Thorsten Ernst: Ehrenamt im Bevölkerungsschutz stärken

Hannover, 21. November 2016

Thorsten Ernst, Bereichsleiter II Ausbildung, Einsatzdienste, Fahrdienste, Ehrenamt und Jugend bei der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. im Landesverband Niedersachsen/Bremen

Thorsten Ernst (Foto: Johanniter)

Naturkatastrophen nehmen zu. Beim Elbehochwasser 2013 wurde kurzeitig der Katastrophenfall festgestellt. Terroranschläge könnten wie in Paris und Brüssel auch in Deutschland passieren. Die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Landesverband Niedersachsen/Bremen ist Teil der Bevölkerungsschutzkonzepte beider Bundesländer. Wie ist der aktuellen Stand und was fehlt aus Sicht der JUH noch, um die Folgen von Katastrophen gut bewältigen zu können?

Ein Interview mit Thorsten Ernst, Bereichsleiter II Ausbildung, Einsatzdienste, Fahrdienste, Ehrenamt und Jugend bei der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Landesverband Niedersachsen/Bremen

 

Sind Niedersachsen und Bremen mit ihren Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz gut aufgestellt?

Im Grunde ja. Vor allem im Zusammenwirken der Hilfsorganisationen sind wir im Norden ganz gut aufgestellt, um die bisher eingetretenen Katastrophenlagen gut zu bewältigen. Aber seit Ende des Kalten Krieges hat der Bund den Zivilschutz zurückgefahren. Und die Kommunen bauten Erweiterungen des Rettungsdienstes, wie die Schnelleinsatzgruppen, auf. Das System des Bevölkerungsschutzes muss nun aber weiterentwickelt werden, weil sich die möglichen Bedrohungslagen und Aufgaben in der Katastrophenhilfe geändert haben.

Rechnen Sie mit neuen Katastrophengefahren?

Wir sind in den letzten Jahren im Norden zwar von Großschadenereignissen und Katastrophen weitgehend verschont worden, abgesehen von Stürmen und dem Hochwasser 2013. Wir wissen aber, dass Starkregenereignisse und Stürme wegen des Klimawandels zunehmen werden. Das heißt im Norden auch: Wir müssen gerüstet sein für Sturmfluten und unter Umständen länger andauernde und großflächige Hochwasser oder auch längere Stromausfälle. Selbst wenn wir die Rettung der Betroffenen zusammen mit allen Hilfsorganisationen, dem THW und vor allem der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren noch hinbekommen, die Versorgung für tausende Menschen über Wochen – im schlimmsten Falle – sicherzustellen, ist schwierig.

Woran fehlt es bei einer solchen Lage?

Menschen und modernem Material. Hier stoßen wir bei einer großen Lage an Grenzen. Das haben wir bei der Ankunft der Geflüchteten seit Herbst 2015 gesehen. Da sind wir über unsere Grenzen hinausgewachsen, vor allem unsere ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich vorbildlich eingesetzt haben! Aber irgendwann mussten sie auch wieder ihrer Arbeit nachgehen. Viele nahmen sich Urlaub, um zu helfen. Und das kann nicht der Plan sein; wir sorgten dafür, dass sie sich nicht selber überfordern. Also haben wir die Ehrenamtler sukzessive durch angestelltes Personal ersetzt. Auch beim Material stießen wir an Grenzen. Es muss ergänzt und modernisiert werden. Das Land Niedersachsen hat uns zwar in der Flüchtlingshilfe optimal und unbürokratisch geholfen. Und die Zusammenarbeit mit dem Innenministerium war wirklich vorzüglich; unsere Expertise wurde aufgegriffen, unsere Hilfsstrukturen wurden erfolgreich ergänzt, um den Geflüchteten gut zu helfen. Wir müssen diese Erfahrungen nun aber nutzen, um den Bevölkerungsschutz im Norden weiter auszubauen.

Wann sind die vom Bund finanzierten Medizinischen Task Forces in Niedersachsen voll einsatzbereit?

Wir liegen im Zeitplan und werden hier im Norden bis 2020 die volle Planstärke erreichen. Die Medizinische Task Force ist ein gutes Konzept des Bundes, das die Strukturen des Bevölkerungsschutzes und hier vor allem des Zivilschutzes im Verteidigungsfall stärkt. Gut ist auch, dass die Länder sie im Katastrophenfalle einsetzen können. Aber vergleichbare Strukturen gab es früher bereits und sie wurden eingespart. Nun werden sie vom Bund wieder eingerichtet und finanziell ertüchtigt. Generell freuen wir uns über die seit einigen Jahren spürbar erhöhte Bereitschaft des Bundes, sich im Zivilschutz wieder stärker zu engagieren. In diesem Zusammenhang begrüßen wir auch das neue Zivilschutzkonzept von Innenminister Thomas de Maizière.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Katastrophenvorsorge?

So wachsam wie der Bund und die Länder sind, so sensibel sollte auch die Bevölkerung sein. Wir müssen uns alle auf neue Bedrohungslagen wie Terror, einen Störfall oder die Folgen des Klimawandels gerade in einer Küstenregion einstellen. Den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern ist klar, dass jederzeit eine Katastrophe eintreten kann. Schon ein tagelanger Stromausfall bringt eine moderne Gesellschaft aus dem Tritt. Hier muss jeder vorsorgen, weil es in einer solchen Großschadenlage Tage dauern kann, bis Hilfe für alle organisiert ist. Jeder Haushalt sollte mindestens eine Woche autark sein mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten. Auch die Schulen sehe ich in der Pflicht, das Thema Bevölkerungsschutz altersgerecht zu behandeln. Wir Johanniter unterstützen die Lehrer gerne im Unterricht.

Müssten Bund und Länder ihre Budgets im Zivil- und Katastrophenschutz erhöhen?

Ja, denn in vielen Bereichen haben sich die Kosten erhöht. Modernes Einsatzmaterial ist teurer als früher, leistet aber auch mehr. Vor allem in die Ausbildung unserer ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer müssen wir immer mehr investieren. Grund dafür sind auch neue gesetzliche Bestimmungen. Früher konnten Sie mit einem Führerschein Klasse III Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht bis 7,49 Tonnen fahren. Heute müssen wir unsere jungen Leute den Führerschein für Lkws finanzieren, damit sie später das schwere Gerät überhaupt fahren dürfen. Und selbst die Grundausbildungen unserer verschiedenen Helfer sind aufwendiger und teurer geworden.

Der Bevölkerungsschutz wird zu über 90 Prozent von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern getragen. Finden Sie noch genügend Menschen für die ehrenvollen Aufgaben?

Es ist schwieriger geworden. Wir spüren die demografische Entwicklung: Viele Ältere, die ausscheiden, bekommen wir nicht in gleicher Anzahl durch junge Leute ersetzt. Daneben verändert sich auch die Art des Engagements. Jüngere arbeiten lieber in Projekten und haben nur wenig Freizeit für ein gleich- und regelmäßiges Engagement. Früher brachte es ein ehrenamtlicher Helfer oftmals auf über 200 Stunden pro Jahr sowohl bei Einsätzen als auch mit Fortbildungen. Wir haben uns darauf eingestellt und unsere Planungen für Einsätze und Bildungsangebote angepasst. Bei der Berechnung von Reservekräften für Katastrophenschutzeinheiten planten wir früher mit doppelter Besetzung, heute mit vierfacher, weil der oder die einzelne Helfer/-in eben nicht mehr als ein paar Stunden Zeit aufbringen kann. Positiv auf die Gewinnung von Nachwuchskräften wirkt sich weiterhin unser Engagement in Schulen, beispielsweise im Schulsanitätsdienst, aus. Bei den Erste-Hilfe-Kursen sind viele Jugendliche spontan an einer Mitarbeit interessiert. Insgesamt wünschen wir uns aber noch viel mehr engagierte Leute, die bei uns im Bevölkerungsschutz mitmachen wollen. Je mehr Menschen bei uns mitwirken, desto geringer wird die Belastung des Einzelnen.

Wie bereitet die Johanniter-Unfall-Hilfe haupt- und ehrenamtliche Kräfte auf einen Katastrophenfall in Niedersachsen und Bremen vor?

Schon in der Jugendarbeit führen wir die jungen Leute an die verschiedenen Einsatzgebiete heran und schauen, welche Talente und Neigungen sie haben. Je nach Interesse bieten wir dann unentgeltliche Ausbildungen an in den Bereichen Medizinische und Technische Hilfe sowie Verwaltung, Führung und Betreuung. So bereiten wir sie auf Einsätze vor, in denen sie ihr neues Wissen anwenden können. Durch ihre Arbeit in den Verbänden vor Ort erwerben unsere Helferinnen und Helfer zudem soziale und kommunikative Fähigkeiten. Viele unserer angestellten Mitarbeiter kommen aus dem Ehrenamt. Diese erhalten dann weiterführende Ausbildungen. Wir beobachten, dass Einsätze im Sanitäts- und Rettungsdienst unsere Leute stärker machen. Hier zeigt sich, dass wir eine gute Mischung aus Bildungs- und Einsatzphasen bieten, die unsere Helfer optimal auf den Katastrophenfall vorbereiten.

Was könnten Politik und Wirtschaft unternehmen, um mehr Bürgerinnen und Bürger für die ehrenamtliche Arbeit im Bevölkerungsschutz zu ermutigen?

Wir brauchen generell mehr Wertschätzung aus Politik und Wirtschaft für das Engagement im Bevölkerungsschutz. Die freiwillige Arbeit ist mehr als ein Hobby; es ist immer auch ein Dienst für das Gemeinwesen. Immer noch tun sich viele Arbeitgeber schwer, ehrenamtliche Kräfte für Weiterbildungen, Übungen oder Einsätze freizustellen. Dazu sind sie allerdings nur im Katastrophenfall gesetzlich verpflichtet. In der Praxis ist es vor allem für Kleinbetriebe schwierig, wenn ein wichtiger Mitarbeiter fehlt. Die Arbeitgeber sollten aber bedenken, dass auch sie ganz schnell auf die Hilfskräfte angewiesen sein könnten – bei einem Unwetter oder Hochwasser. Wir würden uns auch darüber freuen, wenn kommunale Mitarbeiter sich mehr im Bevölkerungsschutz engagieren würden. Hier wären die Bürgermeister und Personaldezernenten gefragt, ihre Mitarbeiter zu bestärken, bei uns mitzumachen. Aber auch Unternehmen, die gerne mit Corporate-Social-Resonsibility-Projekten ihre gesellschaftspolitische Verantwortung demonstrieren, sollten es befürworten, dass sich ihre Mitarbeiter bei uns ehrenamtlich einbringen.

Stimmen die politischen Rahmenbedingungen für das Ehrenamt bei den Hilfsorganisationen?

Der Bund überprüft gerade, wie er das Ehrenamt stärker fördern kann. Und sicherlich sind die Ehrenamtskarten der Länder sowie die Übungsleiterpauschalen schon die richtigen Schritte. Ich würde aber noch weiter gehen. Wer sich im Bevölkerungsschutz engagiert, setzt sich selber Risiken aus, um in Notlagen der Gemeinschaft zu helfen. Hierbei geht alleine für die Vorbereitung, Übungen und Einsätze viel Zeit drauf. Klar ist, dass diese Zeit nicht vergütet werden kann. Aber sie sollte anerkannt werden. So kann ich mir vorstellen, dass unsere Helfer bei der Studienplatzvergabe einen Bonus erhalten: kürzere Wartezeiten und die Garantie auf einen Studienplatz am Heimatort ihrer Einsätze. Oder beispielsweise bei der Rente. Warum rechnen wir ehrenamtlichen Helfern für ihre Arbeit bei den Hilfsorganisationen, dem THW und den Freiwilligen Feuerwehren nicht einen Bonus bei der Rente an? Ich kann mir vorstellen, dass beispielsweise ein voller Rentenpunkt für jeweils zehn volle Ehrenamtsjahre einen großen Anreiz bildet, dass sich einige Bürger gerade mit kleinen und mittleren Einkommen im Bevölkerungsschutz engagieren.

Thorsten Ernst im Kurzporträt