Modelle der Entstehung von Essstörungen:

Man kann davon ausgehen, dass es nicht die EINE Ursache für Essstörungen gibt. Vielmehr wirken in der Regel mehrere Faktoren zusammen. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es zu einer Essstörung kommt, die sich teilweise ergänzen:

 

  • Essstörung durch ein gestörtes Selbstwertgefühl

Dieser Theorie zufolge liegt der Kern der Essstörung im gestörten, verminderten Selbstwertgefühl. Dieses führt zum einen zu einer Unzufriedenheit mit sich selbst und dem eigenen Körper, zum zweiten zu negativen Gefühlen, die durch Hungern oder Essen bewältigt werden, und schließlich zum sozialen Rückzug. Alle diese Faktoren wirken im Sinne eines Teufelskreise aufrechterhaltend für die Essstörung. Die Beschäftigung mit dem Essen wir im Vergleich zur Beschäftigung mit anderen Menschen immer wichtiger.

  • Essstörung als soziales Phänomen

Die Ansprüche an ein attraktives Äußeres werden von der Mode- und Werbeindustrie extrem hoch gesetzt. Nur wer schlank ist, so scheint es, kann erfolgreich, reich und attraktiv sein. Gemessen an den Bildern, die uns in Anzeigen und im Fernsehen begegnen, wird die überwiegenden Mehrheit von uns (auch der Autor) diesen Vorbildern nicht entsprechen. Dieser Theorie zufolge kämpfen magersüchtige und bulimische PatientInnen noch um die Erfüllung der vermeintlichen Erwartung nach dem perfekten Körper, während Adipöse den Kampf bereits aufgegeben haben.

  • Essstörung als soziokulturelles Phänomen

Insbesondere an Frauen stellt unsere Gesellschaft hohe und zum Teil sehr widersprüchliche Erwartungen. Viele Frauen erleben sich in dem Zwiespalt, gleichzeitig traditionell als weiblich wahrgenommene Eigenschaften zu verkörpern und dennoch beruflich eher traditionell als männlich erlebte Eigenschaften aufzuweisen – etwa gleichzeitig weich, ausgleichend und verständnisvoll, aber auch durchsetzungsstark und selbstbewusst zu sein. Die feministische Theorie sieht in der Entwicklung einer Essstörung eine Auflehnung gegen diese widersprüchlichen Erwartungen und in diesem Sinne auch eine konstruktive Anklage an die Gesellschaft.

  • Essstörung als Resultat von fehlenden gesellschaftlichen Regeln

In der Vergangenheit gab es in der christlich geprägten Welt eine verlässlichere aus dem Religiösen abgeleitete Ordnung als heute. Diese bezog sich auch darauf, wann es und was es zu Essen gab. Der Tag wurde durch die Gebete und die Mahlzeiten strukturiert. Aber auch in der islamischen Welt finden wir eine solche Aufteilung und Strukturierung des Lebens durch Gebet und Mahlzeit. In unserer „modernen“ Welt fehlen diese weitgehend allgemeingültigen Regeln. Gemäß dieser Theorie sind Essstörungen als Reaktion auf das Fehlen einer solchen stabilisierenden Struktur zu verstehen. So kann eine Essstörung dazu dienen, z.B. mittels eines festen, rigiden Essplans wieder mehr Verlässlichkeit und Struktur zu erleben.

  • Essstörung als Reaktion auf den Überfluss

Essstörungen finden sich überwiegend in denjenigen Gesellschaften oder denjenigen Gesellschaftsschichten, für die das Beschaffen von Nahrungsmitteln kein Problem darstellt. In den Ländern der sogenannten Dritten Welt gibt es vielfach Unterernährung, aber nur selten Magersucht; in den Industrienationen sind dagegen Übergewicht und die resultierenden Krankheitsfolgen eine der Haupttodesursachen.

  • Essstörung durch genetische Faktoren

Eine Vielzahl von Untersuchungen hat sich der Vererblichkeit von Essstörungen gewidmet. Weitgehend gesichert ist nur die Erkenntnis, dass sowohl Magersucht, als auch Bulimie und Übergewicht eine genetische Komponente haben. Das bedeutet, das bestimmte Menschen ein erhöhtes Risiko haben, die jeweilige Essstörung zu entwickeln. Dies ist nicht als unausweichliches Schicksal zu verstehen, schon aber als Herausforderung für Betroffene. Um nicht tatsächlich magersüchtig, bulimisch bzw. übergewichtig zu werden oder zu bleiben, ist für sie ein bewussteres Ess- und Bewegungsverhalten notwendig als für Menschen, die keinerlei erbliche Last für eine Essstörung tragen.

  • Lerntheoretische Modelle von Essstörungen

Aus der Lerntheorie möchten wir 2 Modelle erwähnen die für Entstehung von Essstörungen relevant sein können.
Zum einen das Lernen am Modell. Gerade jüngere Kinder (aber nicht nur diese) lassen sich in Ihrem Verhalten durch wichtige Vorbilder anregen, dass beobachtete Verhalten auch selber auszuführen. Dies trifft natürlich auch auf das Essverhalten zu, so dass u.U. problematische Essgewohnheiten vom Kind aufgenommen und dann bis zur Essstörung weiterentwickelt werden können.
Die zweite Theorie beruht auf dem Belohnungslernen, dabei ist zu beachten das Essen (gerade von Süßigkeiten) auch als eine Belohnung gewertet werden kann. Wenn Kinder z.B. häufig mit Süßigkeiten dafür belohnt werden, dass sie ruhig vor dem Fernseher sitzen, kann es sein, dass vor dem Fernseher sitzen und Süßigkeiten essen zu einer fast untrennbaren Einheit werden, mit Übergewicht als Folge. Aber auch restriktives Essverhalten könnte so erlernt werden (vgl. Essstörung durch ein gestörtes Selbstwertgefühl)

  • Familientheoretisches Modell der Essstörung

Häufig wird in den Familientheoretischen Modelle der Essstörung die gestörte familiäre Interaktion als relevant beschrieben, welche sich in einem oder mehrere Faktoren zeigen kann. Dies sind z.B. Grenzverletzung, Verstrickung, Überfürsorglichkeit, Konfliktvermeidung Rigidität u.ä. Außerdem werden die Einbeziehung des Kindes in Elternkonflikte und das Verschwinden von Generationsgrenzen als relevante Einflussgrößen bei der Entwicklung von Essstörungen diskutiert

  • Tiefenpsychologische Modelle der Essstörungen

Von den tiefenpsychologischen (bzw. psychodynamischen) sollen 3 Ansätze kurz vorgestellt werden.
Zum ersten ein Ich-psychologisches Modell, welches die Essstörung als Resultat einer geschwächten Ich-Struktur sieht. Eine solche kann sich etwa in Schwierigkeiten äußern, emotionale Impulse zu kontrollieren. Diesem Modell zufolge werden Emotionen deshalb möglich nicht zugelassen, bis der Druck so groß wird, dass es zu einer „Explosion“ kommt mit z.B. einem Fress- oder Fress-Brechanfall in der Folge.
Aus der Objektpsychologie kommt ein weiteres Modell der Entstehung von Essstörungen. Demzufolge können strafende oder verbietende Anteile wichtiger Bezugspersonen (wie z.B. Eltern oder Lehrer) internalisiert, also quasi in das eigene Selbst aufgenommen werden. Von diesen von außen übernommenen eigenen Anteilen können sich Betroffene so reglementiert und drangsaliert fühlen, dass sie sie und damit auch den eigenen Körper bekämpfen. Magersucht könnte dann eine Folge sein und Unabhängigkeit das Ziel.
Ein drittes verbreitetes Modell sieht die Essstörung als symbolische Darstellung eines sexuellen Konfliktes, welcher nicht ausagiert werden kann. So könnte die Essstörung dieser Theorie zu Folge dazu dienen, weibliche/männliche Körperformen durch Aufhalten der körperlichen Entwicklung (z.B. bei der Magersucht) zu verhindern oder Sexualität durch „Anlegen eines dicken Panzers“, den keiner durchdringen kann, zu vermeiden (bei der Adipositas).

  • Andere Modelle zur Entstehung von Essstörungen

Es gibt noch weitere Modelle wie etwa die Suchttheorie der Essstörungen, die entwicklungstheoretische und das Traumamodell. Diese werden aus Gründen der Übersichtlichkeit hier nicht gesondert behandelt, wobei aber damit weder gesagt werden soll, dass diese Theorien weniger wichtig wären, noch dass sich unsere Klinik nicht auch mit diesen Aspekten in der Behandlung beschäftigte.