Jahreslosung - Ps 73,28 - Gott nahe zu sein ist mein Glück

40. Mitteilungsblatt, 15. April 2014

Gedanken zur Jahreslosung von RR Gisbert von Spankeren

Der Schwarzfahrer in der S-Bahn steigt gerade aus der Bahn aus, als der Kontrolleur einsteigt. „Glück gehabt“ sagt er sich und zieht seines Weges. Die junge Mutter strahlt vor Glück als sie ihr Neugeborenes im Arm hält. Und der stolze Opa ist glücklich, dass es der langersehnte Stammhalter ist, während die Oma noch schnell ein vierblättriges Kleeblatt sucht, damit es der jungen Familie Glück bringt. Welch ein Glück, dass heute die Sonne scheint und unsere Wanderung nicht ins Wasser fällt, sagen die Wanderfreunde. Und die Kinder sind glücklich, wenn sie endlich Ferien haben.
Was ist Glück?
Ich denke, es gibt auf diese Frage unendlich viele Antworten. Und die Glücksliteratur in den Buchhandlungen ist nicht mehr überschaubar. Was und wer mich da alles glücklich machen will und vor allen Dingen, wie ich mein Glück erreichen soll.
Was ist Glück?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Glück ist etwas sehr Individuelles, wie an den Beispielen zu erkennen war. Glück wird immer wieder anders erfahren, ist situationsabhängig. Nach einer langen Regenperiode kann schon ein einzelner Sonnenstrahl die Menschen glücklich machen, während die brennende Sonne in einer sommerlichen Hitzeperiode die Menschen gar nicht mehr glücklich macht und sie sich nach einem kühlenden Regenguss sehnen.
Glück ist also das Besondere, das sich vom Alltag abhebt, ist unter Umständen ein positives Empfinden in einer negativen Situation. Und Glück ist auch nicht verfügbar, es lässt sich nicht herbeizwingen, auch wenn die Amerikaner nach ihrer Verfassung ein Anrecht auf Glück haben. Glück lässt sich nicht einfach messen, auch wenn kürzlich in den Medien eine Glücksstatistik veröffentlich wurde und die Menschen angeblich in dieser oder jener Region unseres Landes besonders glücklich sein sollen.
Sie sehen, je mehr wir versuchen, das Glück zu definieren und zu fassen, desto mehr entzieht es sich uns. Es ist nicht zu fassen, es ist flüchtig wie eine Seifenblase und zerbrechlich wie Glas, wie es das Sprichwort sagt. Und dann will uns in diesem Jahr ein Bibelwort in ganz besonderer Weise glücklich machen:
„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ So lautet die Jahreslosung aus Psalm 73 für 2014, ein Wort, das Motto für dieses Jahr sein will, das Wegweisung sein möchte. Ein zugegebener Maßen leicht eingängiges Wort aus der Einheitsübersetzung der Bibel, in der Lutherübersetzung ist hier von der Freude die Rede. Aber je eingängiger Worte sind, desto sperriger können sie dann auch wiederum sein, wie wir gerade bei unseren wenigen Überlegungen zum Begriff des Glücks gesehen haben.
Will uns diese Jahreslosung überhaupt glücklich machen mit ihrer scheinbar so eingängigen, leichten Formulierung? Will diese gemeinsame Jahreslosung der ev. und kath. Kirche vielleicht nicht etwas ganz anderes? Legt sie vielleicht nicht sogar den Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft?
Wir leben in einer Spaßgesellschaft, in der alles Spaß machen muss, damit wir auch ja glücklich – happy – sind. Aber ist diese Spaßgesellschaft nicht ein eitel Haschen nach Wind? Ist sie nicht ein Weglaufen vor dem Eigentlichen des Lebens, ist sie nicht ein Weglaufen vor den Problemen unserer Gesellschaft, ein großes Verdrängen all dessen, was uns belastet. Glück als fast food. „I like Genuss sofort“, wie es einmal vor Jahren in einem Werbespruch hieß, der aber genau unsere gesellschaftliche Mentalität beschrieb. Glück als Betäubungsmittel.
Der Psalmbeter blickt da mit ganz anderen Augen auf sein Leben und seine Umwelt, und er kann uns mit dieser Sicht die Augen öffnen, uns einen ganz neuen Zugang zum Glück eröffnen, zu einem Glück das wirklich glücklich macht. Vielleicht gelingt es uns ja mit seiner Hilfe zu erfahren, was Glück wirklich ist.
Der Beter des 73. Psalms schaut um sich und sieht sein Leben an. Er ist zutiefst verbittert, plagt sich mit den Mühen des Lebens, seine Gesundheit scheint auch angegriffen zu sein und er fühlt sich zutiefst verletzt durch das Auftreten und herablassende Reden seiner Mitmenschen, denen es so gut geht. Geradezu angewidert ist er von ihrem Reichtum und ihrem gottlosen Leben, sie sind großmäulig und trotzdem läuft alle Welt ihnen nach. Sie sind angesehene Leute, immer im Glück, das sie nie im Stich lässt, sie mit Reichtum überhäuft. Verbittert, gering geschätzt, arm, kränklich, vielleicht sogar gemobbt, weil er nicht mithalten kann, so sieht sich der Beter im Gegensatz zu ihnen. Natürlich ist er auch ein wenig neidisch, wer will denn nicht, dass es ihm gut geht?
Kennen wir das nicht auch, wenn wir nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen?
Beim Betreten des Tempels aber ändert sich die Blickrichtung des Beters. Er stellt fest, dass Reichtum, Wohlstand, Ansehen nicht alles im Leben ist, nicht unbedingt auch gleichzeitig glücklich macht. All diese Dinge mögen zwar schön sein, aber sie sind sehr vergänglich, werden plötzlich zunichte. Wie gewonnen so zerronnen. Wer hoch steigt, der tief fällt. Das galt damals wie heute, wir brauchen nur die Zeitung aufzuschlagen oder das Fernsehen einzuschalten.
Was aber bleibt, wenn das irdische Glück ein so flüchtiger Begleiter ist?
Die Antwort findet sich im ersten Wort unserer Jahreslosung: Gott.
Staunend stellt der Beter fest, wenn alles vergeht, alles flüchtig ist, alles nur eine Täuschung zu sein scheint, dann gibt es nur einen festen Grund, auf dem er sein Leben bauen kann. Gott ist es, der ihm immer nahe ist, in den Höhen wie in den Tiefen des Lebens, denn er hält ihn und lässt ihn nicht fallen. Er leitet ihn auf seinem Lebensweg nach seinem Ratschluss, der für uns Menschen unergründlich ist. Aber er weiß, dass er Gott felsenfest vertrauen kann, er wird es schon für ihn richtig machen. Und am Ende ist er immer noch bei Gott.
Das ist seine Freude, wenn andere sich an der Vergänglichkeit erfreuen. Das ist sein Glück, dass er einen Gott hat, der zu ihm hält, was immer auch kommen mag. Das ist sein Glück, dass er einen Gott hat, der ihm ganz nahe ist.
Sicherlich kennen viele von Ihnen die kleine Geschichte von den Spuren im Sand. Ein Mann geht im Traum am Strand entlang und Gott geht mit ihm, doch in den schwersten Stunden seines Lebens zeigt sich rückblickend nur eine Fußspur im Sand. Und er fühlt sich von Gott verlassen und fragt Gott, wo er denn gewesen sei, wo er ihn am dringendsten gebraucht hätte. Und Gott antwortet ihm, dass er ihn gerade da getragen habe.
Ich denke, mit diesen Aussagen des Psalmbeters, wie auch mit der kleinen illustrierenden Geschichte sind wir ganz nahe bei dem, was unser Glück ist, nämlich, dass wir einen Gott haben, der uns ganz nahe ist.
Das hat der Psalmbeter staunend erfahren dürfen, das feiern wir beim Fest der Geburt Jesu. Gott macht sich ganz klein und kommt uns Menschen ganz nahe, weil wir uns ihm nicht nähern können. Das erfahren wir auch am Karfreitag, Gott kommt uns so nahe, dass er uns aus Liebe all unsere Schuld vergibt, all das, was uns von ihm trennt, indem er sich für uns hingibt. In der Taufe und dem Abendmahl dürfen wir das immer wieder spüren, er nimmt uns an, so wie wir sind, er schenkt uns seine Nähe. Und in seinem Heiligen Geist ist er bei uns alle Tage bis an der Welt Ende.
Gott sei Dank, dass wir solch einen Gott haben. Welch ein Glück, dass Gott uns so nahe kommt, um für uns da zu sein, um uns mit seiner Liebe zu begleiten. Und unter dieser Prämisse erscheint dann auf einmal all unser irdisches Glück in einem ganz anderen Licht. All unser Glück ist sein Geschenk an uns: der Sonnenstrahl der unser Herz anrührt, das freundliche aufheiternde Lachen meines Gegenübers, dass ich zu essen und trinken habe, dass ich gesund sein darf, dass er mich mit so vielen Dingen so unendlich reich beschenkt.
Das ist Gottes Segen, welch ein Glück für mich.
Und weil er mich so glücklich macht, kann auch ich andere glücklich machen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freud ist doppelte Freud“.