Erster Humanitärer Weltgipfel in Istanbul

Berlin, 19. Mai 2016

Am 23. und 24. Mai 2016 findet in Istanbul der erste Humanitäre Weltgipfel unter der Beteilingung der Johanniter statt. Auf Einladung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, werden mehr als 5000 Personen erwartet, darunter Staats- und Regierungschefs aus Geber- und Empfängerländern, hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der Vereinten Nationen sowie von Nichtregierungsorganisationen, der Privatwirtschaft und von Betroffenen aus humanitären Krisenregionen.

Der weltweite Bedarf an humanitärer Hilfe ist in den letzten Jahren dramatisch angestiegen. 83 Millionen Menschen weltweit sind regelmäßig auf humanitäre Hilfe für ihr Überleben angewiesen. Ursachen sind die zahlreichen langandauernden bewaffneten Konflikte (Syrien, Irak, Jemen, Südsudan, Nigeria, Somalia usw.), die massiv steigenden Zahlen ziviler Opfer durch Verletzungen des humanitären Völkerrechts in diesen Konflikten sowie die Auswirkungen des Klimawandels. All dies führt zu einer kontinuierlich wachsenden Zahl von Geflüchteten und intern Vertriebenen. Die Situationen von Flucht und Vertreibung dauern immer länger an – im Durchschnitt 17 Jahre bis zur Rückkehr. 80 Prozent der humanitären Hilfe wird mittlerweile in langanhaltenden Krisen geleistet. Das humanitäre System in seiner derzeitigen Struktur ist angesichts dieser wachsenden Herausforderungen überfordert.

In dem vorgeschalteten dreijährigen Konsultationsprozess zum Weltgipfel wurden diese Probleme analysiert und in verschiedensten regionalen und thematischen Veranstaltungen in allen Erdteilen an Lösungen gearbeitet. Die Johanniter bringen sich seit 2014 aktiv in den Prozess ein und haben mit Dr. Inez Kipfer-Didavi als Focal Point für alle deutschen Organisationen einen wichtigen Ansprechpartner für den Prozess und Gipfel. Zudem gehen die Johanniter mehrere Selbstverpflichtungen ein.

Die wichtigsten Fragen zum World Humanitarian Summit (WHS)

Worum geht es beim World Humanitarian Summit (WHS)?

Ziel des Gipfels ist es, das humanitäre System zu verbessern und effizienter zu machen. Dazu gehören:

  • die Entbürokratisierung der Finanzierung die Stärkung lokaler "First Responders" (auf staatlich und zivilgesellschaftlicher Ebene)
  • die Einbeziehung neuer Akteure in die humanitäre Hilfe (insbesondere der Wirtschaft)
  • die bessere Verzahnung von humanitärer Hilfe und langfristiger Entwicklungszusammenarbeit
  • die Verbesserung der Krisenprävention


Das Besondere: Es ist kein Regierungsgipfel, bei dem am Ende eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet wird, sondern das "Finale" eines dreijährigen Verständigungsprozesses, in dessen Rahmen 23 000 Akteure aus 151 Ländern aus den Bereichen Politik, Vereinte Nationen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam mit von Krisen direkt Betroffenen Prinzipien und Arbeitsweisen der humanitären Hilfe diskutiert haben. Auf dem Gipfel stellen diese Akteure anstelle eines gemeinsamen Abschlussdokuments individuelle Selbstverpflichtungserklärungen vor. Statt eines Minimalkonsenses wie bei sonstigen Weltgipfeln ist beim WHS also vielmehr ein "Wettbewerb der Selbstverpflichtungen" zu erwarten.

Als Grundlagen für die Selbstverpflichtungen der Akteure dienen zwei Dokumente: zum einen die "Agenda for Humanity" von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, zum anderen 35 im Vorbereitungsprozess gemeinsam erarbeitete "Core-Commitments".

 

Warum ist dieser Weltgipfel wichtig?

  • Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist weltweit im Moment aufgrund der vielen parallelen Krisen riesig. Die Anzahl der von Krisen betroffenen Menschen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, die Kosten für humanitäre Hilfe haben sich verdreifacht. Zugleich wächst die Finanzierung nicht in gleichem Maße mit, sodass eine große Finanzierungslücke entstanden ist. Die Finanzierungslücke hat dazu geführt, dass humanitäre Standards, die längst etabliert schienen, derzeit nicht mehr überall eingehalten werden können - wofür die menschenunwürdigen Zustände in vielen Flüchtlingscamps beispielhaft stehen.
  • Auch in Deutschland werden die internationalen SPHERE-Standards der humanitären Hilfe in vielen Flüchtlingsunterkünften derzeit nicht eingehalten. Somit kommt die öffentliche Selbstverpflichtung einer möglichst großen Zahl von Akteuren zur Einhaltung humanitärer Standards zur rechten Zeit. Das Thema Flüchtlinge ist eines der Leitthemen auf dem WHS. Es sind zahlreiche Empfehlungen erarbeitet worden. Dazu gehört, dass die Leistungen der Nachbarländer, die das Gros der Flüchtlinge aufnehmen, besser anerkannt werden sollen. Diese Länder müssen langfristig finanziell unterstützt werden.
  • Die Resilienz von Flüchtlingen muss gestärkt werden, indem sie frühzeitig Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Arbeit bekommen und dadurch für sich selber sorgen können, anstatt sie von externer Hilfe abhängig zu machen. Dafür muss in vielen Ländern der rechtliche Status von Flüchtlingen verbessert werden.
  • Flüchtlinge brauchen sicherere Fluchtwege. Frauen und Mädchen auf der Flucht müssen vor Ausbeutung und sexueller Gewalt geschützt werden.
  • Für die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts müssen internationale Sanktionsmechanismen gefunden werden.

Pressesprecherin Therese Raatz

Lützowstraße 94
10785 Berlin