziner im Reanimationsablauf Zeitfenster für notwendige Klärungen finden, während das Rettungsteam die Reanimation fortsetzt. Die Entscheidung zum Reanimationsabbruch sollte nach seiner Auffassung nicht der Notarzt allein treffen, sondern gemeinsam mit dem Einsatzteam. Auch die richtige Beendigung des Einsatzes ist aus ethischer Perspektive bedeutsam – das heißt Zeit für die Angehörigen und ggf. die Organisation weiterer Unterstützung, aber auch Zeit für eine Einsatznachbesprechung im Team.


Auch andere Aspekte der Versorgung im Notfall kamen im Symposium zur Sprache, denn in kritischen Situationen ist der Zeitfaktor häufig eine ausschlaggebende Größe für den Behandlungserfolg. Gerade im ländlichen Raum mit langen Transportwegen wirft dies die Frage nach neuen Konzepten auf, damit mehr lebenserhaltende Interventionen als bisher auch präklinisch möglich werden.

 
Als ein Beispiel wurde hier das Heidelberger Medical Intervention Car (MIC) vor-gestellt, welches im Rahmen eines Forschungsprojektes unterwegs ist. Es wird von hochqualifizierten Ärzten besetzt und ist für die Unterstützung des vor Ort befindlichen Rettungsteams gedacht. Selbst Notoperationen können mit dem Equipment dieses Fahrzeug am Einsatzort stattfinden.  Ein wichtiges Thema mit interessanten Perspektiven ist die Telemedizin im Rettungsdienst, die derzeit  in den mittelhessischen Landkreisen erprobt wird. Sie macht es möglich, dass Patientendaten aus dem Einsatzfahrzeug 1:1 an einen Telenotarzt übermittelt werden. Er beurteilt  die Werte und unterstützt damit das Einsatzteam bei zu treffenden Entscheidungen. Damit – so Referent Dr. Dennis Humburg – könnte perspektivisch die Zahl der Einsätze  reduziert werden, bei denen der Notarzt  zu nicht lebensbedrohlichen Situationen gerufen wird. Mit dem neuen Berufsbild des Notfallsanitäters arbeiten im Rettungsdienst hoch qualifizierte Fachkräfte, die viele Einsätze auch ohne ärztliche Unterstützung bearbeiten könnten  bzw. von der Unterstützung eines zugeschalteten Telenotarztes profitieren.