Predigt in der Andacht zum Auftakt des Rittertages 2017

45. Mitteilungsblatt, 15. August 2017

Mt 22, 15-22 - 15 Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; 16 und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. 17 Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht? 18 Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. 20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

 

Liebe Johannitergemeinde!

 

Dieser bekannte Text der Evangelienlesung mit dem zentralen Satz „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ gehört wohl zu den Worten der Bibel, die im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder dem Missverständnis ausgesetzt waren, aber auch ganz bewusst missbraucht worden sind.

An einem historisch so bedeutsamen Ort wie Kreisau, an dem über die Zukunft Deutschlands und Europas nach dem Ende eines autoritären Terrorregimes nachgedacht wurde, scheint es angebracht, sich einmal mit diesem Wort Jesu auseinanderzusetzen.

Die Schwierigkeiten im rechten Umgang mit dem Text liegen in der langen uns prägenden Auslegungsgeschichte dieses Wortes Jesu, in der man immer wieder versucht hat, aus dieser Aussage eine Begründung für eine christliche Staatslehre abzuleiten, während es in Wirklichkeit gar nicht um das rechte Verhältnis zum Staat geht, sondern um das rechte Verhältnis zu Gott.

Doch schauen wir uns zunächst einmal dieses Gespräch Jesu mit seinen Gegnern genauer an. Einziges Ziel der Pharisäer ist, Jesus zu erledigen, ihn unmöglich zu machen vor dem Volk oder ihn gar den Römern auszuliefern. Jesus hatte viele Anhänger, die nur darauf warteten, dass er sich als der erwartete religiöse und damit auch politische Messias zeigen würde. Solches galt es um jeden Preis zu verhindern. Daher ihr Plan ihn durch eine damals brennende Frage, auf die er als Rabbi antworten musste, so oder so zu kompromittieren. Heuchelnd dringen sie auf ihn ein und bitten Jesus um Antwort auf eine theologisch wirklich relevante Frage: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“

Jesus durchschaut ihre Absichten und reagiert entsprechend auf ihre Anfrage. Egal wie er die gestellte Frage beantwortet, er bringt sich in eine missliche Lage. Bejaht er das Recht der Steuer, so ist erwiesen, dass er nicht der erwartete Messias Israels sein kann, der Israel von aller Fremdherrschaft befreit, denn wer dem römischen Kaiser Steuerrecht zugesteht, der verneint die Herrschaft Gottes über sein Volk Israel.

Würde Jesus aber in seiner Antwort die Zahlung der Steuer an den römischen Kaiser ablehnen, dann wäre er ein Aufrührer, der den Aufstand gegen die Römer predigte, und seine Gegner könnten ihn bei der Besatzungsmacht denunzieren.

In jedem Fall wäre Jesus bei einer Stellungnahme zu diesem Thema ein verlorener Mann und die Pharisäer hätten sein Schicksal besiegelt.

Jesus begegnet dieser Versuchung meisterlich. Er fordert von den Fragestellern vor einer Antwort das Beibringen einer Steuermünze, eines Denars.

Diese Steuermünze zeigte nicht nur das Bild des Kaisers, sondern ihre Inschrift besagte auch, dass der Kaiser als Herrscher des Römischen Reiches göttliche Verehrung beanspruchte.

Das wussten die Pharisäer natürlich und ihre Frage zielte einzig auf eine Versuchung Jesu, dass er sich so oder so in eine missliche Lage bringen würde, denn entsprechend dem 1. Gebot und dem Bilderverbot im Judentum wäre jetzt eigentlich die Ablehnung der Steuer durch Jesu logisch gewesen, doch Jesus sagt zunächst einmal das Gegenteil: Gebt dem Kaiser, der diese Denare in Umlauf gebracht hat, seine Denare zurück.

Das Eigentum des Kaisers ist ihm zurückzugeben, wenn er es fordert. Dagegen ist kein Gesetz Gottes, denn auch der römische Kaiser regiert nicht ohne Gottes Zulassung. Das ist Jesu überraschende Antwort.

Aber es ist nur die eine Hälfte der Antwort, mit der er sich gegen die Heuchelei der Pharisäer wendet, die mit dem römischen Geld ohne Gewissensbisse Handel treiben, deren Gewissen und religiöse Bedenken aber erst beim Steuerzahlen erwachen.

Und dann fügt Jesus unaufgefordert eine weitere Aufforderung hinzu: „Und Gott, was Gottes ist!“

Gebt also nicht nur dem Kaiser, was ihm zukommt, sondern vor allem aber gebt Gott, dem ihr dient und dessen Volk ihr ja seid, was Gott zukommt.

Damit gilt der erste Teil der Antwort nur im Zusammenhang mit den zweiten Teil, denn beides ist untrennbar miteinander verbunden, auch die Steuerzahlung gehört zum Dienst an Gott, der ja das gesamte Leben eines Menschen umfasst.

Über diese Antwort werden Jesu Hörer sprachlos, verstanden haben sie seine Antwort wie auch die vielen Generationen nach ihnen nicht, denn was sollte man mit solch einer Antwort anfangen?

Was Jesu auf keinem Fall gemeint hatte, war ein schiedlich-friedliches Nebeneinander zweier menschlichen Lebensbereiche, einem öffentlichen, in dem der Mensch staatlicher Obrigkeit gehorcht und einem privaten, in dem der Mensch Gott gehorcht. Solch eine Teilung menschlichen Lebens ist jüdischem Denken fremd und Jesus Christus wehrt sich mit seiner Antwort gleichfalls gegen eine Aufteilung menschlichen Lebens in verschiedene Bereiche, so als gäbe es irgendeinen Lebensbereich, der nicht unter Gottes Regiment fiele.

Am deutlichsten hat dies die 2. These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 zum Ausdruck gebracht, in der es heißt:

„Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1.Kor 1,30)

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“

Das bedeutet nichts anderes als das, was Jesus den Pharisäern antwortete:

Es gibt für einen Christen nur einen Lebensbereich, und das ist der Bereich Gottes, er umfasst unser ganzes Leben in seiner ganzen Komplexität. Überall – und nicht nur an einzelnen Orten – haben wir uns in unserem Glauben zu bewähren. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir wissen, was denn nun Gottes sei, um von hier aus zu überlegen, was denn dann noch des Kaisers sein könnte, inwieweit wir also weltlichen Forderungen an uns Folge leisten können.

Das war auch die Frage vieler Widerstandskämpfer im Dritten Reich.

Was Gottes ist, können wir uns nicht selber sagen, wir müssen es uns von Gott in seinen Geboten und seinen Verheißungen sagen lassen.

In seinen Geboten, die ja keine Einengung, sondern Wegweisung für ein erfülltes Leben sind, finden wir die notwendigen Anweisungen für den Gottesdienst in der Welt, also unter den Menschen, in den Staaten, in unserem Beruf und den Arbeiten, die wir als Menschen zu erfüllen haben, um Gott zu gehorchen in und durch unser Leben.

In diesen Gottesdienst in der Welt fällt auch unser Verhältnis zum Staat, und in einer Demokratie die Verpflichtung auch im politischen Bereich – also im Bereich der Sorge um das Wohlergehen des Mitmenschen – seinen Glauben an den Herrn Jesus Christus gemäß dem Doppelgebot der Liebe zu leben.

Es geht also nicht um ein Nebeneinander menschlicher Bereiche, sondern einzig um unseren Glauben an den Herrn der ganzen Welt, dem wir in allen ihren Lebensbereichen nach seinen Geboten zu dienen haben.

Unser Problem heute ist dabei weniger der Staat als ein autoritäres Gegenüber mit religiösem Anspruch wie zu Jesus Zeiten als vielmehr unser Unglaube, mit dem wir Gottes Gebote außer Kraft gesetzt haben. Welches Gebot besitzt denn noch uneingeschränkte Gültigkeit in unserer sogenannten christlichen Gesellschaft?!

Erst wenn wir wieder erkennen, was Gottes ist, wird es uns auch möglich sein, zu erkennen, was wir dem Staat, der Gesellschaft zu geben haben, wo wir auf Missstände aufmerksam zu machen haben, wo wir eventuell die Konfrontation zu suchen haben.

Das geht jedoch einzig und allein aus dem Glauben an den Herrn der Welt heraus. Folglich muss es für uns immer erst einmal heißen: Gebt Gott, was Gottes ist.

Wenn wir das wirklich tun, dann wird unser Glaube auch gemäß dem Doppelgebot der Liebe entsprechende Früchte tragen, und wir können dem Gemeinwesen das geben, was ihm zukommt, und was wir ihm als Christen zu geben vermögen. Amen.

Und der Friede Gotts, welcher größer ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

RR Gisbert v. Spankeren