Gruß des Ordensdekans

Berlin, 22. März 2020

Der heutige Sonntag heißt seit alters her „Laetare“, weil der Psalm des Sonntags mit einem Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja eingeleitet wird: „Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über sie alle, die ihr sie liebhabt“ (Jesaja 66,10). Und eigentlich soll man an diesem Sonntag, der auch „das kleine Ostern“ heißt, in der Mitte der Passionszeit schon einmal auf Ostern vorausblicken und sich auf das große Fest freuen. Vielen unter uns dürfte es aber gerade außerordentlich schwer fallen, sich auf Ostern zu freuen – zu sehr fesseln uns in diesen Tagen Angst und Sorge. Eine Pandemie hat unser alltägliches Leben tief-greifend verändert, ein Virus hat unsere Welt in wenigen Tagen komplett verändert: Manche von uns dürfen ihre Eltern und Großeltern nicht mehr besuchen, weil die zur Hochrisikogruppe gehören und sorgen sich um deren Gesundheit, andere arbeiten Tag und Nacht im Gesundheitswesen und können nun nicht einmal mehr ihre Ehepartner und Kinder umarmen. Wieder andere wissen nicht, wie sie im nächsten Monat noch die Gehälter zahlen sollen, weil alles still steht.
In diesen Tagen erfahren wir etwas, was wir sonst im Alltag meist verdrängen: Wir scheinen einer ano-nymen, unsichtbaren und in vielem noch rätselhaften Macht ausgeliefert, einem Virus, und die Natur, die wir sonst in diesen Frühlingstagen so fröhlich genießen, zeigt eine ganz hässliche Seite. Wir, die wir sonst gewohnt sind, unser Leben energisch zu organisieren, erleben, was Paul Gerhardt in einem seiner Lieder eigentlich tröstlich meint: „ … bist du doch nicht Regente, der alles führen soll“. Plötzlich werden biblische Texte wichtig, in denen immer schon davon die Rede war, dass durch die gute Schöpfung Gottes ein Riss geht und diese Welt den Menschen auch eine ganz hässliche Seite zuwenden kann und wir stumm und sprachlos davor stehen. Umso dankbarer bin ich, dass ich persönlich zwar in gewissem Sinne macht-los und als medizinischer Laie auch sprachlos vor dem Virus stehe, aber schon in der unmittelbaren Nachbarschaft Tag für Tag und Nacht für Nacht Menschen gegen das Virus kämpfen, in Forschungsin-stituten und Krankenhäusern, in Alten- und Pflegeheimen – darunter sind viele Johannitereinrichtungen – und in ganz alltäglichen Formen der Hilfe: „Wenn Sie erkranken, kaufen wir natürlich ein und stellen auch gern Essen vor die Tür“, sagte eine Nachbarin vorgestern. Täusche ich mich, oder handeln die sensiblen und zugewandten Menschen jetzt noch zugewandter und sensibler? Das, so finde ich, tröstet darüber hinweg, dass man in solchen Zeiten auch die hässlichen Züge der Welt vielleicht deutlicher sieht als sonst.
Im angespielten Lied „Befiehl du deine Wege“ von Gerhardt heißt es: „Auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl“. Gott sehe ich mit meinen irdischen Augen nicht. Aber gerade, wenn ich mich selbst so machtlos fühle gegenüber einem gefährlichen Virus und der Pandemie, die das Virus ausgelöst hat, sehe ich, wie Gott uns hilft, vor dem Virus nicht machtlos und in stummer Furcht zu bleiben: Er schenkt Menschen im Gesundheits- und Pflegewesen Verstand, die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen und den Kampf um die Gesundheit von Erkrankten nach allen Regeln der medizinischen Kunst zu führen. Er schenkt uns Phantasie, uns dort für die „Herren Kranken“ einzusetzen, wo es besonders nötig ist – und sei es beim Nachbarn, an der Tür gegenüber. Wir Christenmenschen sehen in diesen alltäglichen hoffnungsvollen Zeichen einer Gesellschaft, die sich gegen eine schwere Bedrohung gemeinsam verteidigt. Wir erkennen die Folgen der guten Gaben Gottes für seine Schöpfung und uns Menschen. Und wir begreifen in diesen Tagen sogar, dass auch gegen zutiefst schäd-liche Kräfte dieser Welt Gottes gute Schöpfung triumphieren will: Vor meinem Fenster treiben die Bäume mit Macht ihre Knospen aus und wollen Blätter wie Blüten hervortreiben.

Wir stehen zusammen in den Sorgen, Ängsten und Nöten dieser Tage. Wir handeln als johanniterliche Familie getreu dem uralten Ordensauftrag und kämpfen gegen das Virus mit der professionellen Künsten, die wir erlernt haben und zu denen Gott uns begabt hat, oder mit der Phantasie, die er denen schenkt, die auch mit ihren kleinen Kräften helfen und Gutes tun wollen. Wir fühlen uns getröstet durch unseren festen Glauben, dass wir nicht allein gelassen sind und stumm stehen vor einer gefährlichen Bedrohung, sondern dass „Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen“. Dietrich Bonhoeffer hat das geschrieben, als er im Gefängnis saß und befürchten musste, nicht mit dem Leben davon zu kommen. Und das gilt auch dann, wenn es häusliche Quarantäne ist, in der wir sitzen, und das bange Warten auf ein Testergebnis uns in schwere Sorge stürzt.
Mir sind Gedanken, wie sie Bonhoeffer und Gerhardt formulieren, ein großer Trost. Denn es hilft mir, wenn ich mir solche Zusammenhänge vergegenwärtige und an entsprechende Szenen der letzten Tage denke, wo ich Menschen im beherzten Kampf gegen die Pandemie erlebt habe. Glücklicherweise gibt es in diesen Tagen viele Gelegenheiten, sich trösten zu lassen, wenn uns Angst, Sorgen und Kummer über-wältigen wollen: In vielen Kirchengemeinden wird um 12:00 und um 18:00, gelegentlich auch um 15:00 geläutet. Wir können beim Läuten mit der Arbeit innehalten und uns im Gebet untereinander und mit Gott verbinden. Ein „Vater unser“ auf der Höhe des Tages und dazu vor Gott getragen, was uns beson-ders belastet und an wen wir besonders denken wollen – so hat es heute auch der Papst vorgeschlagen und in dieser uralte Brauch verbindet uns weit über alle Grenzen, die gegenwärtig wieder so trennen müssen. Die Evangelische Kirche in Deutschland regt dazu an, um 19:00 auf den Balkon zu treten und „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen und auf diese Weise auch den „kranken Nachbarn“ Gesundheit und guten Schlaf zu wünschen. Man kann aber auch im stillen Kämmerlein „Befiehl du deine Wege“ singen oder lesen; auch das Gebet von Bonhoeffer eignet sich zum Nachsprechen:
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstand-kraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und daß es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, daß Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern daß er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
„In dir ist Freude in allem Leide“ – es gibt Gründe, sich gerade in dieser schwierigen Zeit an Dinge zu erinnern, die Freude machen. Dass Gott uns hilft in unserem Kampf gegen eine Pandemie, dass er uns nicht allein lässt in Angst, Kummer und Sorgen, ist ein solcher Grund zur Freude. Heute sollte eigentlich das Kapitel des Ordens in Jerusalem in der Evangelischen Erlöserkirche sein und sich dort mit Jerusalem freuen. Wir hoffen nun alle, dass wir das im nächsten Jahr tun können und sind im Augenblick mit den Menschen in Jerusalem über unsere Gedanken und Erinnerungen, aber auch über das Gebet verbunden. „Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über sie alle, die ihr sie liebhabt“. Ich hoffe sehr, dass Ihnen in den Tagen der Woche, die heute angebrochen ist, solche Freude immer wieder einmal geschenkt wird. Ich vertraue darauf, dass wir alle solche Freude verbreiten mithelfen können. Freude ausbreiten hilft auch zur Gesundheit, wie uns die medizinische Wissenschaft lehren kann. „Gehilfen eurer Freude“ wollen wir in diesen Tagen einander sein, wie es der Apostel Paulus seinen Gemeinden war, Helfer beim Freuen, wie es Jesus Christus den Menschen war, wie es unser Vater im Himmel ist.
Und so wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen viel Gesundheit und Gelassenheit in diesen schwie-rigen Tagen, Kraft beim Kampf gegen die Pandemie und möglichst auch dann und wann Freude, wie es zu diesem Sonntag und dieser ganzen Woche gehört.

Ihr Christoph Markschies, Ordensdekan