Lebens-Spiralweg Krisenverarbeitung für Person & Gesellschaft

Erfolgreich meisterten schon und noch nicht von Krisen betroffene Menschen in vielen Ländern der Welt den von Erika Schuchardt erschlossenen 8-fachen Lebens-Spiralweg Krisenverarbeitung […].

Auf einem solchen erfolgreichen Lebens-Spiralweg errangen alle mühhselig lernend über ein Eingangs-, ein Durchgangs- und ein Ziel-Stadium unter Einsatz von Kopf, Herz und Hand die eigene Annahme ihrer veränderten Lebenssituation und versöhnende Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden.
Das Ergebnis ist Ausdruck gelebter Komplementarität von Person & Gesellschaft.
Übereinstimmend gilt für beide, schon und noch nicht von Krisen betroffene Menschen, der erforderliche Sieg über sich selbst, die Überwindung ihrer Lern-Barrieren. […]

Skizzenartig wird nachfolgend der Komplementär-Spiralweg dargestellt. […]

1. Spiralphase Ungewissheit:
„Was ist eigentlich los...?

Am Anfang einer Krise steht der Schock. Der Krisenauslöser, ein Unfall, eine Nachricht, ein Ereignis, schlägt wie ein Blitz ein, zerstört ein durch Normen geordnetes und an ihnen orientiertes Leben. Unvorbereitet wird man mit einer Lebenssituation konfrontiert, die von der Norm abweicht: Die Krise ist ausgelöst, der Betroffene befindet sich in panischer Angst vor dem Unbekannten. Automatisch greift er auf erlernte Reaktionsmuster zurück, wehrt sich, baut Verteidigungsburgen, setzt rationale Rituale in Gang, tut alles und unterläßt nichts, um den Krisenauslöser zu verdrängen. Dieser kann nicht existent werden, weil er nicht existent sein darf. Der Betroffene kann ihn noch nicht ertragen und erkämpft sich Freiraum durch ständiges Hervorbringen von Abwehrmechanismen.

Allen Betroffenen gemeinsam ist in diesem Schwebezustand des Umkreisens der Krise das Hauptmerkmal der ‚impliziten Leugnung‘. Diesem Zustand der Ungewissheit entspricht auf der Ausdrucksebene die Frage „Was ist eigentlich los … ?“.

Dem gesprächsanalytisch Geschulten wird deutlich, daß sich hinter dem ‚eigentlich‘ bereits das uneingestanden Mitgedachte verbirgt, also die Anerkennung der Krise sich schon latent vorbereitet. Für die Begleitung ist es hilfreich, die 1. Spiralphase Ungewissheit als Erkennungs- oder Eingangs-Stadium noch genauer zu beschreiben. Es lassen sich drei typische Zwischenphasen feststellen, die einander sowohl ablösen wie neben- und miteinander bestehen können:
Zwischenphase 1.1 Unwissenheit: „Was soll das schon bedeuten...?“
Zwischenphase 1.2 Unsicherheit: „Hat das doch etwas zu bedeuten...?“
Zwischenphase 1.3 Unannehmbarkeit: „Das muss doch ein Irrtum sein…?“

Bei fehlender Prozeßbegleitung wird die Wahrheits-Entdeckung unverhältnismäßig lange hinausgeschoben. Durch angemessene Begleitung werden hier die Weichen gestellt, um einen Abbruch der Krisenverarbeitung mit Tendenz zu sozialer Isolierung zu verhindern. So wird ein Lernprozeß eröffnet, der Aussicht auf Miteinanderleben schafft.

2. Spiralphase Gewissheit:
„Ja, aber das kann doch nicht sein … ?“

In der Ungewissheit (1) sich schon ankündigend, folgt nun unabweisbar die Gewissheit des Verlustes von Lebensmöglichkeiten als Phase 2, gefühlsmäßig artikuliert als „Ja, aber das kann doch nicht sein … ?“.

Es klingt wie eine verneinende Bejahung und sieht nach Fortsetzung der Leugnung aus. Beides trifft zu! Diese Ambivalenz zwischen verstandesmäßigem „Ja“ und gefühlsmäßigem „Nein“ ist das Bestimmungsmerkmal der Phase Gewissheit (2). Die Ambivalenz „Ja, aber … ?“ schiebt sich wie ein Puffer zwischen den Betroffenen und sein Erschrecken über die Diagnose, er gewinnt einen Freiraum, in dem er sich wieder fangen und neu anfangen kann, um seinen Weg fortzusetzen. Trotzdem ist jedes begleitende Gespräch über die reale Situation angesichts der unabweisbaren Gewißheit eine klärende Hilfe, weil es eine Verbindung zwischen der rationalen Erkenntnis und der emotionalen Befindlichkeit aufbaut. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft des Betroffenen selbst: Er muß das Signal geben, darüber klärend sprechen wollen; nur so ist die eigene Entdeckung der Wahrheit möglich.

3. Spiralphase Aggression:
„Warum gerade ich … ?“

Auf diese primär ,rational‘ und ,fremdgesteuerten‘ Spiralphasen der Ungewissheit (1) und der noch ambivalenten Gewissheit (2) folgen die ,emotionalen‘ und ,ungesteuerten‘ Phasen der vitalen Gefühlsausbrüche.


Jetzt erst sickert die Kopferkenntnis zur Erfahrung des Herzens in das Bewußtsein ein „… es kommt mir erst jetzt zum Bewußtsein!“, und in den Grundfesten verletzt und erschüttert schreit der Getroffene: „Warum gerade ich … ?“. Die Qual ist grenzenlos. Dieses Bewußtwerden ist von so starken Gefühlsstürmen überwältigt, daß der Betroffene entweder an ihnen zu ersticken glaubt oder aber – im günstigsten Fall – sie gegen seine Umwelt aus sich herausbrechen läßt. Dieser vulkanartige Protest läßt sich am treffendsten mit Aggression (3) bezeichnen. Tragisch daran ist, daß der eigentliche Gegenstand der Aggression, der Krisenauslöser selbst, nicht faßbar, angreifbar ist. Demzufolge suchen sich die Aggressionen Ersatzobjekte; zur Zielscheibe kann alles werden, was sich ihnen anbietet. Hier aber beginnt ein neuer Teufelskreis.

An dieser Phase wird besonders deutlich, welchen Gefahren die Betroffenen ohne angemessene Begleitung ausgeliefert sind: entweder sie ersticken an der Aggression in passiver oder aktiver Selbstvernichtung, oder sie erliegen durch feindliche Äußerungen der Umwelt dem Sog in die Isolierung, oder aber sie fallen aufgrund ihrer internalisierten Kontrollen von negativen Gefühlen in apathische Resignatio

4. Spiralphase Verhandlung:
„Wenn ..., dann muß aber ...!“

Die in der Aggression freigesetzten emotionalen Kräfte drängen zur Tat. Es werden fast wahllos alle nur erdenklichen Maßnahmen eingeleitet, um aus der Ohnmacht angesichts der ausweglosen Situation herauszukommen. Immer höhere Einsätze werden ins Spiel gebracht. Es wird gefeilscht und verhandelt.

Abhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage und der Wertorientierung der Betroffenen lassen sich zwei Richtungen erkennen, die paradoxerweise, weil ungesteuert, oft auch parallel eingeschlagen werden: Die Nutzung des ,Ärzte-Warenhauses‘ und das Suchen nach ,Wunder-Wegen‘, wohlgemerkt unter der einen Bedingung: „Wenn ..., dann muß aber … !“.

Auch hier erkennen wir, wie gefahrvoll der Weg sein kann, wenn Betroffene ihn ganz allein gehen müssen; er kann in einem materiellen und geistigen ,Ausverkauf‘ enden.

5. Spiralphase Depression:
„Wozu ..., alles ist sinnlos...?“

Es kann nicht ausbleiben, daß früher oder später alles Verhandeln im ,Ärzte-Warenhaus‘ ode rauf ,Wunder-Wegen’ zum Scheitern verurteilt ist; der an Krebs schwer Erkrankte kann seiner Todesgewißheit nicht ausweichen, der querschnittgelähmte Unfallpatient kann seine gefühllosen Beine nicht mehr verleugnen. Die Mutter des Kindes mit Trisomie 21 kann dessen Verhalten und Gesichtsausdruck nicht mehr übersehen.
Die Betroffenen erleben ihr Scheitern in den vorausgegangenen Phasen oft als Versagen, sie sinken in den Abgrund der Verzweiflung oder Resignation: „Wozu ..., alles ist sinnlos … ?“. Sie befinden sich in der Spiralphase Depression.

Aber Trauer und Tränen sind noch Sprache, sind Zeichen von Erleben, Verletztsein und passivem Widerstand in dem Gefühl des schrecklichen Verlustes. Im Aufgeben und der Angst vor dem drohenden Aufgegeben-Werden bahnt sich der endgültige Verzicht auf alle Versuche an, die unumkehrbaren Verluste zu leugnen. Er ist begleitet von einer grenzenlosen Traurigkeit, der sog. Trauerarbeit: sie dient der Vorbereitung auf die Annahme des Schicksals, sie enthält die Wendung zur Um-kehr, zur nach innen gerichteten Einkehr und zur Begegnung mit sich selbst.

6. Spiralphase Annahme:
„Ich erkenne jetzt erst...!“

Charakteristisch für diese Windung der Spirale ist die bewußte Erfahrung der Grenze. Nun sind sie am Ende angekommen, verausgabt, doch wie erlöst, bereit, sich neuer Einsicht zu öffnen.

Über den Betroffenen bricht eine Fülle von Wahrnehmungen, Erlebnissen, Erfahrungen herein, die sich zur Erkenntnis verdichten: „Ich erkenne jetzt erst … !“ Ich bin, ich kann, ich will, ich nehme mich an, ich lebe jetzt mit meiner individuellen Eigenart. Diese Phase wird darum als Annahme (6) bezeichnet. Ich lebe nicht mehr gegen, sondern mit der Krise. Ich will mein Leben erlernen und erleben!

7. Spiralphase Aktivität:
„Ich tue das...!“

Der selbstgefaßte Entschluß, mit der individuellen Eigenart zu leben, setzt Kräfte frei, die bisher im Kampf gegen sie eingesetzt wurden. Dieses Kräftepotential drängt zur Tat. „Ich tue das … !“ ist der spontane Ausdruck für diese Wende. Selbstgesteuert, unter vollem Einsatz der rationalen und emotionalen Fähigkeiten, eröffnen die ersten Schritte der Phase 7 Aktivität. Die Betroffenen erkennen, daß es ja nicht entscheidend ist, was man hat, sondern was man aus dem, was man hat, gestaltet!

Es kann nicht ausbleiben, daß das Handeln und Denken nun die Realität selbst verändert. Bedeutsam ist nur, daß der Betroffene primär sich selbst verändert und mittels dieses Lernprozesses zum Anstoß für ,Systemveränderung‘ als Folge, nicht als Ziel, werden kann. Änderung aber heißt hier, die Möglichkeit des Andersseins zu gewinnen durch alternative Handlungsperspektiven als Ergebnis eines Sich-neu-Definierens in gesetzten Grenzen, im Wagnis, darin eigenständig zu handeln, gemäß Schuchardts Modell, dem Komplementär-3-Schritte-Umkehrprozess.

8. Spiralphase Solidarität:
„Wir handeln gemeinsam...!“

„Wir handeln, wir ergreifen Initiative … !“ Das ist Ausdruck einer erfolgreichen Krisenverarbeitung, einer angemessenen sozialen Integration, gelebter Inklusion. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese letzte Spiralphase nur von wenigen schon betroffenen, aber auch nur selten von noch nicht betroffenen Menschen erreicht wird.

Im Vorgriff auf spätere Ausführungen, auf die hier verzichtet werden muss, kann gesagt werden, daß diese Art von Gestaltung als Sinn, ja als Glück erlebt werden kann. Die Befähigung zum Gestalten durch aktive Teilnahme am gemeinsamen Leben ist nun ,Selbst-Verwirklichung‘ durch Anders-Sein inmitten der unangemessenen Leistungsnormen unserer Gesellschaft. Die Krise erweist sich als Chance.

©Erika Schuchardt 2015