Komturkirche

Die romanische Komturkirche in Nieder-Weisel, erstmals im Jahre 1245 urkundlich erwähnt, ist nach Ausweis ihrer Stilformen nicht lange vor 1200 von einer Hütte der Wormser Dombauschule errichtet worden. Das etwa 28 Meter lange und 15 Meter breite Gotteshaus ist zweigeschossig; über einer dreischiffigen, vierjochigen, gratig gewölbten Halle im Erdgeschoß befindet sich der ehemalige Krankensaal, heute „Kapitelsaal“ genannt.

Im Osten enden die Schiffe in drei Apsiden, deren mittlere den Altar enthält. Drei kreisrunde Öffnungen, die jetzt mit hölzernen Deckeln verschlossen sind, vermittelten einst den akustischen Kontakt der Patienten mit der Messfeier im Erdgeschoß. Die beiden ursprünglich geplanten Türme der Westfassade, zwischen deren Untergeschossen sich das Hauptportal befindet, blieben unvollendet. Auch die kleine Apsis des Krankensaales sowie das Äußere des Obergeschosses belegen Änderungen der Baupläne, vielleicht auch Zerstörungen und jedenfalls Geldmangel während der Bauarbeiten. Das Obergeschoß, das über kräftigen Holzpfeilern eine flache Balkendecke trägt, wurde erst 1961/62 als Kapitelsaal ausgebaut; hier finden seitdem die Kapitelsitzungen des Gesamtordens und die Rittertage einzelner Ordensgenossenschaften statt.

Die ursprüngliche Ausstattung ging nach 1800 verloren, dazu auch die Wand- und Deckengemälde mit 15 Szenen der Vita des Heiligen St. Syntromus und den Symbolen der vier Evangelisten. Der monumentale, frühgotische Taufstein (um 1290), der in der Kapelle im Erdgeschoß des Südturms aufgestellt ist, stammt aus der Pfarrkirche in Nieder-Weisel, wo man ihn im 17. Jahrhundert ersetzte. Im Zuge der Restaurierung der Komturkirche in den Jahren 1868/69 entstand der heutige, von kleinen Säulen getragene Altar im Stile der Neuromanik. Das bronzene Altarkreuz, eine Stiftung des Kommendators Dietrich Graf zu Stolberg-Wernigerode von 1981, ist die vergrößerte Nachbildung eines kleinen Kreuzes der Stauferzeit aus einem Grabfund bei Gelnhausen. Die Statue Johannes des Täufers dürfte um 1490 in Mainfranken entstanden sein und gehört in das Umfeld des Nürnberger Bildhauers Veit Stoß. Die Orgel in der südlichen Nebenapsis, 1995 von der Werkstatt Förster und Nicolaus in Lich gebaut, wurde 1998 erworben. Von den verschiedenen Gedenktafeln sei diejenige erwähnt, die seit 1997 an den Nieder-Weiseler Pfarrer Wilhelm Kayser (1826-1890) erinnert, dessen Einsatz im Jahre 1866 die Komturkirche vor dem unmittelbar bevorstehenden Abbruch bewahrt hat. Kayser ist es zu verdanken, dass das kostbare Bauwerk erhalten blieb und in den Besitz des erneuerten Johanniter-Ordens zurückgelangen konnte (1867). So dokumentiert es in seinen beiden Stockwerken bis heute die doppelte Zielsetzung des Ordens: Gottesdienst und Krankenpflege, religio und caritas.

Im Generalvisitationsbericht vom 10. Juni 1495 wird berichtet, daß die Ordenskirche St. Gertrud geweiht und mit vier Altären zur Verehrung von St. Gertrud, Maria, dem Märtyrer St. Syntromus und den Aposteln ausgestattet war. Das Inventar der kirchlichen Geräte war kostbar: 4 silberne, vergoldete Kelche mit Patenen, von denen einer zersprungen war; 1 kleine Monstranz mit Reliquien, 1 silberne Kapsel mit Reliquien, ein Teil vom Haupte des Hl. Syntromus, mit Silber geschmückt; 1 silbernes, vergoldetes Ciborium, 1 hölzerner Reliquienschrein mit Perlen verziert und Reliquien enthaltend, 7 Messgewänder, 12 Kandelaber, 1 kupfernes Lavabo, 4 Messbücher, 3 Breviare, 3 Psalter, 2 Antiphonare, 3 Graduale, 2 Lektionale und 1 Register.

Die ursprüngliche Ausstattung ging nach 1800 verloren, dazu auch die Wand- und Deckengemälde mit 15 Szenen der Vita des Heiligen St. Syntromus und den Symbolen der vier Evangelisten.

Der Hauptchor der Johanniterkirche weist mit den seitlichen Durchgängen auf die Vorzeigung von Reliquien hin, auf eine Art von (Nah-) Wallfahrt. Die Hauptreliquie war 1495 zweifelsohne der heilige St. Syntronus. – Die Bedeutung als Nahwallfahrtsort lässt sich aus etlichen Butzbacher Stadtrechnungen erkennen, denn zwischen 1426 und 1518 ist dort eine ganze Reihe von Bittgängen oder Betfahrten und Übernachtungen der Bittsteller vor Weisel überliefert. Die Butzbacher unternahmen – manchmal barfuß – und mit Unterstützung der ortsansässigen Priesterschaft und der „Barfüsser“ (Franziskaner) aus Limburg/Lahn in Zeiten der Not (Krankheit, Missernte und Dürre, Pestilenz) Prozessionen nach Weisel, übernachteten auch in selbst gebauten Hütten in Weisel!

 

Wir danken ER Brun Frhr. v. Berlepsch für die freundliche Überlassung von Text und Bildern!