Reportage

Furchtlos mit Flaschen und Flossen

Eutin | Wasserscheu sind sie nicht. Bei Wind und Wetter zwängen sich die Johanniter-Rettungstaucher aus Eutin in ihre zweite Haut und proben den Ernstfall. Die Männer und Frauen um Helge Börensen treffen sich alle zwei Wochen, um abzutauchen – mal in der Ostsee, oft in den Seen rund um Eutin.

 

Heute sind die ehrenamtlichen Rettungstaucher der Johanniter zum Üben am Krummsee. Zwischen den grünen Hügeln der holsteinischen Schweiz liegt er wie ein Spiegel, der die warmen Sonnenstrahlen reflektiert und zum Brennglas wird. Verlockend, in ihm zu baden. Die Johanniter kommen aber nicht in Badehosen, sondern mit Atemluftflaschen, Flossen und Tauchanzügen für Sommer und Winter. Umgezogen wird sich diesmal gemütlich am Seeufer. Bis alles sitzt und passt, dauert es. Hilfe ist nötig, um die schweren Flaschen auf den Rücken zu hieven. Das macht Kai Kattoll, Urgestein im Tauchwesen. Er kam vom Technischen Hilfswerk und brachte vor sechs Jahren Idee und erste Teile der Ausrüstung mit. Heute ist er Taucheinsatzleiter der Johanniter und dafür zuständig, dass jeder Einsatz reibungslos abläuft. Schwer vorstellbar, dass die gesamte Montur der Taucher normalerweise auf dem Weg zum Einsatzort im Taucherwagen angezogen werden muss, manchmal sind das nur wenige Minuten.

 

Die 18 Männer und Frauen der Truppe haben seit 2005 jedes Jahr bis zu zehn Einsätze zu bewältigen, bei denen es darum geht, Menschen aus dem Wasser zu retten. Das sind nicht nur Schwimmer, sondern auch Angler, verwirrte oder alte Menschen, Selbstmörder und Kinder. Die Ausrüstung ist technisch auf dem neuesten Stand, auch wenn es keine finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand gibt. Ein großer Fuhrpark mit mehreren Einsatzwagen und sogar zwei Boote stehen den Johannitern für den Ernstfall bereit. Alarmiert werden die Taucher über den Notruf 112 und rücken dann aus wie eine freiwillige Feuerwehr.

 

Nicht immer sind es spektakuläre Einsätze. „Manches hört sich schlimmer an, als es am Ende ist“, erzählt Helge Börensen. Da wird schon mal ein Schwimmer vermisst gemeldet, der sich nach einer Stunde plötzlich wieder auf seinem Badetuch anfindet. Auch übermütige Jugendliche, die ins Wasser springen und sich so lange unter einem Steg verstecken, bis ihre Freunde die Taucher alarmieren, hat es schon gegeben. Viele richtige Einsätze enden mit einer glücklichen Rettung durch JUH-Taucher.

 

Doch auch Tragisches haben sie schon erlebt. Vor knapp zwei Jahren, als ein siebenjähriger Junge vom Spielen auf einer Sandbank vor Fehmarn nicht an den Strand zurückgekehrt war. Die Eltern meldeten sein Verschwinden am Nachmittag. Kurz nach 18 Uhr trafen die Taucher ein und suchten bis zur Dunkelheit. „Gefunden haben wir das Kind leider nicht“, sagt Helge Börensen. Erst Tage später wurde der Junge tot an der Küste Dänemarks geborgen. „Das Schlimmste für die Eltern war die Ungewissheit, in der wir sie zurücklassen mussten“, erinnert sich Börensen.

 

Auch die Helfer müssen solche Erlebnisse verarbeiten. Rettungstaucher arbeiten immer am Limit. Für ihre körperliche Belastbarkeit sorgen sie selbst, sie wird vom Arzt regelmäßig überprüft. Die Seele stabil zu halten ist schon schwieriger. „Wir helfen uns gegenseitig, sind auch privat befreundet. Keiner wird hängengelassen“, sagt der Chef der Taucher.

 

Auch unter Wasser sind die Taucher niemals allein. Gehalten werden sie von den Leinenleuten, die über Zeichen kommunizieren. Rhythmisch ruckt es an der Leine, die im Wasser verschwindet. Eigentlich sollte Sascha Maas antworten oder auftauchen. Nichts passiert. Eine gewisse Sorge, ob alles in Ordnung ist, liegt auf den Gesichtern der an Land Gebliebenen. Endlich, das Wasser wirft Wellen, dann erscheint der Kopf von Sascha Maas. Er paddelt zum Steg und nimmt die Tauchermaske ab. Sein Gesicht ist rot vor Anstrengung. „Guckt euch dieses Grünzeug an“, stöhnt er. Die Leine hängt voller Algen, kein Signal ist mehr bis zu ihm durchgedrungen. Wegen der Algen ist auch die Sicht schlecht, nicht nur hier im See, auch in der Ostsee.

 

Es koste schon manchmal Überwindung, ins dunkle, kalte Nichts abzutauchen, um nach vermissten Personen zu suchen, die vielleicht schon längst tot sind, sagen die Taucher. Sascha Maas, Philipp Bartelt, Michel Jaenckel und all die anderen Mitglieder der Tauchergruppe finden jedoch, man sollte nichts unversucht lassen, um Menschenleben zu retten. Und dafür könne man ruhig einmal nass werden. | Katrin Juhl