Es ging heiß her bei „Leipzig im Gespräch“

Leipzig, 18. September 2019

Gibt es die wahre Religion?

von links: Anne-Christina Wegner, Karl E. Grözinger, Michael Naumann (Moderator), Bassam Tibi

„Europa verändert sich. Damit das gut geht, brauchen wir drei Dinge: Denkfreiheit, Kritikfähigkeit und Empathie“, so das Fazit von Bassam Tibi bei der dritten Ausgabe unserer Veranstaltungsreihe „Leipzig im Gespräch“, die gestern stattfand.  

Zuvor war es stellenweise heiß hergegangen. Kein Wunder bei dem Reizthema „Drei Religionen im umarmenden Disput – gibt es die wahre Religion?“ Neben dem Muslim Tibi saßen die christliche Pfarrerin Anne-Christina Wegner und der Professor für Jüdische Studien Karl E. Grözinger auf dem Podium.  

„Dumme atheistische Linke“

Vor rund 40 Gästen berichtet Pfarrerin Wegner zu Beginn von ihrer Zeit als Atheistin. Ein Jahr lang habe sie ohne Religion gelebt, um ihren Glauben zu prüfen. „Aber ich habe mich nie so gelangweilt – es war trostlos.“ Die Beichte nimmt Karl E. Grözinger zum Anlass, über die verschiedenen Perspektiven des Atheismus zu sprechen. Denn wie so oft, ist auch dieser Begriff schwer subjektiv und Definitionssache. Macht der mentale Kirchenaustritt schon zum Atheisten?  

Weit entfernt vom Atheismus ist Bassam Tibi, der sich als „100 Prozent Muslim“ bezeichnet. „Ich war sogar schon Marxist, aber den Muslim kriegen Sie aus mir nicht raus.“ In dem Zusammenhang legte Tibi nach: Es verletze ihn, „wenn dumme, atheistische Linke kommen und mich als islamophob bezeichnenden, weil ich meine Religion kritisiere.“  

Und so ging es die nächste Stunde weiter: Unterhaltsam, kontrovers, oft philosophisch, aber auch pragmatisch. Doch wie können wir nun ein friedliches Miteinander der Religionen schaffen? Nach ihren Erfahrungen als Pfarrerin von 14 Gemeinden sieht Wegner das Hauptproblem weniger in Religionen, als in Teilhabe: „Wie viel Teilhabe Menschen haben – das ist eher der Konfliktpunkt als der Glaube.“  

Risse eher innerhalb der Religionen?  

Prof. Grözinger betont, dass Menschen Klüfte zwischen den Religionen überwinden können, wenn sie übergeordnete Gemeinsamkeiten erarbeiten und pflegen. Aber dazu müsse man eben zuerst „trennende Traditionen akzeptieren, über die Gläubige nicht einfach springen können. Diese Traditionen zu vernachlässigen, ist gefährlich.“  

Einig sind sich alle drei Diskutanten im Befund, dass die meisten Konfliktlinien innerhalb der jeweiligen Religionen verlaufen – zwischen fundamentalistischen und gemäßigten Ansichten, aber auch an unzähligen anderen Stellen. Tibi kann auch hier eine seiner zahlreichen Anekdoten beisteuern. So habe ihn nach einer Vorlesung in Marokko ein aufgebrachter Muslim umbringen wollen. „In meiner Not habe ich aus dem Koran zitiert, wonach ein Muslim keinen anderen töten darf, sonst erwartet ihn die Hölle. Das hat geholfen und der Attentäter ist weggelaufen.“  

Auch das Publikum beteiligt sich rege an der Diskussion. Die Besucher führen unter anderem vermeintlich falsche Koranzitate ins Feld, berichten von christlich-fundamentalistischen Studenten, monieren überbordende Political Correctness in den Schulen und fragen, wie es um die Integration der Einheimischen steht. Es geht emotional und lebhaft zu. 

Nach knapp zwei anregenden und spannenden Stunden ist die dritte Ausgabe von „Leipzig im Gespräch“ vorbei. Akademieleiter Lars Menzel bittet ins Foyer. Dort finden sich alle Gäste friedlich bei Schnittchen, Obst und kühlen Drinks zusammen. Vielleicht ist das die große Lösung?