Sommerlager 2006

Schon im Vorfeld des Johanniter-Sommerlagers wurde ich gewarnt: „Wer einmal dabei ist, wird süchtig.“ Stimmt!

Etwa 20 geistig und körperlich behinderte Jugendliche verbringen gemeinsam mit ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuern eine Woche in dem idyllisch gelegenen Pfadfinderlager Lilienwald vor den Toren Frankfurts. Jeweils 6-8 Personen wohnen gemeinsam in Hütten oder Zimmern des Haupthauses, man spielt, singt und bastelt zusammen in verschiedenen Gruppen; isst und feiert gemeinsam und teilt alle Erlebnisse, die sich in dieser Woche ergeben. Dadurch wird den behinderten Gästen Gelegenheit gegeben, Urlaub zu machen und vom Alltag in ihren Familien oder Heimen Abstand zu gewinnen. Zugleich werden die Angehörigen entlastet. Aber auch für die Betreuer ist die Zeit im Sommerlager ein Gewinn, öffnet sie doch den Blick für Angehörige unserer Gesellschaft, die sonst eher am Rande stehen, und erlaubt persönliche Erfahrungen, die das so genannte Tagesgeschäft nicht bieten kann.

Reichhaltiges Programm und vielfältige Aktivitäten

Ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Programm an Arbeitsgruppen und Veranstaltungen bot auch dieses Jahr den Rahmen für viele gemeinsame Erlebnisse. Das Angebot, sich gemeinsam zu betätigen, umfasste dabei: Malen und Zeichnen, Singen und Musizieren, Seidenmalerei, Window-Painting, Ball- und Gesellschaftsspiele, den Bau von Musikinstrumenten sowie das Zimmern eines Altars für den Abschlussgottesdienst. Bei diesem Angebot war für jeden etwas dabei, um sich nach Neigung und Fähigkeit einzubringen. Es ist erstaunlich, welche Talente die Gäste bei den gemeinsamen Aktivitäten an den Tag legen; seien es taktische Finessen beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, seien es künstlerische Begabungen beim Malen, Zeichnen oder Musizieren. Darüber hinaus haben die Gäste Gelegenheit, Neues zu probieren: Erfolgserlebnisse sind zum Beispiel der erste selbst eingeschlagene Nagel, das erste selbst gesägte Brett oder die gelungene Moderation einer Fotoshow vor versammelter Mannschaft. Die Gäste verstehen es immer wieder, die Betreuer – und vielleicht auch sich selbst – durch ungeahnte Fähigkeiten zu überraschen.

Besondere Erlebnisse bieten die an fast allen Tagen stattfindenden Veranstaltungen oder Ausflüge. Spektakulär war eine Vorführung der JUH Hundestaffel Gießen. Die Hunde zeigten zur Begeisterung von Gästen und Betreuern ihren Mut und ihre Geschicklichkeit bei Rettungsübungen und ließen sich anschließend brav von den Gästen streicheln. Bei Besuchen des JUH Rettungsdienstes wurden unter Einbeziehung der Gäste Rettungseinsätze simuliert und Wunden geschminkt. Weiterer Höhepunkt war eine Einladung von Herrn und Frau v. Erffa zum therapeutischen Reiten nebst anschließendem Mittagessen im heimischen Garten. Weitere Veranstaltungen waren der Besuch eines Zauberers sowie ein Ausflug in das Freilichtmuseum Hessenpark, der von der Investmentbank Goldman Sachs spendiert wurde. Schließlich begaben sich Gäste und Betreuer auf eine Schnitzeljagd, bei der an verschiedenen Stationen lustige Aufgaben zu bewältigen waren. Langeweile kam nie auf.

Großen Anklang fand auch die allabendlich stattfindende Freiluftdisco. Auch hier zeigten manche Gäste, die tagsüber eher zurückhaltend waren, wahre Tanz- und Bewegungstalente. Zum Tagesabschluss fand stets die so genannte „Tagesschau“ statt: sämtliche Betreuer und Gäste versammelten sich, um anhand von tagesaktuellen Fotos, die von einem Beamer auf eine Wand projiziert und abwechselnd von Gästen und Betreuern mit lustigen Kommentaren versehen wurden, den Tag Revue passieren zu lassen.

Für den geistlichen Rahmen des Sommerlagers sorgte unter anderem Pfarrer Manfred Jahn, der nicht nur den Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst leitete, sondern jeweils vor dem Abendessen die alttestamentarische Geschichte von Joseph unterhaltsam erzählte. Diese war auch zentrales Thema der Predigt des feierlichen Abschlussgottesdiensts und den selbst gestalteten Altarbildern.

Perfekte Organisation

Die Organisation des Sommerlagers spielte sich reibungslos und perfekt im Hintergrund ab, so dass die Betreuer, die nicht gleichzeitig Organisationsaufgaben hatten, ihre Aufmerksamkeit voll und ganz den Gästen widmen konnten. Vom Organisationsteam war an alles gedacht und für alles gesorgt. Angefangen bei der Beschaffung der Materialien für die Workshops, der Organisation der Veranstaltungen bis zu der für die Stimmung im Lager nicht hoch genug einzuschätzenden leiblichen Verpflegung. Das Küchenteam nahm nicht nur auf die verschiedenen Essgewohnheiten und Diäten der Gäste Rücksicht, sondern überraschte immer wieder aufs Neue mit abwechslungsreicher und exzellenter Kost.

Eine große Gemeinschaft

Es ist faszinierend zu erleben, wie Unsicherheiten im gegenseitigen Umgang durch die unmittelbare Herzlichkeit und Offenheit der Gäste und Betreuer erst gar nicht aufkommen können. Von Anbeginn an besteht das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ohne dass geistige oder körperliche Fähigkeiten oder sonstige Statusunterschiede eine Rolle spielen. Das ist ein ganz besonderer Zauber des Sommerlagers, der alle, die davon ergriffen wurden, aus ihrem Alltag ausbrechen und immer wieder sehr gerne kommen lässt.