Herausforderungen eines 48-Stunden-Einsatzes

Hannover, 14. März 2018

Fotonachweis: Johanniter/Bettina Martin

Das Land Niedersachsen hat mit Erlass vom März 2017 die Aufstellung der Einheiten des Sanitäts- und Betreuungsdienstes sowie der Wasserrettung im Katastrophenschutz neu geregelt. Aus den Erfahrungen der letzten Hochwassereinsätze und der Bewältigung der Flüchtlingssituation 2015/2016 wurde unter Federführung des niedersächsischen Innenministeriums und Beteiligung der fünf Hilfsorganisationen, Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst und Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, ein modulares System entwickelt, welches den Anforderungen des Flächenlandes Niedersachsen gerecht wird. Den Einsatz von Material, Gerät und Helfern für den Betreuungseinsatz haben die Beteiligten in der Beschreibung des Einsatzverbandes „Betreuungsplatz 500 Niedersachsen (BTP 500 NDS)“ festgelegt.

Der „BTP 500 NDS“ ist in der Lage, innerhalb von zwölf Stunden in einer Liegenschaft mit festen Gebäuden behelfsmäßig bis zu 500 Personen vorläufig oder zeitlich begrenzt (mind. 48 Stunden) unterzubringen, zu betreuen und zu verpflegen sowie sanitätsmäßig zu versorgen.
Hierfür kommen unter der Leitung einer Führungsgruppe zwei Einsatzzüge Sanität und Betreuung, eine Gruppe Logistik und Technik sowie zwei Verpflegungsgruppen in einer Gesamtstärke von 10/14/74/98 zum Einsatz.

Mit der Aufnahme der Verpflegungsgruppen in den „BTP 500 NDS“ wird ein wichtiger Punkt in der Versorgung der Bevölkerung und der Einsatzkräfte für die Zukunft auf eine feste Basis gestellt.
Eine Verpflegungsgruppe versorgt unter Leitung einer Gruppenführerin oder eines Gruppenführers mit acht zusätzlichen Helfern die zu betreuenden Personen sowie das Katastrophenschutz-Personal mit Verpflegung. Der Gruppe stehen ein Gerätewagen Verpflegung mit Feldkochherd (TFK 250) sowie ein Mannschaftstransportwagen mit Kühlanhänger zur Verfügung. Die Mindestbeladung der Fahrzeuge für die Verpflegung von rund 300 zu betreuenden Personen und Einsatzkräften ist im „Einsatzkonzept für den Katastrophenschutz in Niedersachsen“ festgelegt.

Michael Homann, Fachbereichsleiter Bevölkerungsschutz und Ehrenamt im Johanniter-Landesverband Niedersachsen/Bremen, fasst zusammen: „Mit der Integration der Verpflegungsgruppen in die Konzeption des Katastrophenschutzes in Niedersachsen wurde die Versorgung der Bevölkerung und der Einsatzkräfte wieder zielführend ausgerichtet. Einsätze bei Wetterereignissen, Betreuung von Reisenden, Versorgung der Bevölkerung in Hochwassergebieten, Evakuierungsmaßnahmen bei Kampfmittelbeseitigungen werden diese Einheiten in Zukunft beschäftigen.“

Einsatzbericht: Die Verpflegungsgruppen der Johanniter aus Hannover im 48-Stunden-Einsatz

48 Stunden können lang werden. Besonders im Katastrophenfall. Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen müssen während eines so langen Einsatzes einiges beachten. Material muss beschafft werden, Personal koordiniert und letztlich verpflegt werden. Wie die Verpflegung während eines so langen Einsatzes bei den Johannitern vom Ortsverband Hannover-Wasserturm aussieht und organisiert ist, berichtet Gruppenführerin Dana Jörk (29). Sie ist im Ortsverband für die Verpflegungsgruppen zuständig.

 „Eine der ersten Aufgaben bei einer Alarmierung ist, zu schauen, welche Einsatzkräfte zur Verfügung stehen, welche Teams ich bilden kann und wie ich mit ihnen die Wagen besetze“, beschreibt Jörk den Ablauf eines Einsatzes. Wenn das geklärt ist, führt der nächste Weg ins Lager. Hier finden vor allem Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Reis oder Mehl ihren Weg auf die Fahrzeuge. Daraus lassen sich schnell einfache Gerichte kochen. Für die erste warme Mahlzeit sind die Johanniter aber mit verschiedenen Dosensuppen gewappnet, die im Lager auf ihren Einsatz warten. Rund 700 Portionen sind bereits auf den Fahrzeugen fest verlastet, bevor dann frisch gekocht wird.

„Wichtig ist die ständige Abrufbereitschaft der Ehrenamtlichen. Das bedeutet, dass sie auf einen Einsatz über 48 Stunden Dauer vorbereitet sind und dementsprechend auch ihre Familien und Arbeitgeber hier miteinbeziehen“, macht die Gruppenführerin deutlich. So müssen die Helfer darauf achten, dass gegebenenfalls Kinder oder Haustiere versorgt sind oder persönlich notwendige Medikamente dabei sind. Bis zu eineinhalb Stunden können so nach der Alarmierung an Vorbereitung benötigt werden.

Eine gute Organisation ist bei einem Katastrophenfall unabdingbar. Die Helfer achten vor Ort darauf, die Räumlichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht zuzustellen und lange Wege zu vermeiden. Auch zu schauen, wo die besten Ausgabestellen oder wo Strom- und Wasseranschlüsse sind, gehört zu den Aufgaben der Verpflegungsgruppe. Ein ebener Untergrund, auf dem die Helfer ihre Küche aufbauen können, sollte eigentlich Grundvoraussetzung sein. Doch aus Erfahrung weiß Dana Jörk, dass dem nicht immer so ist. „Wir sollten uns einmal auf einer regennassen Wiese platzieren“, berichtet die Johanniterin. Das sei aber aus technischen und hygienischen Gründen nicht möglich gewesen. Für die Einsatzkräfte wurde in diesem Fall ein Ort gefunden, der mit einem ebenen Boden besser geeignet war.

Die Hygiene ist ein wichtiger Faktor bei der Verpflegung, auch im Katastrophenfall. So gehören zu einer aufgebauten Verpflegungsstelle eben nicht nur eine Küche oder Ausgabestelle, sondern auch Mülleimer, Ablageplätze für den gesammelten Müll und eine Hygienestation für die Verpflegungskräfte. „Unsere Helfer müssen eine Hygiene-Schulung absolvieren, bevor sie in den Einsatz gehen. Das schreibt das Gesundheitsamt vor“, erklärt Dana Jörk. So ist zum Beispiel eine Kopfbedeckung Pflicht, die Haare müssen zusammengebunden sein und auch das richtige Hände waschen und desinfizieren lernen die Teilnehmer. „Es werden Fragen geklärt, wie wir Lebensmitteln lagern können oder welches Gemüse wann Saison hat“, so Jörk. Darüber hinaus bilden die Johanniter ihre Ehrenamtlichen laufend intern fort.

Am Einsatzort halten die Helfer eine sogenannte Rückstellprobe für das Gesundheitsamt vor. Damit können die Ehrenamtlichen im Fall von Krankheiten nachweisen, dass das ausgegebene Essen nicht die Ursache ist. Denn Lebensmittel müssen auch nach den gesetzlichen Bestimmungen erhitzt werden. „Wir haben uns eine eigene Grenze gesetzt, um auf jeden Fall oberhalb der gesetzlichen Vorgaben zu bleiben“, sagt Dana Jörk. Die Johanniter erhitzen ihre Speisen grundsätzlich über 75 Grad Celsius, sodass sie in den Thermoforen möglichst lange heiß und damit schmackhaft bleiben.

„Für uns als Verpflegungsgruppe ist es wichtig, zu wissen, wer überhaupt versorgt werden muss“, so Dana Jörk. Da seien sie vor allem auf die Betreuungshelfer angewiesen, die nähere Angaben zur Personenzahl, zum Gesundheitszustand und zur Altersstruktur der Betroffenen machen können. „Bei vornehmend älteren Menschen müssen wir darauf achten, dass die Lebensmittel nicht blähen und gut zu kauen sind. Generell müssen wir aufpassen, dass die Gerichte nicht zu stark gewürzt sind, weil es eventuell zu Wechselwirkungen mit Medikamenten kommen kann. Wenn wir Kleinkinder oder Babys versorgen müssen, brauchen wir spezielle Babynahrung und achten bei Kindern generell darauf, dass es so schmeckt, wie sie es von zu Hause kennen“, sagt die Gruppenführerin. Gerade Kinder seien kritische Esser. Ebenfalls mit dabei: kleines Besteck, Flaschen oder Wärmebehälter. Pampers oder Hygieneartikel für pflegebedürftige Menschen stellen indes die Betreuungsgruppen der Einsatzzüge Sanität und Betreuung zur Verfügung.

Die Helfer stellen sich bei ihren Einsätzen auf besondere Ernährungsweisen ein und nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen, die verpflegt werden müssen. Für die erste Mahlzeit sind vegetarische Suppen ebenso an Bord wie Gerichte mit und ohne Schweinefleisch. Außerdem gibt es laktose- oder glutenfreie Speisen. „Wir sind aber auch in diesen Fällen auf die Zuarbeit der anderen Gruppen angewiesen“, so Jörk. „Sie müssen uns sagen, wenn etwas Bestimmtes fehlt.“ Und: „Je genauer die Daten sind, umso besser können wir vor Ort planen und die entsprechend benötigte Menge kochen.“

Diese Angaben bekommen die Ehrenamtlichen meist während des Aufbaus der Verpflegungsstelle. In der Zeit würden bereits die Getränke bereitgestellt, so Dana Jörk. „Die großen Industrie-Kaffeemaschinen benötigen etwa eine Stunde, um durchzulaufen.“ Kaffee, Tee, aber auch Kaltgetränke gehören zum Standardprogramm des Küchenteams.

Während eines so langen Einsatzes können sich die Einsatzkräfte selten komplett aus dem eigenen Lager versorgen. Dana Jörk und ihre Helfer schauen daher vor Ort, wo sie den nächsten Großhandel finden, einkaufen und mit den Lebensmitteln frisch kochen können. „Vielleicht hat einer der Kollegen, die dort leben, Kontakte, die wir nutzen können.“ Für ihre Organisation am Einsatzort haben sich die Helfer Magnettafeln produzieren lassen. Die können sie an die Wände der Fahrzeuge kleben und darauf markieren, was es zu essen gab, wie viele Portionen ausgegeben oder welche Utensilien zum Beispiel verliehen wurden. Auch wann die nächste Mahlzeit ansteht oder ob Einsatzkräfte oder Betroffene dauerhaft vor Ort sind und so ständig eine Verpflegung gewährleistet sein muss, ist für die Johanniter wichtig zu wissen. Genauso muss Dana Jörk das Personal koordinieren und einen Schichtplan aufstellen.

Nach zwei Tagen Einsatz im Katastrophenfall ist für die Helfer erst einmal Schluss. Zurück auf der Dienststelle am Kabelkamp in Hannover machen sich die Ehrenamtlichen ans Aufräumen und Reinigen der Geräte. Je nachdem, wie verschmutzt die Behältnisse und Utensilien sind, ist frühestens nach zweieinhalb Stunden Feierabend und die notwendige Erholung angesagt.

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