Entstehung der Bulimie

Die entleerte Seele
Die Geschichte einer Bulimikerin

Essgewohnheiten mit dem abschließenden Erbrechen

Petra ist Werbefachfrau. Sie ist eine gut aussehende, schlanke Blondine, die Hosenanzüge bevorzugt, ins Fitnessstudio geht und ein Calvin- Klein-Parfum trägt. Sie wirkt perfekt, sieht man einmal von einer leichten Schwellung im Bereich der Backenknochen ab, von Eingeweihten auch als „Kotzbäckchen“ bezeichnet, ja, und der leichten Rötung des Gesichts, die sie als Solariumbräune bezeichnet, die den Kundigen aber sofort an reichlichen Rotweingenuss denken lässt.

Wer sie aber in geselligen abendlichen Runden vermutet, geht fehl. Petra geht nie aus. Es ist einsam um sie geworden. Nach der Arbeit setzt sie sich erschöpft, gereizt und hungrig in ihren Corsa, bis sie rechts von der Schnellstraße in der Dämmerung wie ein gelbes Alarmsignal das Licht der Shell-Tankstelle auftauchen sieht. Dort springt sie aus dem Auto und kauft eine Menge Snickers und Crackers. Kurz darauf steigt sie hoch in ihre kalte Wohnung und setzt, während sie noch die Hülle der eingekauften Leckereien aufreißt, einen großen Topf Spaghetti auf. Dann knabbert sie, frisst, lutscht, saugt und schmiert, bis sie sich wie Gargantua oder im neunten Monat fühlt. Sie weiß aber, dass alles wieder raus muss, tastet sich in die Toilette, umschlingt dort das kalte, weiße Becken des „Geliebten“ und übergibt sich ihm ganz. Sie kotzt sich die Seele aus dem Leib, so lange, bis auch noch der letzte Tropfen den Körper verlassen hat. Dann fällt sie unter Zuhilfenahme einer Flasche Rotwein in einen tiefen, besinnungslosen Schlaf.

Die Maske als Schutzschild

Die Maske als Schutzschild

Petras Vater ist Handelsvertreter, immer unterwegs und hektisch, aber auch immer tipptopp mit seinen Blazern mit den goldenen Knöpfen und dem jeweils neuen BMW der 5er-Reihe. Die depressive und unzufriedene Mutter gehört dem Berufsstand der „Kranken Schwestern“ an (Petra hat diesen Spott vom Vater übernommen) und liebt es, sich für andere aufzuopfern. Vor zwei Jahren hat sich der Vater, der immer ihr Vorbild war,von der Mutter getrennt. Seine aktuelle Freundin liegt im Alter näher bei ihr als bei der Mutter. Vom Vater hat sie gelernt, eine perfekte soziale Maske zu pflegen. Die Mutter hingegen hat sie bemitleidet, zeitweise auch etwas verachtet. Aber nun ist sie ja schon lange selbstständig, hat einen interessanten Beruf und lernt immer wieder interessante Menschen kennen. In Wahrheit dreht sich bei ihr aber alles um Essen und Figur. „SNICK, CRACK, SPAGH – SPLASH!“ – so heißt der Vierzeiler, den sie sich zur Beschreibung ihrer Essgewohnheiten mit dem abschließenden Erbrechen in der anglizismenreichen Sprache der Werbebranche zurechtgelegt hat. Immer wieder hat sie sich geschworen, dem sie bleischwer niederziehenden Zyklus des Essens und Erbrechens zu entkommen. Aber einen Ausweg hat sie nicht gefunden. Wieder und wieder zieht es sie nun zu dem Viadukt, von dem es hinab in eine besinnungslose Tiefe geht, in der sie allem entkommen könnte.-