Johanniter veröffentlichen Bevölkerungsschutz-Umfrage

Hannover, 21. November 2016

forsa-Umfrage bringt Bestätigung und Aufschlussreiches für die zukünftige Arbeit. Anpassung der Strukturen an aktuelle Herausforderungen. Ein Votum für den ehrenamtlichen Helfer und Bevölkerungsschützer.

Die Herausforderungen im Bevölkerungsschutz, besonders vor dem Hintergrund der allgemeinen Sicherheitsdebatte in Deutschland, sind so vielfältig wie aktuell: Flüchtlingswellen, terroristische Attentate, Klimakatastrophen, Eisenbahnunglücke oder Großunfälle auf Autobahnen. Zunehmende Angst und mangelndes Vertrauen der Bürger im Allgemeinen stellen Gesellschaft und Politik vor Herausforderungen. Aufklärung auch zum Thema Bevölkerungsschutz ist deswegen opportun. Insbesondere mit den Erfahrungen des letzten Jahres in der Flüchtlingshilfe verbunden mit dem Wissen um die Mechanismen im Hilfs- und Ressourcenmanagement startet der Landesverband Niedersachsen/Bremen der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (JUH) eine breit angelegte Kommunikationskampagne: die „Mission Bevölkerungsschutz“. Als große deutsche Hilfsorganisation wollen die Johanniter sich im Zentrum der Debatten um Katastrophen- bzw. Zivilschutz positionieren und Vermittler zwischen Auftraggebern wie Bund, Ländern und Kommunen sowie der Bevölkerung sein. Deswegen planen die Johanniter für 2017, als ein Bestandteil der Mission, eine Roadshow in Niedersachsen und Bremen, die den Dialog mit dem Bürger fördern soll.

Dieser ist auch dringend notwendig. Denn: Die Mehrheit der Menschen in Niedersachsen und Bremen kann mit dem Begriff Bevölkerungsschutz nichts anfangen oder versteht ihn falsch. Lediglich neun Prozent der Bürger assoziieren damit den Katastrophenschutz als zentrales Tätigkeitsfeld – in erster Linie wird der Schutz vor Kriminalität, Terror oder Krieg z.B. durch die Polizei mit dem Begriff in Verbindung gebracht. So das Ergebnis einer aktuellen Umfrage zum Thema Bevölkerungsschutz und Ehrenamt des Meinungsforschungs-instituts forsa, die von der JUH im Rahmen der Kampagne aktuell beauftragt wurde. Die Johanniter wollen aufklären und Transparenz in ein Thema bringen, das in seiner Komplexität nicht einfach zu durchdringen scheint, und damit auch dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Sicherheit und Vertrauen Rechnung tragen. Interessant bei den forsa-Ergebnissen: Insgesamt 76 Prozent der befragten Bürger wären bereit, für Leistungen des Bevölkerungsschutzes, etwa durch zusätzliche Steuerabgaben, zu bezahlen oder finanziell aufzukommen. Das lässt rückschließen, dass für einen Großteil der Bürger das Thema von Bedeutung ist. 

Fördern und Fordern

Wie können wir uns in Niedersachsen und Bremen so aufstellen, dass sich alle eingebunden und verantwortlich fühlen und wir uns damit gegenüber kommenden Herausforderungen sowie Bedrohungen aufstellen können? Hier sind nicht nur alle im Bevölkerungsschutz aktiven Organisationen gefragt, auch Politik und Multiplikatoren wie Medienmacher sind mit am Zug.
Die Johanniter haben ihre Forderungen diesbezüglich in einem Positionspapier zusammengestellt – darunter die Forderung nach:

  • modernen, den neuen Gegebenheiten angepassten und zukunftsorientierten Strukturen im Bevölkerungsschutz,
  • Finanzierbarkeit,
  • Aufklärung und Einbeziehung eines jeden Bürgers,
  • Anerkennung und Wertschätzung für das Ehrenamt – nicht nur in Gruß- und Dankesreden.

Innovative Konzepte und zeitgemäße Strategien sind bereits in der Entwicklung: Dabei stehen zeitliche und materielle Ressourcen wie auch die Bereitschaft, sich als Helfer zu Verfügung zu stellen, im Brennpunkt. Ohne adäquate Ausbildung und Freistellung durch Arbeitgeber ist eine Vorbereitung auf den Tag X – sei es im Rettungsdienst, Katastrophenfall oder in der humanitären Hilfe – nicht möglich.

Ehrenamtliche als Rückgrat des Bevölkerungsschutzes

Weniger als die Hälfte der unter 30-Jährigen in Niedersachsen und Bremen weiß, dass die Aufgaben im Bevölkerungsschutz weitgehend durch Ehrenamtliche geleistet werden – aber 64 Prozent von ihnen können sich ein ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich vorstellen. Die forsa-Umfrage zeigt zudem ein deutliches Stadt-Land-Gefälle: In ländlichen Gegenden ist 67 Prozent bekannt, dass die Tätigkeiten im Bevölkerungsschutz durch Ehrenamtliche geleistet werden  – ein geringerer Wissensstand herrscht dagegen in Großstädten (40 Prozent). Während in sehr kleinen Gemeinden knapp die Hälfte bereits ehrenamtlich in einer Organisation engagiert ist, sind es in Großstädten unter 30 Prozent.

Bemerkenswert ist, dass es bereits eine große Unterstützung von Seiten der Arbeitgeber gibt, die ein Ehrenamt ihrer Angestellten befürworten, indem sie diese freistellen oder flexible Arbeitszeiten anbieten – nur 23 Prozent der abhängig Beschäftigten wünschen sich an dieser Stelle mehr Entgegenkommen.
Die Ehrenamtlichen bilden das Rückgrat des Bevölkerungsschutzes. Der demografische Wandel, Veränderungen in der Arbeitswelt, die Abschaffung der Wehrpflicht und Sparmaßnahmen erschweren jedoch die Gewinnung neuer Ehrenamtlicher. Die Johanniter machen den Schritt nach vorn. „Nach der Flüchtlingshilfe, dem bisher größten und längsten Einsatz in der Bundesrepublik Deutschland, wollen wir den Bürgern, der Politik und den Behörden verdeutlichen, dass Bevölkerungsschutz ohne gesunde ehrenamtliche Strukturen nicht funktionieren kann,“ bekräftigt Thomas Mähnert, Landesvorstand der JUH in Niedersachsen und Bremen. Die Anfang November gestartete landesweite Werbekampagne zur Ehrenamtsgewinnung „Helden bitte melden" war der erste Aufruf und Bestandteil der „Mission Bevölkerungsschutz“. Die ersten Rückmeldungen stimmen hoffnungsfroh.

Um das freiwillige Engagement und damit die Bereitschaft, sich als Bevölkerungsschützer ausbilden zu lassen und somit längerfristig einzubringen, zu erhalten bzw. noch auszubauen, muss das Ehrenamt attraktiv bleiben. Dabei spielt selbstverständlich die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf eine gewichtige Rolle. Dies alles sollte aber auch mit einer Steigerung der Wertschätzung innerhalb der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft einhergehen. Dies spiegeln auch die Ergebnisse der forsa-Umfrage wider: Bei den Anreizen für eine ehrenamtliche Tätigkeit sticht – neben dem Spaß daran, in Gemeinschaft etwas Gutes zu tun – der Wunsch hervor, der Staat möge das ehrenamtliche Engagement mit Entgeltpunkten bei der Rente anrechnen (60 Prozent insgesamt, 78 Prozent bei den unter 30-Jährigen). „Das unterstreicht unsere Forderung nach einer deutlichen Anerkennung und Wertschätzung des Ehrenamts – nicht nur in Sonntagsreden. So können wir uns Anrechnungen von Rentenpunkten und auch Boni bei der Studienplatzvergabe für ein länger andauerndes Ehrenamt vorstellen“, sagt Mähnert.

Jede Stunde hilft!

Viele Menschen waren bereits „unwissentlich“ Teil des Bevölkerungsschutzes – z.B. in der Flüchtlingshilfe oder bei Hochwasserkatastrophen. Diese sogenannten Ad-Hoc-Helfer gilt es, sinnvoll in professionelle Strukturen und Prozesse des Bevölkerungsschutzes einzubinden. „Diese ungebundenen Helfer wollen wir im Katastrophenfall ebenso in unser Team integrieren wie auch Bevölkerungsschutz-Reservisten, d.h. Freiwillige, die aufgrund von Zeitmangel wegen Familiennachwuchs oder ähnlichem nicht mehr Teil der aktiven Helferschaft sind“, sagt Thorsten Ernst, Bereichsleiter II Ausbildung, Einsatzdienste, Fahrdienste, Ehrenamt und Jugend im JUH-Landesverband Niedersachsen/Bremen. Dies erfordert neue Konzepte, welche die JUH bereits in gemeinsamen Forschungsprojekten mit anderen Hilfsorganisationen, Unternehmen und Hochschulen entwickelt. „Der professionell ausgebildete ehrenamtliche Helfer bleibt dennoch unser Fundament im Bevölkerungsschutz. Wir freuen uns aber auch über jeden Spontanhelfer, der den Weg in unser Ehrenamt einschlägt. Denn jede Stunde freiwilliges Engagement hilft!“, erklärt Ernst.

Was machen die Johanniter im Bevölkerungsschutz?

Der Schwerpunkt der Aufgaben liegt in der Betreuung der Betroffenen, sei es medizinisch oder bei Unverletzten mit dem Nötigsten wie Unterbringung, Wasser oder Nahrung. Zu einer Bevölkerungsschutzeinheit gehören Ärzte, Rettungsdienstpersonal und Mitarbeiter mit Erfahrungen in der Krisenintervention. Die logistischen Aufgaben übernehmen Helfer mit technischer, handwerklicher oder fernmeldetechnischer Begabung und Ausbildung. Die Vorlaufzeit einer Bevölkerungsschutzeinheit beträgt, je nach Art des Einsatzes, Stunden bis Tage. Der reibungslose Ablauf eines Einsatzes wird rege auf Übungen trainiert.

Für weitere Informationen für Journalisten, Politiker und interessierte Öffentlichkeitsarbeit, haben die Johanniter eine Internetseite geschaffen, die unter www.mission-bevoelkerungsschutz.de erreichbar ist.

Pressekonferenz zur forsa-Umfrage