Anorexie / Magersucht

Was ist Anorexia nervosa (Magersucht)?

Anorexia nervosa - der griechische Ursprung des deutschen Begriffs Magersucht -bedeutet so viel wie "nervlich bedingtes fehlendes Verlangen". Diese Bezeichnung ist irreführend, denn das Verlangen, der körperliche und seelische Hunger, ist bei der Magersucht gerade besonders groß. So groß, dass von Magersucht Betroffene ihn fast um jeden Preis abwehren und verleugnen. Magersüchtige haben demnach im Umgang mit ihrem ungestillten Verlangen einen anderen Weg beschritten als BulimikerInnen oder Adipöse.

Beginn der Anorexia nervosa (Magersucht)

Es gibt etwa 150 000 bis 200 000 Menschen in Deutschland, die an Magersucht erkrankt sind. 90 Prozent davon sind Mädchen und junge Frauen, zumeist Angehörige der Mittel- und Oberschicht, intelligente, sensible, bis zum Beginn der Magersucht gut "funktionierende" Mädchen, die häufig über Diäten abmagern und ihre Periode verlieren. Am Anfang stehen häufig die während der Pubertät auftretenden Selbstzweifel und die Frage „bin ich gut genug?“, was dann oft mit „bin ich schön genug?“ quasi übersetzt wird. Eines der im Internet kolportierten 10 Gebote der Magersucht lautet: „wenn du nicht dünn bist, kannst du nicht attraktiv sein“. So kommt es, dass erste erfolgreiche Nahrungseinschränkung und die positive Reaktion von wichtigen Bezugspersonen die scheinbare Richtigkeit des eingeschlagenen Weges bestätigen. Wenn dieser Weg der alleinige oder der am besten ausgebaute Weg wird, ist so der Weg in die Magersucht oder eine andere Essstörung eine logische Folge.
Die Patientinnen sind oft stolz auf ihr konsequentes Fasten, manchmal auch stolz auf ihren - durch die Magersucht - ausgemergelten Körper, dem sie häufig durch Bewegungsunruhe und das Streben, Kalorien zu verbrauchen, noch gewaltige körperliche Leistungen abtrotzen. Die Magersucht führt - möglicherweise infolge des chronischen Hungerzustandes - zu einer verzerrten Körperwahrnehmung. Es ist oft erschütternd, wie vehement und ehrlich betroffen stark untergewichtige Magersüchtige noch über ihren "Spitzbauch" klage. (vgl. Folgen der Magersucht).

Wie geht es mit der Magersucht weiter?

Die an Magersucht Erkrankten beschäftigen sich gedanklich sehr viel mit dem Essen, horten Nahrungsmittel, lesen Kochbücher und machen Essensgeschenke. Die Körperfunktionen entsprechen einer "Vita minima" mit herabgesetzter Herzfrequenz, erniedrigtem Blutdruck und herabgesetztem Grundumsatz. Diese asketischen Magersüchtigen kommen selten von sich aus, häufig nur auf Druck ihrer Eltern in die Arztpraxis, weil sie wenig Krankheitseinsicht und Leidensdruck haben. Das ändert sich meist erst dann, wenn die Patientinnen einen wirklichen Tiefpunkt erreicht haben; manchmal, wenn sie sich nicht mit dem Fasten begnügen, sondern zusätzlich Abführmittel nehmen und beginnen zu erbrechen, um forcierter abzunehmen. Dies gilt insbesondere, wenn sie nach zu langem Fasten oder in belastenden Situationen ihrem latent stets vorhandenen Heißhunger nachgegeben haben. Diese Triebdurchbrüche zerstören den Stolz der Patientinnen auf ihre Askese, erhöhen ihren Leidensdruck und ihre Therapiewilligkeit.

Nach all dem Krankhaften, das ins Auge fällt, wenn man mit Patientinnen mit der Diagnose Magersucht zu tun hat, dürfen wir ihre Stärken nicht vergessen. Wir haben es zumeist mit Begabten zu tun, mit Sensiblen und Kreativen, auch wenn sie ihre Sensibilität oft gering schätzen und sich ihrer schöpferischen Begabungen nicht bewusst sind. Magersüchtige besitzen Würde, sind stolz, wirken oft zugleich wie Prinzessinnen und Kämpferinnen.
All diese Faktoren führen dazu, das die Behandlung von Magersucht für die PatientInnen, die Angehörigen und auch die Behandler, insbesondere bei dem in der Behandlung erwünschten zunehmendem Gewicht, immer wieder zu krisenhaften Situationen führt. Hierbei ist die Stützung durch ebenfalls von Magersucht oder anderen Essstörungen Betroffene wichtig (Behandlung von Magersucht). Wie die Aufstellung der 10 Gebote der Magersucht signalisiert, wird die Magersucht als wichtigster Lebensinhalt gesehen. Sofern für diese tragende Säule des Selbstwertes kein Ersatz vorhanden ist, ist es für die Betroffene nur sehr schwer möglich die Magersucht los- und sich damit auf eine Gewichtszunahme einzulassen.