17. Nachwuchstagung in Berlin 2013

40. Mitteilungsblatt, 15. April 2014

Die 17. Nachwuchstagung der Schlesischen Genossenschaft, an der 16 Ritterbrüder, Anwärter und Gäste teilgenommen haben, fand am 26. Oktober in Berlin unter der Leitung unseres Kommendators,  Michael Prinz Biron von Curland, statt. Seit Jahren liegt die Organisation der Nachwuchstagung in den Händen unseres Ritterbruders Clemens Graf von Beust. Es ist eine schöne Tradition, dass die Nachwuchstagung in einer lockeren und vertraulichen Atmosphäre stattfindet. So zeichnet sie sich immer wieder durch offene und leidenschaftliche Gespräche und damit einem tiefergehenden Gedankenaustausch aus. Für die sehr gelungene Organisation gebührt unserem Ritterbruder ein herzlicher Dank!


Als Gastreferent wurde dieses Jahr der bekannte Journalist und Buchautor Peter Pragal eingeladen. Geboren 1939 in Breslau, floh er im Alter von 5 Jahren zusammen mit seiner Familie in den Westen. Nach dem Studium nahm er seine berufliche Tätigkeit als Journalist bei der Süddeutschen Zeitung auf. 1974 zog er nach Berlin und berichtete, als erster in Ost-Berlin lebender bundesdeutscher Korrespondent, aus der Hauptstadt der DDR. 1979 wechselte er zum Stern, für den er zunächst in Bonn tätig war. 1984 zog er als Korrespondent erneut nach Ost-Berlin.


1980 fuhr Herr Pragal erstmals wieder nach Breslau. Eindrucksvoll erzählte er auf unserer Tagung über seine Erwartungen und Enttäuschungen. Enttäuschungen, weil er die Stadt Breslau, seine alte Heimat, die er aus den Erzählungen seiner Eltern kannte und liebte, nicht vorgefunden hatte. Die deutsche Vergangenheit der Stadt wurde verleumdet. Ernüchtert kam er zurück nach Deutschland und verlor so zunächst das Interesse an Breslau und Schlesien.


Nach langen 22 Jahren führte 2002 sein Weg jedoch erneut nach Breslau. Überraschend stellte er fest, dass in Polen ein neuer Zeitgeist herrschte! Die deutsche Vergangenheit Schlesiens wurde anerkannt und war in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wieder präsent. Er reiste in den folgenden Jahren mehrfach nach Schlesien und seine emotionale Bindung an die alte Heimat und Heimatgefühle erwachten von Neuem. Für sich stellt er heute fest, dass Berlin nur seine Wahlheimat ist. Seine Heimat aber ist Schlesien!


Mit dieser Erkenntnis fragte er sich, was wohl die jüngere Generation seiner Familie noch über die alte Heimat denkt und fühlt. Er entschied sich per Rundschreiben seine Kinder, Nichten und Neffen zu interviewen. Die Auswertung der Antworten brachte im Wesentlichen zwei Erkenntnisse: die Kenntnisse der Geschichte Schlesiens sind mehr als bescheiden und eine emotionale Bindung war nicht vorhanden. Keiner fühlte sich mehr als Schlesier! Den Grund hierfür sieht er in erster Linie in dem Versäumnis der älteren Generation, die Geschichte und ihr Wissen über die alte Heimat an die nächste Generation weiter zu geben. So beendete Herr Pragal seinen Vortrag auch mit einem nüchternen Fazit: Mit der älteren Generation wird die emotionale Bindung an Schlesien und das Bewusstsein, Schlesier zu sein, verloren gehen.
In der anschließenden Gesprächsrunde wurde leidenschaftlich über das Verhältnis der Teilnehmer der Nachwuchstagung zu Schlesien, über den Begriff Heimat und eigene Identität diskutiert. Denn diese Fragen beschäftigen auch die Interessenten, Anwärter und jungen Ritter. So haben sich einige Teilnehmer durchaus in den Antworten der jungen Generation der Familie Pragal wiedergefunden: Schlesien wird nicht mehr als Heimat betrachtet, eine „schlesische Identität“ schwindet, ja ist zum großen Teil sogar nicht mehr vorhanden.


Nachmittags wurde das Programm mit einem Workshop fortgesetzt.  In zwei Gruppen wurden sowohl die Erwartungen der Genossenschaft an die Ritterbrüder, als auch die Erwartungen der Ritterbrüder an die Genossenschaft erarbeitet. Die Moderation übernahm unser Ritterbruder Alexander Prinz Biron von Curland. Im Abschluss des Workshops wurden die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert. Die Erwartungen und Vorstellungen der beiden Gruppen waren in wesentlichen Punkten identisch. Die Genossenschaft und der Orden ist in erster Linie eine auch nach außen wirkende Gemeinschaft, in der der Glaube unter Beteiligung der Familien der Ritterbrüder gelebt wird. Der Glaube und die damit verbundenen Werte und Normen wirken dabei bis in die familiäre, private und berufliche Lebensbereiche eines Ritterbruders. Genossenschaft und Orden mit ihren Projekten und Werken werden außerdem als ein Betätigungsfeld für das ehrenamtliche Engagement der Ritterbrüder gesehen und verstanden. Die schlesischen Wurzeln der Genossenschaft und der meisten Ritterbrüder werden dabei, interessanterweise und in gewisser Hinsicht einige Aussagen des Vormittags relativierend, überwiegend als identitätsstiftend und „gemeinsamer Nenner“ verstanden.


Am Ende des Informations- und Arbeitsteils der Tagung wurden auch konkrete Wünsche an die Genossenschaft geäußert. Zum einem wurde gebeten, die Kommunikation innerhalb der Genossenschaft zu verbessern. Zum anderen wurde der Wunsch geäußert, die Schlesienfahrten aus Rücksicht auf berufliche und familiäre Situation der jungen Ritterbrüder möglichst von fünf Tagen auf ein Wochenende, von Freitagnachmittags bis Sonntagnachmittag, zu begrenzen.
Das gemeinsame Abendessen in einer ungezwungenen Atmosphäre gab einen weiteren Rahmen, um die am Tage gewonnene Erkenntnisse zu vertiefen. Mit dem gemeinsamen Gottesdienst im Berliner Dom am nächsten Morgen ging die Nachwuchstagung erfolgreich zu Ende.

ER Heinrich Schwabecher