Johanniter Glaubensseminar in Jerusalem, Oktober 2014

41. Mitteilungsblatt, 27. November 2014

9 Tage Israel

         gefühlte 4.000 Jahre Geschichte 

         viele, viele Eindrücke und Emotionen

         hunderte Fragen zu zig Problemen

         gefühlte 100 Kulturen

 

Das wäre eine sehr vereinfachte Zusammenfassung, zeigt aber den Impact, den eine Reise nach Israel mit dem Orden hinterlässt. Obwohl Theologe, Pastor und Johanniter war es meine erste Reise „an die stat, dâ got mennischlîchen trat“ (aus Palästinalied Walther von der Vogelweide).

 

[„Nû lebe ich mir alrêrst werde,

sît mîn sündic ouge sihet

daz hêre lant und ouch die erde,

der man vil der êren gihet.

Nû ist geschehen, des ich ie bat:

ich bin komen an die stat,

dâ got mennischlîchen trat. „

(Erste Strophe, Palästinalied,

Walther von der Vogelweide,

* um 1170,  † um 1230)]

 

Die Reise, war Anfang des Jahres vom Orden ausgeschrieben unter dem Titel „Glaubensseminar in Jerusalem“ vom 23. bis 31. Oktober 2014. Wir waren insgesamt 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der Ordensdekan Graf Ruprecht zu Castell-Rüden-hausen hat diese Reise schon oft angeboten und durchgeführt. Das merkten wir im positiven Sinne stündlich während der 9 Tage. Sein Anliegen dabei ist stets ein doppeltes:

Zum Einen hat der Glaube auch einen Ursprungsort, das spürt man in Israel.

Zum Anderen sollte der Orden ein gutes Bewusstsein über seine Vergangenheit haben. Schließlich nennen wir uns „Ritterlicher Orden St. Johannis vom Spital zu Jerusalem“.

 

Zur Begrüßung und abgrenzenden Einleitung sagte er zudem gleich: „Wir begegnen vielen Fragen und Problemen auf unserer Reise, aber wir werden gewiss nicht die „Lösungen“  für diese vielen Probleme aufbringen können – schon gar nicht innerhalb dieser 9 Tage .“

 

Um ein wenig Struktur in das Erlebte zu bringen, orientiere ich mich hier am Tagesprogramm und unterteile es zugleich in „Zeitgeschichtliches“ und „Stätten des Glaubens, der Verehrung und Erinnerung“:

 

„Zeitgeschichtliches“

 

24.10.

Tagsüber: erste Eindrücke von Jerusalem als Stadt, gegen Abend die sogenannte „Klagemauer“ zum Beginn des Sabbats.

Abends: „Was berichtet ein Journalist aus Jerusalem?“ mit Ulrich W. Sahm. Es ging vornehmlich um die diesjährigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern sowie die Vorgeschichte. - Es zeigte sich, alles ist und bleibt zunächst einmal ein ganz großer Konflikt mit vielen Mitspielern, alles ist ungelöst, alles ist in der Schwebe, niemand kann vorhersagen, wohin es geht.

 

25.10.

Tagsüber: Johanniterhospiz in der Altstadt, Kirche St. Anna (Geburtsstätte Marias, besterhaltene Kreuzfahrerkirche)

Abends: Gespräch mit Arye Shalikar, Sprecher der Israelischen Armee. „In Israel ist alles sicherheitsbezogen.“ Der Verteidigungsauftrag steht im täglichen Mittelpunkt und bedarf  an den Grenzen nach Norden, Osten, Süden gegenüber entweder freundlichen oder eben feindlichen Gruppen steter Wachsamkeit.

 

26.10.

Tagsüber: (Sonntag) deutscher Gottesdienst, anschließend Israelmuseum (in Jerusalem, mit großem Modell der Stadt etwa z.Z. Jesu)

Abends: Begegnung mit einer Gruppe der ‚Jugend im Orden‘, die mit RR Dr. Jörg Bremer in Israel unterwegs ist. Wir trafen uns in dem Auguste-Viktoria-Komplex auf dem Ölberg. Hospital, Himmelfahrtskirche und Pilgerzentrum, 1910 erbaut von der Kaiserin-Auguste-Victoria-Stiftung, anknüpfend an die Tradition der Johanniter, nämlich der Fürsorge für Pilger und Kranke. Die Vortragenden an dem gemeinsamen Abend waren: Dr. Gil Yaron, Arzt und Journalist, und Nethanel von Boxberg. Er konvertierte zum Judentum. Beide erzählten ein wenig ihre Lebensgeschichte. Dann konzentrierte Gil Yaron seinen Vortrag auf 4 (sozusagen für die Region herausstechende) Konflikte:

1. Wer bin ich? Wer schützt meine Familie? Es gehe bei den Staaten in Nahost weniger um ethnischen/nationalen Verbund. Viel mehr sei die religiöse Bindung im Blick. Weniger Staat – wie es die Mandatsregierung seinerzeit wollte, dadurch sind die Religionen eher die (Streit-) Parteien geworden bei der Verteilung des gesellschaftlichen Kuchens.

2. Was ist das Problem der arabischen Welt? Vor 100 Jahren waren die nahöstlichen Gebiete gesellschaftlich auf gleicher Ebene mit den fernöstlichen Staaten, heute sind die arabischen Staaten ins Hintertreffen geraten. Man merke das besonders am Mangel an politischer Freiheit, an Bildung und an Emanzipation.

3. Was ist die Lösung? Gil sieht diese vor allem in mehr Bildung und Emanzipation (weitere Ausführung s.u.)

4. Wie ist das Wetter morgen? Diese Frage klingt seltsam, aber die Klimaveränderung (d.h. Wassermangel und Trockenheit) erschwert die Produktion von Nahrungsmitteln enorm und wird zum zentralen Faktor.

Gil Yaron benennt Gegenbeispiele: Wenn es auch nach Schwarz-Weiß-Mal-erei klingt, aber Israel habe heute ein brillantes Wasserverwendungssystem (Tröpf-chen-Bewässerung – aus der Zeit der Nabatäer  (3. bis 1. Jh.v.Chr.) – und Aufbereitung des verschmutzten Wassers, so dass 70 % davon wieder zu Trinkwasser zurückgewonnen werden). Oder: „Computerchips sind heute wichtiger als Kartoffelchips, d.h. Bildung habe oben an zu stehen. Emanzipierte Frauen sorgten diesbezüglich nachhaltiger als Männer. Und: ein politisches System, das um seine Wiederwahl bangt, tue mehr für die Bevölkerung als unbesorgte (eher autoritäre) Regierungen.

 

27.10.

Tagsüber: Yad Vashem (Jesaja 56, 5: … ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal … Einen ewigen Namen [ yad vaShem ] gebe ich ihnen, der niemals ausgetilgt wird), die eindrucksvolle Dokumentaton des Holocaust; jeder hatte seinen audio-guide und so reichlich Auskunft in Bild und Ton.

Abends: Gespräch mit Gabriel Bach, ehem. Staatsanwalt (zuletzt Chefankläger) im Eichmann-Prozess. Eigentlich werde er jeden Tag in verschiedenen Zusammenhängen bis heute an diesen Prozess erinnert.  Lebendig und sachlich (dabei juristisch sorgfältig voneinander abgrenzend die Rollen von Ankläger, Verteidiger und Richter) stellte er uns die Prozessphasen „vor Augen“. Und getrennt davon gab er Einblick – auch in Zusammenhang mit seiner eigenen Lebensgeschichte – was ihn emotional berührte. Ein unvergesslicher Abend. Er schloss ihn mit der Freude darüber, dass man seit dem Prozess – ständig mehr – offen über die Erlebnisse des Holocaust zu reden vermochte und bis heute vermag, hoffentlich auf ewig.

 

28.10.

Tagsüber: Busfahrt zum Toten Meer, weiter im Jordantal, vorbei an endlosen Feldern und Plantagen (teils mehrere Ernten im Jahr, Israel ist nahrungsmäßig autark (bei 8 Mio. Einwohnern), mehr noch: es kann exportieren). Man kann es kaum beschreiben, man muss es einfach gesehen haben. Auf der anderen Seite des Flusses (in Jordanien), gelernt von Israel (Tröpf-chen-Bewässerung etc.) ebenfalls zunehmend landwirtschaftliche Entwicklung. Kurze Besichtigung der Reste der Kreuzfahrerburg Belvoir.  Ziel: Tiberias am See Genezareth (≈ Gärten der reichen Fürsten).

Abends: Gespräch mit Dr. Walter Klitz, Direktor der Friedrich Naumann Stiftung in Jerusalem, seit  2012. Es war ein weiteres Gespräch aus anderer Perspektive. Für ihn wäre die 2-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 ein gangbarer Weg, doch die vorhandenen Mentalitäten auf beiden Seiten sind im „Kompromisse finden“ wenig erfahren. Hier versucht seine Stiftung Dialogbereitschaft anzubahnen.

 

29.10.

Tagsüber: christliche Orte, darunter Besichtigung der „Verkündigungsbasilika“ in Nazareth, auch als Kirche der Nationen bekannt, denn für sie sind aus sehr vielen regionalen Kirchen Marienbilder gestiftet, etwas Völkerverbindendes!

Abends: Gespräch über die Begegnung der West-(„lateinischen“) und der Ostkirchen in Israel an den Stätten das christlichen Glaubens heute.

 

30.10.

Tagsüber: Ausflug zu den Golanhöhen und zu der Kreuzfahrerburg Nimrod, von der noch beachtliche Ruinen erhalten sind.

Abends: Abschlussgespräch über die gesamte Reise

 

31.10.

(auf dem Weg zum Flughafen) in Tel Aviv Besichtigung des Diasporamuseum. Thema: Wie und womit überstand das Judentum über mehr als zweieinhalb Jahrtausenden als Glaubens- und Volksgemeinschaft?

 

 

„Stätten des Glaubens, der Verehrung und Erinnerung“

 

Hierüber ließe sich im Vergleich zum Vorherigen wenigstens doppelt so lang berichten. Der eingangs zitierte Satz „der Glaube hat auch einen Ursprungsort, das spürt man in Israel“, er bestätigte sich jeden Tag von Neuem.

 

Wir besuchten die Evangelische Erlöserkirche in der Altstadt von Jerusalem,  zweimal, auch weil sich der Orden mit ihr verbunden fühlt. Sie steht - wie oftmals so auch hier - auf dem Grund und Boden von mehreren Vorgängerkirchen. Der jetzige Kirchbau wurde schließlich veranlasst von Kaiser Wilhelm II.. Der Grundstein (unter dem Altar) ruht auf der Stadtmauer zur Zeit Jesu, unweit von Golgatha. Es heißt, diese Kirche habe 1898 eine neue Bedeutung gewonnen. Sie war nicht nur Kreuzfahrer-, dann Ordenskirche der Hospitaliter, sondern auf dem Übergang zur Grabes- und Auferstehungskirche der rechte Ort, Christus als den Erlöser zu lobpreisen.

 

Zu jeder Kirche, jedem Ort christlicher Verehrung gibt es lange Einzelgeschichten. So zähle ich nun nur die aufgesuchten Orte auf, zu denen wir geführt wurden:

 

Golgatha und leeres Grab

Über beides ist die allererste christliche Kirche (Basilika) errichtet worden, auf Anordnung Kaiser Konstantins, nachdem er dem christlichen Glauben offizielle Erlaubnis erteilt hatte, eine lizensierte Glaubensgemeinschaft im römischen Reich zu sein.

 

heutiges Johanniterhospiz in der Altstadt - Im seinerzeit bemerkenswert großen Quartier der Johanniter (12. bis 14. Jh.), so groß, dass etwa 3.000 Kranke zugleich in dem Bezirk versorgt werden konnten.

 

Kirche St.Anna - Geburtsstätte Marias (besterhaltene Kreuzfahrerkirche)

 

Bethesda -Teich, - Garten Gethsemane

 

Himmelfahrtkirche auf dem Ölberg (s.o.)

 

röm.-kath. Kirche Dormitio (Entschlafung der Maria) auf dem Zionsberg, südlich der ummauerten Altstadt, alles in Jerusalem.

 

Bethlehem - Geburtsort Jesu

 

Geburtskirche, Hirtenfelder - es gibt verschiedene Orte mit dieser Bezeichnung und Würdigung, keiner weiß, welcher der ganz richtige Ort ist, aber Ostkirche und Westkirche respektieren einander in der jeweiligen Tradition schon von alters her. Dasselbe gilt bezüglich dem Standort von Kirchen.

Taufstelle am Jordan (auch da gibt es natürlich mehrere Stellen)

Berg der Seligpreisungen und dortige Kirche am Nordrand des Sees Genezareth

 

Brotvermehrungskirche in Kapernaum, Verkündigungsbasilika in Nazareth (s.o.)

 

Bibel und Glauben kamen nicht zu kurz, wir haben oft an den genannten Orten - in aller Ruhe - einander die dazugehörigen Bibelstellen vorgelesen. Das war eigentlich jedes Mal für mich bewegend, bspw. die ganze Bergpredigt (Matthäus 5 bis 7) an der Stelle, die man Berg der Seligpreisungen nennt!  Ort und Text gehören ja eben doch, wenigstens ein bisschen, zusammen.

 

Bei unserer Abendmahlsfeier wichen wir von der Ortsbindung ab. Der Ordensdekan hatte dafür einen Platz unter freiem Himmel am See Genezareth. Unvergesslich! Wie es die ganze Reise für wohl jeden Mitreisenden sein wird.

 

In diesem Sinne möchte ich dem Orden danken und besonders dem Herrn Ordensdekan für diese 9 Tage. Er weiß nur zu gut, dass Wissen in Bibel und Geschichte, Erfahrung in Planung und Gruppenleitung, Diplomatie und Glaubensüberzeugung zum Gelingen eines solchen Seminars dazugehören. Zur Seite hatte er auch dieses Mal Frau Pfarrerin Dr. Petra Heldt, die uns beinahe alle Tage geführt hatte - mit ihrem enormen Wissen und reichen Kenntnissen, gerade auch der ostkirchlichen Traditionen. Auch ihr gilt mein herzlicher Dank. 

 

„Zeitgeschichtliches“ und „Stätten besonders unseres christlichen Glaubens, der Verehrung und Erinnerung“ in dieser Mischung mit beeindruckenden Zeitzeugen zu erleben, ist ein Genuss.

 

Ich habe es deshalb aufgeschrieben, damit meine Ritterbrüder (und ihre Partnerinnen) selber einmal Lust zu so einer Reise bekommen und eben auch diese Orte der Johanniterpräsenz aufsuchen (zu letzterem gibt es jetzt eine prächtige kleine Broschüre, begrenzt auf Jerusalem (54 S.):  Jörg Bremer/Jakob Eisler/Petra Heldt „Jerusalem und der Johanniter-orden“ ISBN 978-965-7221-99-0 © Schriftenreihe Edition Auguste Victoria Band 1, Jerusalem 2012).

 

ER Hartwig Helfritz