Der Johanniterorden als Teil der evangelischen Kirche von RR Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Berlin

40. Mitteilungsblatt, 15. April 2014

Vortrag vom Rittertag 2013 in Görlitz

„Der Johanniterorden als Teil der evangelischen Kirche“ – meine Titelformulierung spielt auf einen mehr oder weniger berühmten Text aus dem Jahre 1947 an. Deswegen werde ich zunächst ausführlicher in die Geschichte unseres Ordens in den vergangenen zwei Jahrhunderten blicken; nicht, weil ich der Gegenwart und ihren Problemen ausweichen will, sondern deswegen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir die Gegenwart nur verstehen, wenn wir auch unsere Vergangenheit verstanden haben. Wem das trotzdem zu viel Vergangenheit ist, den darf ich trösten: In einem dritten und letzten Teil dieses Vortrags ist ausführlich von der Gegenwart die Rede – und es gibt ja noch eine Diskussion. Der Orden war immer schon ein Teil der Evangelischen Kirchen, aber immer ein etwas besonderer. Wie er es war, Teil der evangelischen Kirche, hat sich freilich gewandelt. Bestimmte Details haben sich geändert, andere sind gleich geblieben.


Nun aber zu meiner Titelformulierung: „Der Johanniterorden als Teil der evangelischen Kirche“. Nahezu alle unter uns haben wahrscheinlich schon einmal vom berühmten sogenannten „Schutzbrief“ des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 2. Mai 1947 gehört. Der Ratsvorsitzende und württembergische Bischof Theophil Wurm erklärte unter jenem Datum in diesem relativ schlicht gehaltenen Schreiben in englischer Sprache (der Brief war nämlich zur Vorlage bei den alliierten Besatzungsmächten bestimmt): „The Balley of the Johanniter-Order with his associations within Germany is, in accordance with its membership to the Central-Committee, an essential part of the Evangelic Church of Germany“. Das Schreiben Wurms trägt als Adresse Wurms Stuttgarter Privat-adresse und wirkt (wie übrigens auch das Englisch des Textes) leicht improvisiert. Wörtlich übersetzt steht dort: „Durch ihre Zugehörigkeit zum Central-Ausschuss (der Inneren Mission) ist die Balley Brandenburg des Johanniter-Ordens mit ihren (innerhalb des Deutschen Reiches) bestehenden Genossenschaften ein wesentlicher Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland“. In der deutschen Fassung des Schreibens fehlt interessanterweise der englische Ausdruck „essential“, „wesent-lich“. Aber ob nun „wesentlich“ oder nicht – die Formulierung des Titels meiner Ausführungen nimmt Bezug auf jene vor sechzig Jahren vom höchsten Repräsentanten der evangelischen Kirche selbst getroffene Aussage: Der Johanniterorden ist mindestens ein Teil und vielleicht sogar ein wesentlicher Teil der evangelischen Kirche.


Was bedeutet aber diese Aussage? Und: Warum schrieb Theophil Wurm, als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, Vorgänger von Wolfgang Huber und Nikolaus Schneider, im Mai 1947 solche Worte? Die Lage des Johanniterordens war im Jahre 1947 äußerst bedrängt, es war schon im Jahre zuvor die Liquidation des Ordens eingeleitet worden und Briten wie Amerikaner lehnten unter Datum vom 7. März 1946 „mit allem Nachdruck“ die Reaktivierung des Ordens ab. Der 1853 von einem preußischen König wiederbelebte und von Herrenmeistern aus dem Hohenzollernhaus geleitete Orden galt den Besatzungsbehörden als Teil jenes verhängnisvollen preußischen Erbes, das man für die deutsche Katastrophe verantwortlich machte. Dass von jenem preußischen Erbe eben auch Linien zum Widerstand gegen Terror und Rechtlosigkeit führten, elf Ritterbrüder unmittelbar in den Aufstand vom 20. Juli 1944 verwickelt waren und auch im Haus Hohenzollern neben Anpassung auch Renitenz wie Nähe zum Widerstand vertreten waren, diese Ambivalenz preußischer Traditionen, die auch unseren Orden kennzeichnet, nahm man (vielleicht: verständlicherweise) im zerstörten Land nicht wirklich wahr. Ein nahezu ausschließlich aus Adligen bestehender, von einem Sohn des insbesondere in England tief verhassten Kaisers Wilhelm geleitete Gemeinschaft erschien den Besatzungsbehörden als Hort der politischen Reaktion, nicht als Gemeinschaft guter Christenmenschen. Der Herrenmeister Prinz Oskar ging 1946 mit dem Orden daher in die Liquidation und musste befürchten, dass nun die Besatzungsbehörden das Zerstörungswerk der Nationalsozialisten, die immer wieder über ein regelrechtes Verbot des Ordens nachgedacht hatten und seine Aktivitäten praktisch zum Erliegen gebracht hatten, vollenden könnten. Umso wichtiger war der berühmte Schutzbrief des Ratsvorsitzenden Theophil Wurm; er sicherte im Zusammenhang mit Aktivitäten der Schweizer Johanniter und der Hilfe durch den Most Venerable Order of St. John in Großbritannien den Fortbestand der Balley. Denn er hielt mit den berühmten Worten – wie unser Ritterbruder von Dellingshausen mehrfach gezeigt hat – einfach die geltende Rechtslage fest. Wir müssen, um das zu verstehen, noch einmal genau auf den Wortlaut des Schutzbriefs sehen und auf eine auf den ersten Blick rätselhafte Formulierung: „in accordance with its membership to the Central-Committee“ oder zu Deutsch: „Durch ihre Zugehörigkeit zum Central-Ausschuss der Inneren Mission“. Der Satz bedeutet im Kern: Weil der Johanniterorden Mitglied der kirchlichen Diakonie ist, ist er zugleich auch ein Teil der evangelischen Kirche. Denn der „Central-Ausschuss“ der inneren Mission prägte vor der Gründung des heutigen Diakonischen Werkes die institutionelle Gestalt der diakonischen Arbeit der evangelischen Kirchen in Deutschland. In der deutschen Fassung des Schutzbriefs schreibt Wurm: „Der Zentralausschuss für innere Mission der ev. Kirche in Deutschland ist der Spitzenverband der Verbände, Anstalten und Einrichtungen der evangelischen Liebestätigkeit und Volksmission“. Seine Gründung hängt unmittelbar mit einem 1808 in Hamburg geborenen Theologen zusammen, mit Johann Hinrich Wichern. Nach seiner berühmten Stehgreif-Rede auf dem Wittenberger Kirchentag vom 21./22. September 1848 war der „C.A.“ schon 1849 zunächst als Stabsstelle zahlreicher Vereine und Einrichtungen der kirchlichen Diakonie gegründet worden. Unter Datum vom 30. November 1924 trat (mit einem Schreiben des Werkmeisters, Freiherr von Maltzahn-Gültz) der Johanniterorden dem Central-Ausschuss als Mitglied bei (wie beispielsweise schon längst viele Diakonische Anstalten, Schwesternschaften und Bruderschaften, aber auch der Gesamtverband der evangelischen Arbeitervereine oder die Kommission der deutschen Bahnhofsmission und der Deutsche Evangelische Frauenbund). Der Johanniterorden trat dem Central-Ausschuss wie einer unter diesen vielen anderen diakonischen Einrichtungen und Verbänden bei und zahlte pünktlich seine Beiträge, er war also – um es präzise zu sagen – nun ein rechtlich anerkanntes Glied der diakonischen Arbeit der evangelischen Kirche, die in Verbandsform organisiert war. Der Beitrittsbrief des Werkmeisters aus dem Jahre 1924 ist von besonderem Interesse, weil er Gründe nennt, warum bisher (also seit der Wiederbelebung 1853) ein Beitritt möglicherweise unterblieben ist: „Vielleicht hat die Tatsache, dass die Balley als der evangelische Zweig des alten souveränen und internationalen Johanniter-(Rhodiser-Malteser-)Ordens selbst Souveränitätsrecht in Anspruch nimmt und sich ihr Gebiet auch auf ausserdeutsche Kommenden (Niederlande, Schweden, Polen, Ungarn) erstreckt, einen förmlichen Beitritt zum rein deutschen Zentralverbande untunlich erscheinen lassen“. Dieser im Jahre 1924 erfolgte Beitritt zum Central-Ausschuss spielte im Jahre 1938 noch einmal eine Rolle, als der Polizeipräsident von Berlin bestimmte Satzungsänderungen nicht genehmigen wollte und sicherte im Grunde bereits damals dem Orden das Überleben. Diese Mitgliedschaft bekräftigte bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, genauer am 26. August 1946, übrigens noch einmal der damalige Hannoversche Oberlandeskirchenrat und spätere Landesbischof Hanns Lilje: „Herewith I certificate that the Johanniter-Order … is a corporate member of the Central-Committee for ‚Innere Mission der Evangelischen Kirche in Deutschland‘ and stands therewith under the leading care of the Evangelic Church of Germany“.


Der berühmte Ausdruck, dass der Johanniterorden ein Teil – oder eben sogar ein wesentlicher Teil – der evangelischen Kirche in Deutschland ist, beschreibt also zunächst einmal nur ein Rechtsverhältnis: Aufgrund der vielfältigen diakonischen Aktivitäten des Ordens ist der Orden ein institutioneller Teil der kirchlichen Diakonie, und weil kirchliche Diakonie ein institutioneller Teil der evangelischen Kirche ist, ist auch der Orden ein Teil der evangelischen Kirche. Diesen 1924 begründeten Rechtszustand hält der sogenannte Schutzbrief von Theophil Wurm aus dem Jahre 1947 mit dürren Worten fest – und an diesem juristischen Zustand hat sich bis auf den heutigen Tag nichts Grundsätzliches geändert; dem Diakonischen Werk gehören als Mitglieder nicht nur die Diakonischen Werke der 22 Landeskirchen der EKD sowie 81 Fachverbände an, sondern unter diesen Fachverbänden natürlich auch die Johanniter-Unfall-Hilfe, die Johanniter-Hilfsgemein-schaften und der Orden selbst.


Unser Ritterbruder Christian-Erdmann Schott hat vor einiger Zeit in der Festschrift zum achthundertjährigen Jubiläum der hessischen Kommende hellsichtig bemerkt, dass die berühmte Formulierung, der Johanniter-Orden sei ein (wesentlicher) Teil der Evangelischen Kirche, als primär juristisch gemeinte und nach außen gerichtete Beschreibung zu verstehen sei. Was das für das Innenverhältnis von Evangelischer Kirche und Orden bedeute, sei vollkommen unklar. Schott formuliert sehr pointiert: „Letztlich ist das Innenverhältnis zwischen Kirche und Orden seit 1918 nicht wirklich geklärt; jedenfalls nicht so geklärt, dass sich der Johanniterorden in der evangelischen Kirche mit seinem Selbstverständnis angenommen und aufgenommen wissen und seinen Frieden mit seiner Stellung in der EKD machen könnte“.

 

Stimmt das wirklich? 1853 war der Orden, um es sehr abgekürzt zu formulieren, eine der vielen Gemeinschaften, in denen sich Menschen sammelten, die mit Ernst Christen sein wollten, sehr abgekürzt formuliert, ein Teil der Erweckungsbewegung, in deren Dienst sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. stellte. So wie dieser preußische König sein Königtum vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens begriff und selbst mit Ernst Christ sein wollte, so versprachen die Ritter des wiederbelebten Ordens „den Kampf gegen den Unglauben, den Dienst und die Pflege der Kranken“, sie wollten angesichts der allgemeinen Tendenzen zur Dechristianisierung und Säkularisierung im Umfeld der Revolution von 1848 „gegen die Feinde der Kirche Christi und gegen die Verstörer göttlicher und menschlicher Ordnungen überall einen guten und ritterlichen Kampf kämpfen, so wie nach besten Kräften die christliche Krankenpflege des Ordens begünstigen, fördern und verbreiten“. Die enge Verbindung von einem kämpferischen Eintreten für den christlichen Glauben und der antirevolutionären Bewahrung der monarchischen Ständeordnung Preußens kennzeichnet keineswegs den wiederbelebten Johanniterorden allein; sie ist beispielsweise auch für Johann Hinrich Wichern charakteristisch: Die herrschende Gesellschaftsordnung wird in diesem Zweig der inneren Mission ebenso wenig in Frage gestellt wie im Orden. Im Gegenteil: Man rechtfertigt sie als gottgegeben, schützens- wie erhaltenswert und kämpft damit zugleich für sie und nicht nur für den christlichen Glauben. Vor 1918 war der Johanniter-Orden ein Teil der evangelischen Kirche wie eben auch die Innere Mission Wicherns: Er bestand aus Christenmenschen, die mit besonderem Ernst angesichts der Entchristianisierungstendenzen des neunzehnten Jahrhunderts für den christlichen Glauben kämpfen wollten und wie viele andere erweckte Christen in der vor der Revolution bewahrten monarchischen Staatsverfassung eine besonders geeignete Form sahen, ihren christlichen Glauben zu leben und nach ihm die Gesellschaft zu gestalten. Es wäre ahistorisch, darüber zu grübeln, warum Innere Mission wie Johanniter zwar mit Krankenpflege und anderen diakonischen Aktivitäten (wie etwa der sogenannten Rettungsarbeit an sogenannten gefallenen Mädchen) die dramatischen sozialen Folgen der Industrialisierung abmildern halfen, aber keine grundsätzliche Kritik an den Verhältnissen übten - beide Gruppierungen (wenn ich das einmal so sagen darf) haben eben so gehandelt, wie sie gehandelt haben. Uns Nachgeborenen, die wir ganz selbstverständlich in einem demokratischen Verfassungsstaat leben, fällt es aus der Rückschau heraus immer leichter, die eher unglückliche Geschichte der Deutschen mit Grundprinzipien dieses Verfassungsstaates zu kritisieren. Natürlich fragt man sich, warum die persönliche Tragik zweier Protektoren des Ordens, Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm II., so wenig diskutiert und begriffen wurde: Zwei Monarchen mit einer tiefen christlichen Frömmigkeit, edelsten Motiven einer Rechristianisierung der ihnen anvertrauten Untertanen, aber seltsam anachronistisch in der Vorstellung, dass durch Revitalisierung mittelalterlicher Verhältnisse und Strukturen tun zu können und damit gleichsam aus dem ungeheuren Modernisierungsschub des langen neunzehnten Jahrhunderts aussteigen zu können.
Schott hat, wie ich finde, nicht ganz recht, wenn er schreibt, dass „das Innenverhältnis zwischen Kirche und Orden seit 1918 nicht wirklich geklärt“ sei – es waren doch nicht die Johanniter allein, die seit dem November diesen Jahres dem Kaiserreich nachtrauerten, ihrem verlorenen Protektor, der in sein holländisches Exil gegangen war: Die ganze evangelische Kirche hatte in Gestalt der entthronten Landesfürsten ihre obersten Bischöfe verloren, stand führungs- und orientierungslos da. Man debattierte hilflos auf Synoden die Frage, ob nun ein eigenes Bischofsamt in der Kirche einzuführen sei, überlegte, ob die gottesdienstliche Fürbitte für die exilierten Fürstlichkeiten zu entfallen habe oder gerade nicht – die Johanniter waren in der Orientierungslosigkeit nach 1918, um es etwas pointiert zu formulieren, ein integraler Teil der evangelischen Kirche, waren keineswegs „in eine Winkelstellung geraten“, wie man in einer Broschüre über den Orden und das Haus Hohenzollern lesen kann. Nicht nur bei den Johannitern, in der ganzen evangelischen Kirche waren die Verhältnisse nach 1918 in gewissem Sinne „ungeklärt“. Man musste schon ein so gewitzter, kluger Theologe wie der spätere Berliner Bischof Otto Dibelius sein, um 1926 diese tiefe Krise der evangelischen Kirche entschlossen als Chance umzuinterpretieren: „Das Jahrhundert der Kirche“ nannte Dibelius jene, auch wirtschaftliche und politische, große Krisenzeit, die nun einen evangeliumsgemäßen Aufbau von Kirche erlauben würde: „Evangelisches, deutsches Volk“, schreibt Dibelius, „erkenne die Gnade, die dir der allmächtige Gott in einzigartiger Stunde zuteil werden läßt!“. Die Haltung des kurmärkischen Generalsuperintendenten Otto Dibelius war in Kirche und Theologie durchaus umstritten; der berühmte Karl Barth hat beispielsweise über den Triumphalismus dieser Theologie nur höhnen können. Natürlich gab es für den Orden auch ein paar ganz spezifische Probleme, ich deute lediglich zwei an: Was es für einen so stark von Hohenzollern dominierten Orden bedeutete, dass 1926 der Herrenmeister Prinz Eitel Friedrich zurücktreten musste, weil seine Ehe zerbrochen war und in vielen Zeitungen ausführlichst über seine seit langem unglückliche Ehe wie außereheliche Beziehungen des Paares berichtet wurde, kann man sich unschwer vorstellen. Und außerdem darf man nicht unterschätzen, welche Krise der Zusammenbruch jener 1853 begründeten tiefen inneren Einheit von Glaubenskampf und Bekenntnis zur monarchischen Staatsordnung für die meisten Johanniter bedeutete: Wie war denn nun in einem weltanschaulich neutralen Staat, in dem durchaus kirchen- wie christentumskritische Politiker Ämter bekleiden konnten (und 1918 gab es insbesondere in Preußen berüchtigte Beispiele), der Kampf für den Glauben als ein Kampf innerhalb des neuen Staates und nicht gegen ihn zu organisieren? Die Frage stellen heißt: daran zu erinnern, dass solche Probleme nicht den Johanniter-Orden allein, sondern die ganze Evangelische Kirche beschäftigten, der Johanniter-Orden war hier also vielleicht ein Teil der evangelischen Kirche, für den sich solche Probleme besonders drängend stellten, aber er war gerade in diesen Problemen ein integraler Teil der evangelischen Kirche.


Mir scheint nun, dass diese Einschätzung auch unmittelbar für die Jahre nach 1945 gilt – der Johanniterorden erwies sich auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren als ein wesentlicher Teil der evangelischen Kirche. Christian-Erdmann Schotts kritische Beobachtung, „dass sich der Johanniterorden“ nicht sicher sein könne, „in der evangelischen Kirche mit seinem Selbstverständnis angenommen und aufgenommen“ zu sein und daher noch nicht „seinen Frieden mit seiner Stellung in der EKD machen könnte“, betrifft doch wohl erst die Jahre nach 1968. Vor 1968 zeigten doch Figuren wie der 1987 in Bonn gestorbene Mediziner Hans Graf Lehndorff, von 1954 bis 1962 Kommendator der Preußischen Genossenschaft des Ordens, dass der Orden in der Mitte der bundesrepublikanischen Gesellschaft und damit auch der evangelischen Kirche angekommen war. Lehndorffs Kirchenlied „Komm in unsere stolze Welt“ wurde und wird gern in Gottesdiensten gesungen, sein „Ostpreußisches Tagebuch“ wurde mindestens gern gelesen, nicht nur von heimatvertriebenen Ostpreußen. Lehndorff repräsentierte das Laien-engagement preußischer Adliger in der Bekennenden Kirche, das auch die Biographie Dietrich Bonhoeffers tief geprägt hat; jene Bekennende Kirche aber hat das Gesicht der evangelischen Kirche nach 1945 tief geprägt und erleichterte dem Johanniterorden, seinen Platz als Teil der evangelischen Kirche auch nach 1945 einzunehmen und wahrzunehmen. Der Name des langjährigen Kirchentagspräsidenten Reinhold von Thadden-Trieglaff war ja schon genannt worden. Das beim ersten Ritterschlag nach 1945 in Nieder-Weisel verwendete Rechtsrittergelübde dokumentiert diese Orientierung am durch die bekennende Kirche geprägten Nachkriegsprotestantismus – wir kennen alle die Formulierungen: „In Dankbarkeit für die Liebe Christi will ich bereit sein zur Tat dort, wo die Aufgabe in Kirche, Orden und Welt mich fordern, und wo die Not des Nächsten mich ruft, in Sonderheit die meiner Herren, der Kranken“. An die Stelle eines Kampfes für den Glauben, der das Engagement für den christlichen Glauben mit dem Kampf für eine bestimmte Form der monarchischen ständischen Gesellschaftsordnung in eins setzt, ist – und das sind Formulierungen der evangelischen Mehrheitstheologie der sechziger Jahre – der tätige Einsatz für den christlichen Glauben mitten in der Welt getreten. Es geht nicht mehr um den Einsatz für das Königreich Preußen, sondern – wie Schott schön schreibt – um den Einsatz für das Königreich Jesu Christi mitten in der Alltagswelt der sechziger Jahre. Die Sprache der Johanniter ist biblischer geworden, wie die Sprache der evangelischen Kirche dieser Zeit insgesamt, und man deutet die Welt so unmittelbar mit der Bibel in der Hand wie viele andere durch die Bekennende Kirche geprägte Theologen. Ich will überhaupt nicht unterschätzen, wie lange diese Neuorientierung des Ordens faktisch gebraucht hat – schließlich erfolgte der erste Ritterschlag, von dem ich sprach, erstaunlich spät, nämlich erst im Jahre 1963. Aber ich finde, dass man für die sechziger Jahre durchaus formulieren darf, dass auch nach dem Innenverhältnis der Orden ein Teil – und denkt man an Lehndorff – sogar ein wesentlicher Teil der evangelischen Kirche war.


Wenn ich recht sehe, hat zu der von Christian-Erdmann Schott beschriebenen Unsicherheit, ob sich der Orden „in der evangelischen Kirche mit seinem Selbstverständnis angenommen und aufgenommen“ fühlen könnte, erst der große Kulturumbruch seit dem Ende der sechziger Jahre geführt. Seit dem berühmten Jahr 1968 steht für nicht wenige Johanniter hinter dem Satz des Bischofs und Ratsvorsitzenden Wurm aus dem Schutzbrief von 1947 ein Fragezeichen: Ist der Johanniterorden wirklich ein integraler Teil der evangelischen Kirche? Sollte er es sein? Ich muss über die Differenzerfahrungen nicht viele Worte machen. Wenn im Rechtsrittergelübde, das seit 1963 verwendet wird, „Ritterlichkeit gegenüber Frauen, Achtung vor der Ehe, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit“ als Werte benannt sind, denen sich ein Rechtsritter verpflichtet weiß, dann sind damit gewiss nicht die Lebensorientierungen benannt, die durch den Aufbruch der Studierenden zu Beginn der siebziger Jahre propagiert wurden. Die evangelische Kirche in Deutschland wanderte – das kann man ohne jede Emotion als Kirchenhistoriker zunächst einmal bilanzieren – mindestens mit der öffentlichen Haltung ihrer Synoden, Funktionsträger und Bischöfe seit den siebziger Jahren deutlich weiter nach links, als sie das beispielsweise unter dem erwähnten Berliner Bischof und Ratsvorsitzenden Otto Dibelius war, der als Parteimitglied der CDU eingeschrieben war. Dazu kam die Auflösung des nach 1945 quasi selbstverständlichen theologischen Konsenses, dass die Orientierung an der Offenbarung in Jesus Christus, wie sie nur das gepredigte mündliche Wort der Heiligen Schrift bezeugt, im Zentrum kirchlichen Lebens zu stehen hat: Theologie pluralisierte sich wie die ganze umgebende Gesellschaft. Gleiches galt natürlich auch für die Lebensformen, an denen sich Christen orientierten, für den Umgang mit der Sexualität und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern: Gesellschaftliche Konsense zerbrachen und was einstmals in der Mitte stand und den Konsens repräsentierte, fand sich plötzlich am Rande wieder. Da der wiederbegründete Johanniter-Orden 1853 in enger Verbundenheit mit eher erwecklichen Kreisen stand und diese Verbindung auch nie vollkommen aufgelöst wurde, teilte der Orden seit den siebziger Jahren manche Entfremdungserfahrung mit pietistisch-erwecklichen Kreisen. In dem Maße, in dem – insbesondere unter dem Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, aber auch schon unter seinen Vorgängern – in den letzten Jahren, ja im letzten Jahrzehnt bestimmte einseitige Orientierungen der evangelischen Kirche einem Bemühen um Konsens gewichen sind, scheinen sich mir hier die Dinge zu entspannen. Ich möchte darüber auch nicht ausführlicher reden, denn auch hier gilt: Der Orden war in solchen Entfremdungserfahrungen Teil der Evangelischen Kirche, mindestens eines Teils der Evangelischen Kirche. Und: die Pluralisierung der Theologien und Lebensformen war bis zu einem gewissen Grade (wohlgemerkt: einem gewissen Grade!) unausweichlich, weil sich die Gesellschaft pluralisierte. 1971 schrieb der damalige Herrenmeister an alle Ritter einen Brief über unser Verhältnis zum Orden und zur Kirche. Wilhelm Karl benannte in dem Brief klar bestimmte Probleme der evangelischen Kirche seiner Zeit, die vielen im Orden große Sorgen machten: Politisierung, Unduldsamkeit im Umgang miteinander, mangelnde Klarheit kirchlicher Stellungnahmen. Aber der Herrenmeister hielt auch unmissverständlich fest, dass uns die Verfasser der Satzung des Ordens „zur Treue zum Bekenntnis der evangelischen Kirche verpflichtet haben“. Daraus folgte für den verstorbenen Herrenmeister, dass Johanniter Fehlentwicklungen klar zu benennen hätten, aber die verfasste evangelische Kirche nicht aufgeben dürften. Vielmehr „haben wir die Pflicht, mit all unseren Kräften in den Gemeinden und Synoden wie auch in allen anderen uns erreichbaren kirchlichen Arbeitsgebieten dafür einzutreten, dass dieses Bekenntnis bezeugt wird“. Der Herrenmeister machte also schon 1971 deutlich, dass jeder Johanniter und somit der ganze Orden nicht frei ist, sich den Ort zu suchen, in dem er seinen Glauben lebt, sondern ihn wie jeder evangelische Christenmensch in seiner konkreten evangelischen Kirche lebt und zu leben hat – in ihr, der konkreten evangelischen Kirche seines Lebensumfeldes seinen Glauben zu bezeugen hat, in ihr für sein Bekenntnis zu streiten hat und in Geduld die Verschiedenheit von Glaubens- wie Lebensformen auszuhalten hat. Wir werden unter den Bedingungen einer pluralisierten und globalisierten Moderne nicht mehr zu vormodernen Eindeutigkeiten zurückfinden und unser einheitliches Bekenntnis als evangelische Christen wird – wie schon im letzten Jahrhundert – immer eine legitime Vielfalt von Glaubensweisen und Lebensformen einschließen. Anstatt darüber grundsätzlich zu lamentieren, dass so viele Ehen zerbrechen, sollten wir Johanniter lieber jungen Paaren dabei helfen, in allem Wandel, den modernes Leben mit sich bringt, an der Treue zueinander festhalten zu können – ich bin deswegen beispielsweise von den Eheseminaren der bayerischen Genossenschaft sehr beeindruckt. Und vor allem sollten wir mit dem Scheitern, mit Schuld auch so umgehen, wie Christenmenschen damit allgemein umgehen: Indem wir bezeugen, dass Vergebung möglich ist und neue Anfänge bei Gott. Ich halte daher das Papier der Hamburger Genossenschaft zum Umgang mit Ehescheidungen in dieser Hinsicht für zutiefst evangelisch und für den ganzen Orden für bedenkenswert. Wo die legitime Vielfalt christlicher Glaubens- und Lebensformen endet, wird in der evangelischen Kirche seit Anbeginn häufig diskutiert, weil in dieser Frage bei uns kein Papst und kein päpstliches Lehramt definitiv entscheiden. Der berühmte „magnus consensus“, also die nach evangelischem Verständnis vom Geist gewirkte deutliche Mehrheitsentscheidung von Synoden, bildet sich oft in einem komplexen, mitunter hochanstrengenden Verfahren, das wie ein Auspendeln wirkt: Das Pendel schwingt zunächst in die Richtung radikaler Positionen, um sich dann in der Mitte langsam einzuschwingen und schließlich still zu stehen – man könnte das an der Ordination von Frauen zum geistlichen Amt der Pfarrerin zeigen, die heute auch kaum jemand mehr in Frage stellt, obwohl vor vierzig Jahren einzelne Bischöfe sich noch weigerten, Frauen zu ordinieren (übrigens auch der Landesbischof einer kleinen deutschen Landeskirche, obwohl seine Tochter Theologie studiert hatte und heute sehr erfolgreich als Pfarrerin in Hamburg arbeitet).

 

Johanniter gehören, historisch betrachtet, als geistlicher Ritterorden, zu Menschen, die ihr Christentum besonders ernst nehmen wollen. Die Wiederbegründung des Ordens im Jahre 1853 hat diese Grundorientierung bekräftigt. Johanniter werden deswegen vielleicht manchmal auf Seiten einer radikalen Orientierung am Evangelium Jesu Christi zu finden sein, nicht auf Seiten der abgeklärten Mittelposition. Aber da sie ihre Aufgaben als Dienst am Nächsten begreifen, werden sie immer auch Verständnis für die haben, die nicht mit gleichem Ernst glauben und leben können als Christen. Wir sind schon aufgrund unserer vielfältigen diakonischen Aktivitäten Teil der evangelischen Kirche – geradeso wie es der Schutzbrief von 1947 formuliert, ein essentieller Teil der evangelischen Kirchen. Aber nun lautet der Ordensauftrag nicht nur obsequium pauperum sondern auch tuitio fidei. Das meint: Wir sollten noch viel mehr auch in dieser zweiten Hinsicht Teil der evangelischen Kirchen werden, genauer ein Teil ihrer Bildungs- und Missionsarbeit. Bildung ist Mission, hat der nordelbische Bischof Ulrich auf dem vorletzten Rittertag der Hamburgischen Kommende gesagt. Da könnte ich nun also über diverse Bildungsprojekte der Genossenschaften und Kommenden reden. Oder über das so energisch ausgebaute Ordenszentrum Nieder-Weisel: Es ist in dieser Hinsicht schon jetzt ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Dann ist natürlich das Reformationsjubiläum 2017 zu nennen und viele andere Aktivitäten – wenn wir nur aufmerksam hinsehen, bieten sich viele, viele Gelegenheiten, noch deutlicher zu dokumentieren, dass Johanniter ein essentieller Teil der evangelischen Kirche sind. Und wenn wir uns solche Aktivitäten auch andernorts zum Vorbild nehmen, finden sich wieder allerlei Anregungen, im Sinne des doppelten Ordensauftrages noch viel mehr Teil der evangelischen Kirche zu werden und zugleich unmittelbar segensreich zu wirken..

RR Prof. Dr. Dres. h.c. Christoph Markschies, Berlin