Geschichte

Historische Überlegungen zur Gründung

von Dr. Michael Frase (RR)

Warum brauchen wir als Johanniter eine eigene Gemeinde?

Getreu der christlichen Tradition des Johanniterordens sieht seine Hessische Genossenschaft ihre Aufgaben neben ihrem diakonischen Wirken für den Nächsten in der Wahrung des Glaubens (siehe § 1 der Satzung).

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde als Folge des Verlustes des ehemaligen Ordenszentrums Sonnenburg, ehemals Brandenburg, im heutigen Polen, die alte um 1158 gestiftete Johanniterkommende Nieder-Weisel als einzige im Besitz des Johanniterordens noch befindliche mittelalterliche Ordensniederlassung zum neuen Hauptort für den Johanniterorden bestimmt.

Zentrale Ordensveranstaltungen finden jährlich in Nieder-Weisel statt. So werden durch das Jahr hindurch in der romanischen Hospitalkirche im Kontext von Tagungen, Einkehrwochenenden, Ritterversammlungen, Vertreterversammlungen der Johanniter Unfall Hilfe e.V. und der zentralen Ordensveranstaltung des Ritterschlags Gottesdienste gefeiert (z.B. im Jahre 2007 mindestens 15).

Die Gottesdienste in der Komturkirche werden in der Regel von Gastpfarrern gestaltet. Der Ortspfarrer von Nieder-Weisel hält normalerweise nur einen Gottesdienst in der Komturkirche der Johanniter jährlich am 3. Adventssonntag mit der Gemeinde anlässlich des Weihnachtsmarktes im Dorf. Mit einem eigenen Pfarrer vor Ort ließe sich das Gottesdienstangebot z.B. an den christlichen Feiertagen ausbauen.

Deshalb wird die Gründung einer Personalgemeinde nach der Rechtsform der Anstaltsgemeinde angestrebt. Nach der Definition von Albert Stein zeichnet sich eine solche Gemeinde in folgender Weise aus: „Eine Personalgemeinde bestimmt den Kreis ihrer Glieder nicht auf dem Umweg über ein Gemeindegebiet, sonder durch das Bestehen einer bestimmten Lebensbeziehung zwischen den einzelnen Gemeindegliedern und der auf sie zielenden missionarischen Ausrichtung der Gemeinde... Christliche Gemeinde ist daher zu bestimmen als die geordnete Gemeinschaft von Menschen, die innerhalb eines gemeinsamen Lebenskreises zur gemeinsamen Betätigung ihres Christseins in Gottesdienst und Dienst aneinander wie an anderen Menschen auf Stetigkeit hin zusammenkommen.“

Die gegenwärtigen Reformdiskussionen auf der Ebene der EKD, aber auch der EKHN fragen intensiv danach, wie die evangelische Kirche unter den veränderten Rahmenbedingungen zukünftig ihrem Verkündigungsauftrag nachkommen kann. In den Blick kommen dabei auch andere Beteiligungs- und Vergemeinschaftungsformen als lediglich in der Organisationsform der Ortsgemeinde. Die Synode der EKD hat in ihrer Herbsttagung im November 2007 die Debatte - angeregt durch das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ - weiter geführt. Sie hat noch einmal festgehalten: „Auf der Suche nach geeigneten Strategien und Strukturen gewinnt die Kirche die Freiheit alles zu prüfen, das Gute zu behalten und ihre Gestalt zu bestimmen. Dazu gehören Reformanstrengungen, die – die theologische Kompetenz und die geistliche Qualität kirchlichen Handelns schärfen; - die Konzentration auf erkennbar geistliche und theologische Handlungsfelder unterstützen; - die Offenheit und Vielfalt gemeindlicher Angebotsformen erweitern; - die Kompetenz in situativen Begegnungsformen mit Glaube und Kirche fördern; - die religiöse Bildung in allen Lebensbereichen stärken; - das diakonische Engagement evangelisch und das evangelische Profil diakonisch schärfen;“

Die neue EKD Studie „Gott in der Stadt, Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt“ formuliert diese zukünftige Herausforderung hinsichtlich eines ausdifferenzierten Angebots an Mitglieder und Interessierte in folgender Weise: “Die profilgemeindebezogene Arbeit kann eine Zielgruppengenauigkeit herstellen und Menschen über ein gemeinsames Anliegen oder einen gemeinsamen Lebensstil zusammenführen, die die quartiers- und situative Arbeit nicht zu erreichen vermag;“

Die angestrebte Personalgemeinde der Johanniter versteht ihr Handeln in diesen beschriebenen Kontexten.

Sollen die Johanniter und ihre Familien die vertraute Ortsgemeinde verlassen, um sich der neuen Johanniter-Gemeinde anzuschließen?

Erste vorsichtige Anfragen bezüglich der Chancen zum Aufbau einer solchen Gemeinde ermutigen, diese Gemeindegründung anzustreben. Nicht nur bei den Ritterbrüdern (Mitgliedern) der Hessischen Genossenschaft, sowie den Subkommenden in Hessen, wird ein Interesse deutlich, sondern sogar bei den Mitarbeitenden der JUH kann realistisch von einem Interesse an Mitgliedschaft ausgegangen werden. In einer ersten Phase wird sich die Mitgliedschaft sicher auf das Kirchengebiet der EKHN konzentrieren. Eine EKD-weite Möglichkeit zur Mitgliedschaft soll aber von Anfang an ermöglicht werden, weil eine solche Ausrichtung der Gemeinde wesentlich stärker dem Charakter des Johanniterordens und seiner Werke entsprechen würde. Einen Weg zur Öffnung für solche Mitgliedschaften ermöglicht die „Vereinbarung über die Kirchenmitgliedschaft in besonderen Fällen“ mehrerer EKD-Gliedkirchen. Als Bedingung wird genannt: „ § 2. Voraussetzung. Voraussetzung für die Kirchenmitgliedschaft zu einer anderen als der Kirchengemeinde des Wohnsitzes ist eine erkennbare Bindung an die andere Kirchengemeinde und die Möglichkeit, am Leben dieser Kirchengemeinde teilnehmen zu können... § 4. Rechtsfolgen. (1) Mit der Zugehörigkeit zur aufnehmenden Kirchengemeinde erwirbt das Kirchenmitglied auch zugleich die Kirchenmitgliedschaft in der zuständige Gliedkirche der EKD.“ Bezüglich der Zuordnung der Kirchensteuer wird in §4 (2) geregelt, dass diese weiterhin an die Wohnsitzgemeinde entrichtet wird.

An welchen Personenkreis ist in Bezug auf eine Mitgliedschaft in der Johannitergemeinde gedacht? Festzuhalten gilt, dass die grundsätzliche Verankerung von Johannitern in der Ortsgemeinde nicht verändert werden soll. Dieser Anspruch des Johanniterordens an seine Mitglieder bleibt bestehen. In einer grundlegenden Information des Johanniterordens und seiner Werke wurde im Jahre 1999 noch einmal gerade vor dem Hintergrund der Feierlichkeiten zum 900jährigen Bestehen ausgeführt: „Zum Johannitersein gehören das Bekenntnis zum evangelischen Glauben, die aktive Mitgliedschaft in der Gemeinde und ein christliches Leben nach den Geboten der Ordensregel als unabdingbare Bestandteile der Ordenszugehörigkeit.“

Als Ergänzung und Erweiterung dieser grundsätzlichen Bejahung der Verankerung in der Ortsgemeinde ist die geplante Gemeinde zu verstehen. Wie in den Reformdebatten auch deutlich wird, ist eine Stärkung von anderen Gemeindeformen neben dem Festhalten am parochialen Prinzip sinnvoll, da sich nicht mehr alle Interessierten nur vor Ort einbinden lassen.

Gerade im Rhein-Main-Gebiet ziehen beruflich bedingt Johanniter regelmäßig zu, um nach einigen Jahren wiederum den Wohnort beruflich begründet zu wechseln. Besonders in den Subkommenden dieser Region ist diese Fluktuation deutlich spürbar. Hat der Johanniterorden auf diese Entwicklung schon vor Jahrzehnten reagiert, indem er die überregionale Mitgliedschaft in der Balley ermöglichte, könnte die Johannitergemeinde in Nieder-Weisel zur Heimat für viele – insbesondere junge Leute – werden, die in der Region auf Zeit leben, aber an dauerhafter kirchlicher Bindung interessiert sind.

Weiterhin wird das gemeindliche Angebot in Nieder-Weisel einen deutlichen Akzent im christlichen Bildungsbereich setzen. Konzerte in der romanischen Kirche und mehrere Tagungen im Jahreslauf sprechen ein breites Publikum an und befördern eine Gemeindebildung. Eine Beeinträchtigung der Gemeinden im Umfeld der Komturei Nieder-Weisel ist aufgrund der bisherigen Teilnehmerzahlen nicht zu befürchten, da die Angebote von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus einem größeren Einzugsgebiet wahrgenommen werden. Gleiches gilt für die Mitglieder der Ortsgemeinde Nieder-Weisel. Das gewohnte jahrhundertlange Neben- und Miteinander der Johanniter vor Ort und der dörflich geprägten Kirchengemeinde lassen hier keine Abwanderung zu Gunsten einer Johanniter-Gemeinde befürchten.

Ein Zuwachs an Gemeindegliedern kann sich aus den Ordenswerken ergeben. Die derzeitigen Tagungen und Seminare lassen erkennen, dass eine Johanniter-Gemeinde hier neue Kirchenmitglieder binden und begleiten könnte.

Rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen aufgrund der Teilnahme an CI- Seminaren jährlich in das geistliche Zentrum der Johanniter und erfahren Bildung und Evangelisation. Als Fachtheologen begleiten Johanniterpfarrer im Ruhestand diese Seminare. Eine hauptamtliche Begleitung erweist sich perspektivisch aber als notwendig. So wäre es möglich interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Taufseminar anzubieten, welches auf die Erwachsenentaufe hinführt. Die Taufen werden in der Komturkirche durchgeführt. Die Kirche selbst verfügt über ein schönes gotisches Taufbecken. Die anschließende Mitgliedschaft in der Johanniter-Gemeinde ist als eine Alternative zur Mitgliedschaft in der Ortsgemeinde in den Herkunftsregionen möglich.

Jährlich werden auf Wunsch Hochzeiten in der Komturkirche durchgeführt. Das kunstgeschichtlich bedeutende romanische Kleinod wird gerne als Kirche für Trauungen angenommen. Bisher ist dies nur in Ausnahmefällen möglich, denn es muss alles von den Brautpaaren organisiert werden. Vom mitzubringenden Pfarrer bis zum Eintrag im Kirchenbuch der Gemeinde Nieder-Weisel reicht der Aufgabenkatalog.

Mit der Gründung einer eigenen Gemeinde und der Errichtung einer Pfarrstelle kann den Nachfragen nach Kasualien viel eher entsprochen werden.

Seit einiger Zeit verhandelt die Hessische Genossenschaft des Johanniterordens mit der Stadt Butzbach über die Neueinrichtung eines Johanniterfriedhofs in Nieder-Weisel, da es sich gezeigt hat, dass an der Anlage eines Johanniterfriedhofs ein überregionales Interesse besteht. Eine Kirchengemeinde als Träger des Friedhofs wäre sinnvoll.

Schlußbetrachtung

In den typischen kirchlichen Handlungsfeldern ergeben sich auch Fragen nach Mitgliedschaft. So wird sich mit der Zeit eine eigene Gemeinde entwickeln. Deren Identität entsteht nicht auf Kosten der Ortsgemeinden. Sie stellt aber ein alternatives Gemeindemodell dar, welches Menschen ansprechen und gewinnen kann.

Das geistige und geistliche Zentrum des Johanniterordens in der Komturei Nieder-Weisel lässt schon heute Konturen und Anknüpfungspunkte für eine Gemeindeentwicklung erkennen. Im Zuge der Reformpapiere der EKD „2030“ und der EKHN „2025“ bietet eine Johanniter-Gemeinde in Nieder-Weisel die Chance neue Formen der Mitgliedschaft zu erproben. Das Selbstverständnis der Johanniter bietet ideale Anknüpfungspunkte den christlichen Bildungsauftrag der Kirche und die Liebeswerke der Diakonie miteinander zu verknüpfen und zu gestalten. Mit der pfarramtlichen Ausgestaltung des Gemeindelebens wird darüber hinaus Beheimatung in einer personalen Bezogenheit in der Evangelischen Kirche ermöglicht.