johanniter.de

Europa am Vorabend der Reformation

Die evangelischen Kirchen begehen den 31. Oktober als den Tag, an dem der 33jährige Martin Luther, Augustinermönch und Professor der Theologie der Universität von Wittenberg, an die Kirchentür der Schlosskirche 95 Thesen zur Buße angeschlagen hat. Es ist der Reformationstag, den wir traditionell begehen. Wir verbinden damit die Begründung der evangelischen Konfession. Wir singen: „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Was ist gesichert? Der Bericht vom Thesenanschlag stammt von Philipp Melanchthon, aber nicht von 1517, er ist somit als Handlung mit Hammerschlag nicht ganz gesichert. Luther hat am 31. Oktober 1517 die von ihm verfassten 95 Thesen dem zuständigen Erzbischof zugeschickt und auch Freunden zugeleitet. Die Thesen sind, wie Luther es wollte, rasch und intensiv diskutiert worden, sie sind aus dem Prozess der Reformation nicht wegzudenken. Aber die Reformation hat nicht 1517 stattgefunden. „Ein feste Burg“ ist erst 1528 von Luther gedichtet worden; die Melodie wird Luther zugeschrieben.

Was war der Inhalt der Thesen? Er war eine Diskussionsgrundlage für Reformen. Hier eine These: „Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als dass sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.“ Der bekannteste Ablassprediger war der Dominikanermönch Johann Tetzel, der seit 1504 im Ablassgeschäft als Wanderprediger unterwegs war. „Ablass ist ein Begriff aus der römisch-katholischen Theologie und bezeichnet einen von der Kirche geregelten Gnadenakt, durch den nach kirchlicher Lehre zeitliche Sündenstrafen erlassen, nicht dagegen die Sünden selbst vergeben werden. Es gibt Teilablässe oder vollkommene Ablässe, die die Gläubigen unter von der Kirche bestimmten Bedingungen erlangen können.  Ablässe können den Lebenden und den Verstorbenen zugewendet werden.“ Noch aus meiner Braunschweiger Kindheit erinnere ich mich an einen Ausflug zum sog. Tetzelstein im Elm. Dabei wurde sein Werbeslogan zitiert: „Sobald der Gülden im Becken klingt, im huy die Seel im Himmel springt“ - auf Hochdeutsch: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“, oft auch mit „… die Seele aus dem Fegefeuer springt“ zitiert.

Die Einnahmen aus dem Ablasshandel wurden für die Kirche verwendet: Der 1506 begonnene Neubau des wichtigsten Gotteshauses, der Peterskirche in Rom, stand im Zentrum. Aber der mächtige Albrecht von Brandenburg, schon 23jährig Erzbischof von Magdeburg und Apostolischer Administrator für Halberstadt, seit 1514 auch Erzbischof von Mainz, später Kardinal, übernahm 1517 gegen Überlassung der Hälfte des Ertrags den Vertrieb des von Papst Leo X. verkündeten neuen Ablasses, um seine Schulden bei den Fuggern abtragen zu können. Er hatte das Geld zur Bezahlung des Palliums, des Amtsabzeichens des Metropoliten der lateinischen Kirche, aufgenommen.

Buße und Ablass stehen somit am 31. Oktober 1517 im Zentrum, aber der angegriffene Ablasshandel war älter, und die 95 Thesen waren, wenngleich wichtig und wegweisend, jedoch nicht die Reformation. Will man die Reformation datieren, so müsste der vom katholischen Kaiser Karl V. zur Wiederherstellung der Glaubenseinheit einberufene Augsburger Reichstag von 1530 genannt werden. Im Zentrum dieses Reichstages standen die Türkenbedrohung und die Religionsfrage. Die damals auf Veranlassung des Kurfürsten Johann von Sachsen durch Melanchthon verfasste Confessio Augustana, das sog. Augsburger Bekenntnis, wurde dem Kaiser überreicht. Der Kaiser verlas die katholische Antwort, die Confutatio pontificia. Melanchthon überreichte die Apologie, die aber nicht angenommen wurde. Auch das Bekenntnis von Ulrich Zwingli, die  Fidei ratio ad Carolum imperatorem, wurde dem Reichstag vorgelegt. Das Augsburger Bekenntnis ist eine Verteidigungsschrift für die Notwendigkeit der Reformation der Kirche, die die Protestanten erhofften. Einen Abschluss der Reformation nach heutiger Empfindung und damit eine Spaltung der Kirche, kann man erst dem unter Ferdinand I. 1555 abgeschlossenen sog. Augsburger Religionsfrieden zusprechen.

Wenngleich wir die Reformation als Prozess des Kirchenverständnisses und damit als Grundlage unseres heutigen Kirchenlebens ansehen, stellt sich die zentrale Frage, warum die Reformation erfolgreich war. Denn vorangegangene Bestrebungen, wie die von Johann Hus, scheiterten. Das führt zur Betrachtung der Gesamtsituation von Europa am Vorabend der Reformation. Wichtige „Global Players“ und das Spannungsfeld sind angesprochen. Eine umfassende Betrachtung muss Politik, Wirtschaft und Geistesleben und ihre Veränderungen in den Ländern Europas berücksichtigen. Eine Reihe von Personen, viele schnelle Veränderungen und zeitliche Bezüge sind wichtig. Schon eine schlaglichtartige Auswahl ist komplex; versuchen wir, uns hineinzudenken.

Machen wir einen Ausflug nach – Granada. Dort im weiten Südwesten Europas, angelehnt an die Kathedrale, steht die Capilla Real. Errichtet im prachtvollen Stil der Renaissance, ist die Königliche Kapelle die Grablege der sog. Katholischen Könige, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, aber auch von deren Tochter und Schwiegersohn, der spanischen Königin Johanna, genannt die Wahnsinnige, und König Philipp dem Schönen, Erzherzog  von Österreich. 1504 verfügten die Katholischen Könige, dass sie hier beerdigt würden. Im selben Jahr starb Königin Isabella, die Kapelle wurde zwischen 1506 und 1517 errichtet; die schlichten Särge wurden in der Krypta aufgestellt. Das Kenotaph für die Katholischen Könige wurde 1519 vollendet. Auf dem mehrteiligen reliefgeschnitzten Hochaltar ist der Einzug der Katholischen Könige in Granada von 1492 dargestellt.

Dieses Datum markiert Ende und Vollendung der sog. Reconquista, der Rückeroberung Spaniens für die christliche Kirche. Die maurische Bevölkerung musste ins Exil gehen oder sich taufen lassen. Die Inquisition überwachte dies. Werfen wir einen Blick auf eine Karte des Abendlandes und des Morgenlandes. Man sieht die Eroberungen der islamischen Heere über 300 Jahre von Mohammed (gest. 632) bis 945. Die Expansion reicht bis nach Indien, den Kaukasus und zu den Pyrenäen. Nahezu ganz Spanien und Portugal werden das Kalifat von Cordoba. Das Oströmisches Reich genannte Gebiet wird von den Osmanen erobert, 1453 fällt Byzanz und wird als Istanbul Sitz und Hauptstadt des Sultans. 1517 herrschte hier Selim der Eroberer, der die gesamte Türkei, Ostpersien, Syrien, Palästina und Ägypten seinem Sultanat bis 1520 einverleibte. Sein Sohn und Nachfolger, Süleyman der Prächtige, regierte von 1520 bis 1566 und wurde somit der große Gegner des Römischen Kaisers Karl V. (reg. 1519-1555). Die Zeit der Reformation ist somit auch gekennzeichnet durch Süleymans Kriege: (1.) Gegen Rhodos, von wo er 1522 den Johanniterorden vertrieb, (2.) gegen die Ungarn, die er 1526 bei Mohácz vernichtend schlug, Ungarn bis Budapest unter seine Herrschaft brachte und mit 120.000 Mann 20 Tage vor Wien erschien und (3.) in Nordafrika, wo sein Flottenkommandeur Khairad-Din Barbarossa Tunesien eroberte. Kaiser Karl V., zu Lande und zu See zum Eingreifen herausgefordert, führte 1535 den Tunis-Feldzug mit Eroberung der Stadt, aber ohne Ausschaltung von Barbarossa.

Zurück zu 1492. Granada ist erobert. In der Gran Via der Stadt zeigt ein imposantes Denkmal die Szene, in der Columbus von Königin Isabella den Vertrag zu seiner Entdeckungsreise erhält; am 3. August segelt er ab und erreicht am 12. Oktober Amerika; am 15. März 1493 kehrte er zurück; es wurde ein Triumphzug. 1494 schließt der erste spanische Papst, Alexander VI. Borgia, den bis heute wegweisenden Vertrag von Tordesillas zur Teilung der Neuen Welt zwischen Spanien und Portugal, und 1507 erstellt ein Mann aus Wolfenweiler bei Freiburg seine Waldseemüller-Karte, auf der zum ersten Mal „America“ vermerkt ist und auf der gut Mexiko,Kuba und Florida dargestellt sind. 1519 bis 1521 erobert Hernan Cortés Mexiko für die spanische Krone. Die Ereignisse von Wittenberg und danach fallen also auch in die Zeit, in der im Reich Karls V. die Sonne nie unterging und sein Herrscher in Mexiko und später in Peru über ungeahnte finanzielle Mittel aufgrund der Edelmetallvorkommen verfügte.

Wie stand es um die Leitung der Kirche? 1513 wurde der 42jährige Leo X., der Sohn Lorenzos des Prächtigen aus der Medici-Familie in Florenz, Pontifex maximus. Leo X. hatte die Höhen und Tiefen seines Vaters miterlebt, war durch Savonarola zum Exil gezwungen, wurde dann Chef der Familie und begleitete als Kardinal seinen Vorgänger Julius II. bei dessen Kriegszügen. Nach seiner Wahl musste er erstmal zum Priester und Bischof geweiht werden. Leo X. war Papst und als solcher ein Herrscher, ein großer Förderer der Kunst, besonders von Raffael. Leo X. initiierte den Umbau des Petersdoms und nahm hohen Einfluss auf die Politik. Bei der Kaiserwahl 1519 ergriff er Partei für Franz I. von Frankreich gegen Karl V. Für die Missstände in der Kirche hatte Leo X. offenbar kein Gespür. Die Thesen und andere Schriften Martin Luthers hat er vermutlich nicht wahrgenommen, dann 1520 verurteilt und Luther 1521 exkommuniziert. Er starb kurz darauf, und mit Hadrian VI. wurde ein Niederländer aus Utrecht Papst, der das Schuldbekenntnis abgab, Gott lasse diese Wirren geschehen „wegen der Menschen und sonderlich der Priester und Prälaten Sünden“. Vermutlich starb er kurz danach durch Gift, und Clemens VII., ein unehelicher Sohn Lorenzos des Prächtigen, wurde 1523 bis 1534 Papst. Clemens VII. war erfolgreich, aber auch ambivalent auf der politischen Bühne: Er verheiratete seine Tante Catarina mit dem französischen Kronprinz und seinen Sohn mit einer unehelichen Tochter Karls V. Seine Ablehnung der Scheidung der Ehe Heinrichs VIII. von England mit Katharina von Aragon, der Schwester Johannas der Wahnsinnigen, führte zur Gründung der anglikanischen Kirche, und eine von Karl V. geforderte Einberufung eines Konzils zur Reformationsfrage lehnte er ab. In sein Pontifikat fiel auch der Krieg Karls V. mit Franz I. von Frankreich um die Herrschaft in Oberitalien, der 1525 mit dem Sieg des Kaisers in der Schlacht von Pavia und Gefangennahme und einjähriger Gefangenschaft von Franz I. endete. Nach dem Frieden von Madrid wurde er freigelassen, widerrief die Vereinbarung und gründete mit dem Papst die Liga von Cognac. Das kaiserliche Heer, das länger ohne Sold war, marschierte quasi eigenmächtig nach Rom. Es kam 1527 zum sog. Sacco di Roma, einer Plünderung, Schändung und Zerstörung der Stadt von unübertroffenem Maß. Der Papst wurde Gefangener des Kaisers, schloss mit ihm den Frieden von Barcelona und krönte ihn in Bologna 1530. Es war die letzte Krönung eines Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch einen Papst.

Wie stand es um das Geistesleben – gab es so etwas wie unabhängige Geister? Herausragender Gelehrter dieser auch als Humanismus bezeichneten Epoche war Erasmus von Rotterdam. Er genoss breite Anerkennung. Die Tante Karls  V., Margarete von Österreich, für Kaiser Maximilian I. Statthalterin der Niederlande, wollte ihn an ihren Hof holen. Er schrieb über sie und ihre Nichte Maria von Ungarn, Karls Schwester, von den „beiden vollendetsten Fürstinnen ihrer Zeit“. Und Melanchthon sagte über Erasmus „Er hätte bei allen beliebigen Königen ein Leben in Glanz verbringen können“ und weiter „er zog den Nutzen wissenschaftlicher Arbeit im Interesse der Allgemeinheit allen Ehrungen und Genüssen vor“. 1514 bis 1529, also in der Zeit der Reformation, lebte Erasmus, nun um die 50 Jahre alt, in Basel. Das Verhältnis des etwa 15 Jahre jüngeren Luther zu Erasmus war von Hochachtung geprägt, zumal Melanchthon Schüler des Erasmus war. So war für Luther eine klare Unterstützung durch Erasmus sehr wichtig. Dieser schrieb „Ich will ein Weltbürger sein“ und „Ich habe immer allein sein wollen und hasse nichts so sehr wie geschworene Parteigänger“.

Und der Kaiser? 1517 war Maximilian I. 58 Jahre alt. Verspottet wegen seiner horrenden Schulden bei Jacob Fugger, weitgehend erfolglos, ausgenommen besonders seine eigene Heirat und die seiner Kinder und seiner Enkel, kam er 1518 anscheinend schon als kranker Mann auf den Augsburger Reichstag. Luther war geladen sich vor dem römischen Kardinallegaten Cajetan zu verteidigen, was vermutlich eingebettet war in Versuche, die Stimme des sächsischen Kurfürsten, Friedrichs des Weisen, entsprechend dem Papstwunsch, im Falle von Maximilians Tod nicht seinem Enkel Karl, sondern dessen Gegenkandidaten, dem König Franz I. von Frankreich zu geben. Eine eigentliche Initiative zur Kirchenreform ist von Maximilian I. aber nicht bekannt.

Drei Monate später ist Maximilian tot. Die sieben Kurfürsten haben zu wählen: die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Königs- und damit auch Kaiser-Kandidaten sind Karl, Franz I., auch Heinrich VIII. und schließlich Friedrich der Weise. Heinrich VIII. zieht früh zurück. Neben machtpolitischen Aspekten sind die Bestechungsgelder entscheidend. Auch Friedrich der Weise zieht zurück. Karl kann mit Hilfe der Fugger die Zahlungen der französisch-päpstlichen Partei übertreffen. Am 28. Juni 1519 fällt die Wahl auf den 19jährigen Karl.

Wer war dieser Karl, nun Karl V. in der deutschen Kaiserfolge? Eine große Persönlichkeit mit sehr komplexem Hintergrund. Kehren wir nach Granada zurück. Die Gestaltung der Capilla Real als Grablege seiner spanischen Großeltern und seiner Eltern geht auf ihn zurück. Im Sakristei-Museum sind von den Katholischen Königen Ferdinands Schwert und Isabellas Krone und Zepter aufbewahrt und zudem Devotional-Gemälde der Königin, herrliche Werke von Dirk Bouts, Hans Memling und Rogier van der Weyden u.a. Warum finden wir hier herausragende Gemälde der frühen niederländischen Tafelmaler? Sie „repräsentieren“ das burgundische Erbe, das Maria, die Tochter des großen Burgunder-Herzogs, Karls des Kühnen, 1477 Maximilian I. in die Ehe brachte. Zur Hauptstadt von „Burgund“ nach Abtretung des Kernlandes wurde Brüssel mit den Niederlanden, hier lebte als Herzogspaar Maximilian und Maria bis zu deren frühen Tod 1482. 1493 besteigt Maximilian den Kaiser-Thron. Schlag auf Schlag geht es nun für die Habsburger und die Spanier: 1495 findet die Ratifizierung des Vertrags über die Doppelhochzeit seines Sohnes Philipp des Schönen mit der spanischen Prinzessin Johanna der Wahnsinnigen und ihres Bruders, des spanischen Infanten, also des Prinzen von Asturien oder nach unserem Sprachgebrauch des Kronprinzen Juan mit Philipps Schwester Margarete statt. Aber Juan stirbt schon 1497, und die schwangere Margarete – kommt noch ein neuer Kronprinz? - bringt danach ein totes Kind zur Welt. Juans Schwestern haben keine überlebenden Kinder als Erben der Krone Spaniens. 1500 wird nun Karl V. in Gent geboren, aber sein Vater Philipp, seit Königin Isabellas Tod 1504 König von Kastilien, stirbt schon 1506 in Burgos, seine verwitwete Tante Margarete wird für den deutschen Großvater Maximilian I., Statthalterin der Niederlande und Vormund von Karl, der somit am Hof in Mechelen in Brabant aufwächst zusammen mit drei Schwestern, die später Königinnen von Dänemark (Isabella 1514), von Portugal (Eleonore 1519) und von Ungarn und Böhmen (Maria 1521) werden. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I., in Spanien geboren, wächst dort bei dem spanischen Großvater König Ferdinand auf, seine vierte Schwester bei der Mutter Johanna, die in Tordesillas festgesetzt wurde, und wird Königin von Portugal (Katharina 1525). 1516 wird Karl König von Spanien, 1518 folgt die Krönung zum König von Aragon. Ein Merkmal Karls war, dass er gar nicht fließend Deutsch sprach. Ein weiteres war seine Erziehung in den Niederlanden durch eine burgundisch und spanisch dominierte Umgebung. Vielleicht mag auch früh schon sein Ziel gewesen sein, Imperator des gesamten Abendlandes zu werden.

Und wie war die Lage in Deutschland? Der Blick auf die Karte zeigt ein in viele Herrschaftsgebiete gegliedertes Land mit weltlichen, aber auch geistlichen Fürsten, die Landesherren waren. Eine herausragende Persönlichkeit war der 1517 54jährige Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, über seine Großmutter mit den Habsburgern verwandt und somit Onkel Karls V., ein im Glauben verwurzelter, auch Reliquien sammelnder Herrscher, den Maximilian I., 1507 zum Generalstatthalter machte. Es waren wohl die Finanzprobleme des Papstes und auch des Kaisers, die Friedrich zur Stärkung der Fürsten im Reich und damit auch von ihm selbst bewogen. Wittenberg war sächsisches Gebiet, Luther also sein Untertan. Warum man Friedrich den Weisen nennt, ist nicht klar. Aber er war kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zugeneigt und auch nicht gewillt das Urteil des Papstes, Luther als Ketzer zu verfolgen, zu übernehmen. 1519 war bei der Kaiserwahl festgelegt worden, dass eine Reichsacht erst nach Anhörung verhängt werden konnte. 1521 wurde Luther vor den Reichstag nach Worms geladen, der das dominierende Thema der Einsetzung von Karls Bruder Ferdinand als Herrscher der österreichischen Lande der Habsburger hatte. Luther widerruft seine Schriften nicht, hat für 21 Tage freies Geleit, Luther entweicht, wird geächtet, wird nach einem Scheinüberfall von Friedrich dem Weisen als Junker Jörg auf die Wartburg gebracht. Richard Friedenthal zitiert in seiner Luther-Biographie einen Ausspruch Karls V. nach seiner Abdankung 1555, als er im Kloster Yuste in Spanien lebte: „Ich irrte, als ich damals den Luther nicht umbrachte. Ich war nicht verpflichtet, mein Wort zu halten“.

Zusammenfassend ist der Thesenanschlag von Wittenberg als un-erhörter Ansatz zur Reformation der Katholischen Kirche anzusehen. Die sich im Laufe der Jahre rasch ausbreitende neue Lehre findet erst 1530 mit dem Augsburger Bekenntnis Gewicht im Sinne einer Kirchenspaltung in Deutschland, die aber erst 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden vollzogen wird. 2017 den 31. Oktober als Gedenktag „500 Jahre Reformation“ zu feiern, was ja dem Vollzug dieses Prozesses vor 500 Jahren gleichzusetzen wäre, ist nicht richtig. Zum Verständnis dieses Prozesses, der in die weiteren Ereignisse der Zeit eingebettet ist, werden hier politische, wirtschaftliche und geistesgeschichtliche Bezüge der Zeit vor und nach 1517 skizziert.

RR Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Hartmut Neumann, Freiburg i.Br.