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Weihrauch - Heil und Heilung

Ein Gang durch die Geschichte

Heil und Heilung sind eng mit der Geschichte des Johanniterordens verknüpft. Nicht nur die Ursprünge des Ritterordens, sondern auch das Weihrauchharz, das vielen noch aus Messen oder aus der Weihnachtsgeschichte bekannt ist, und andere zum Hustenreiz zwingt, ist ohne die  Klöster, als Orte der Wissenschaft, als Orte der Heilung und der Anbetung nicht denkbar.

Schon im deutschen Wort „Weihrauch“ klingt noch die enge Verbindung von kultischem (heil) und medizinischem (Heilung) Gebrauch an. Das „weih“ bedeutet - ähnlich wie bei dem Wort „Weihnacht“ - „heilig“ und „heilend“ zugleich. Dass das Heilige eine heilende Wirkung hat, war lange Zeit ein zentrales Element des medizinischen Denkens, nicht nur des Abendlandes. Diese enge Verbindung von Kult und Medizin lässt sich durch viele Jahrtausende und Kulturen gerade am Gebrauch des Weihrauchs nachweisen. Wie konnte der Weihrauch seine kulturelle Bedeutung durch die Jahrtausende trotz aller Veränderungen bewahren? Um darauf Antworten zu finden, gilt es, den Weihrauch in seinen botanischen ökonomischen, politischen Besonderheiten, in seiner medizinischen Wirkung und Verwendung und theologischen Bedeutungsdimensionen näher anzusehen.

Botanik, Transport und Handel
Schon die botanischen Voraussetzungen des Weihrauchs erklären, warum es zu einem regen Kulturaustausch kam. Aufgrund des eng begrenzten Anbaugebietes, dem sogenannten Weihrauchgürtel (von Oman über Jemen und Somalia nach Äthiopien und Eritrea) und Indien musste das wertvolle Gut über weite Strecken transportiert werden. Die besonderen Bedingungen für das Wachstum leiten sich aus Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Anbauhöhe und Bodenbeschaffenheit ab. Es gibt insgesamt drei Stammpflanzen, die im Süden der arabischen Halbinsel und in Südostafrika wachsen. Eine Unterart, die vor allem für medizinische Zwecke verwendet wird, wächst in Indien.

Mit dem Transport und Handel des Weihrauchs war selbstverständlich auch eine Kulturvermittlung verbunden. Zunächst auf den arabischen Raum beschränkt, weitete sich der Handel auf den Mittelmeerraum aus. Es entwickelten sich Handelsbeziehungen zwischen Ägypten und Südarabien. Schließlich erreichten die Handelswege Indien, China und Russland. Bis heute ist nicht geklärt, wie und auf welchen Wegen der Transport aus dem sagenumwobenen Land ‚Punt‘, erfolgte.  

Die Beziehungen unter den Händlern und die politischen Verhandlungen für den Transit ließen eine der ältesten und längsten Handelsrouten der Welt entstehen. So wurde über Jahrtausende ein reger Kulturtransfer über die sogenannte „Weihrauchstraße“  ermöglicht. Diese Route wurde bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus zum Transport von Weihrauch genutzt. Über sie wurde das kostbare Harz zusammen mit Gewürzen, Edelsteinen und anderen wertvollen Waren nach Indien, Südostasien oder ans Mittelmeer transportiert. Aber auch ostwärts gelangte der südarabische Weihrauch nach Indien und von da aus nach China und Japan. Zur Mystifizierung des Weihrauchs trug auch die Verschleierung der Herkunftsländer durch die Phönizier bei.

Jeder, der das begehrte Harz produzierte, mit ihm handelte, es beförderte oder einfach nur über Land an der Weihrauchstraße verfügte, konnte sehr wohlhabend und mächtig werden. Für die Nutzung der Wege durch die unwirtlichen Wüsten Arabiens wurden hohe Wegzölle erhoben. Diese Abgaben, die Kosten für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser, der aufwendige Transport über tausende von Kilometern mit Kamelen machten das Weihrauchharz zu einer Kostbarkeit. Im antiken Rom wurde Weihrauch mit Gold aufgewogen. Zur Blütezeit des Weihrauchhandels (500 v. Chr. - 300 n. Chr.) wurden über die Weihrauchstraße jährlich  tausende von Tonnen Harz transportiert.

Politisch brachte der Handel mit Weihrauch einigen Völkern Reichtum und Macht und ließ so Hochkulturen entstehen. Besonders das sabäische, minäische, hadramitische, himyaritische Königreich und die Reiche Qataban und Ausan profitierten vom Weihrauchhandel und wurden sagenumwoben reich. Ihr Monopol zu durchbrechen, wurde das Ziel von groß angelegten Eroberungszügen. Alexander der Großen entwickelte Pläne, und die Römer sandten sogar eine Armee in den Süden der arabischen Halbinsel, die die Weihrauchländer einnehmen sollte. Dieses Unternehmen scheiterte aufgrund der geographischen Unkenntnisse.  Weihrauch war in Rom nicht nur für die vielen kultischen Handlungen wichtig, sondern auch im privaten Gebrauch zählten der Besitz und die Verwendung von Weihrauch zu den wichtigen Statussymbolen. Medizinisch wurde er als „materia medica“  eingesetzt.

Den Persern gelang schließlich die Eroberung des nördlichsten Weihrauchlandes, des Königreichs der Himyariden. Sie blockierten daraufhin die Handelswege im Mittelmeerraum. In der Folge mussten neue Routen erschlossen werden, die meist über das Meer führten. Dies gab der Seefahrt und dem Seehandel bedeutenden Auftrieb. Der Weihrauch wurde schließlich über den Seeweg nach Indien gebracht und von dort wieder über den Landweg westlich in den Mittelmeerraum und östlich nach China transportiert. Durch die Entdeckung der kostengünstigeren Seewege verlor die Weihrauchstraße immer mehr an Bedeutung. Parallel dazu reduzierte sich der Gebrauch des Weihrauchs zur rituellen Räucherung im römischen Reich. Nach anfänglicher deutlicher Ablehnung, erfolgte der zaghafte Einzug in die christliche Liturgie erst unter dem römischen Kaiser Konstantin im 4. Jh. n. Chr. Mit der Verbreitung des Islams in den Herkunftsregionen des Weihrauchs sank der Bedarf noch einmal, da das Harz in der islamischen Welt nicht zu religiösen, sondern wesentlich zu medizinischen und profanen Zwecken eingesetzt wurde.

Medizinische Wirkung und Verwendung
Der wohl älteste medizinische Gebrauch von Weihrauch findet sich in der traditionellen Medizin des Orients und Indiens. Sie verwendet Weihrauch in sehr vielfältiger Weise mit besonderem Fokus auf Entzündungen und Nervenleiden. Die Behandlung von Magen- Darmerkrankungen, Infektionen, Atemwegserkrankungen, Leberentzündungen, Hauterkrankungen und Autoimmunerkrankungen sind nur eine Auswahl der ayurvedischen Anwendungsgebiete mit Weihrauch. Auch zur Beeinflussung des psychischen Befindens kam der Rauch des verbrennenden Harzes oder das Harz selbst zum Einsatz. In der traditionellen chinesischen Medizin wird Weihrauch zur Behandlung von Hautkrankheiten und Erkältungen eingesetzt.

Von der ägyptischen Medizin ist der Einsatz zur „Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts“ sowie bei rheumatischen und vielen anderen Erkrankungen bekannt, wie er im Papyrus Eber erstmals beschrieben wird. Die ägyptische und indische Medizin wurde nach den Eroberungszügen Alexanders des Großen von den griechischen Ärzten rezipiert. Weihrauch kam bei den Griechen in der Folgezeit in vielen Anwendungen vor, sodass der Weihrauch im Laufe der Zeit zum Allheilmittel, zur „materia medica“ wurde. Diese Erfahrungen nahmen die griechischen Ärzte mit nach Rom, wo sie über Jahrhunderte eine Monopolstellung im medizinischen Bereich innehatten.

Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches gab es kaum Zugriff auf die alten antiken Schriften. Eine erste Rezeption begann in den Klöstern des 6. Jhs. Es liegt nahe, die Medizin in dieser Epoche mit der frühmittelalterlichen Religiosität und der Frühgeschichte der Konvente zu erklären. Die Heilkunde stand im Spannungsfeld zwischen Religion und der sich entwickelnden Wissenschaft. So war es für die Mönche ein Problem, ‚heidnische‘ Texte zu rezipieren. Parallel zu der Rezeption der medizinischen Schriften entwickelte sich eine Frömmigkeit, die durch einen von paganen Vorstellungen gespeisten Glauben an Wunderheilungen geprägt wurde. Diese Spannung zwischen Wunderheilung des christlichen Frühmittelalters und der Medizin der späten Antike, konnte erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte abgebaut werden.

Durch die vielfältigen politischen Entwicklungen des frühen Mittelalters kristallisierten sich die Klöster als Erben der antiken medizinischen Kultur heraus und führten sie mit neuen Einflüssen fort. Karl der Große übertrug nach seiner „Kulturreform“ die Heilkunde explizit den Klöstern. Dort wurden erste Richtlinien für idealtypische Klostergärten und deren Anpflanzung der Heilpflanzen entwickelt. Schon früh wurde z.B. die Anlage von Nutzgärten mit Heilkräutern beschrieben. Obwohl Weihrauch in diesen Breitengraden nicht angepflanzt werden konnte, spielte er in der mittelalterlichen Klostermedizin eine zentrale Rolle, die auch hier wieder eng mit den religiösen Vorstellungen von Heil und Heilung verbunden war. Der medizinische Einsatz des Weinrauchs ist in der Behandlung fast aller Krankheitsbilder zu finden. Dies zeigt das Lorscher Arzneibuch, vermutlich das älteste eigenständige Arzneibuch Mitteleuropas aus dem Ende des 8. Jhs.  Der mystifizierte Weihrauch mit seinem quasi heiligen Status ist ab dem frühen Mittelalter geradezu prädestiniert als „materia medica“.

Die überlieferte antike Medizin und die Klostermedizin wurden im Hochmittelalter ergänzt durch die Erfahrungen der Volksmedizin. Die Leistung Hildegard von Bingens liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte und erstmals die volkstümlichen Pflanzennamen nutzte. Sie verwendete Weihrauch in vielen ihrer Rezepte. Ihre Medizin ist ganz davon geprägt, dass Heil und Heilung eines kranken Menschen nur von der Hinwendung zum Glauben entstehen kann, weil allein dieser gute Werke und eine maßvolle Lebensführung hervorbringt, welche für sie maßgeblich für eine gesunde Lebensweise stehen.

Diese enge christliche Verbindung von Heil und Heilung in der Medizin, wie auch der Volksaberglaube, wurde von den arabischen Ärzten erstmals aufgebrochen. Sie brachten die meist besseren Übersetzungen der griechischen Schriften und deren medizinische Weiterentwicklung nach Europa. Durch die Kreuzzüge wurde dieses Wissen zum einen verbreitet und zum anderen fand es durch die Verelendung der Menschen auch schnell Anwendung. Abendländische Mönche, die Übersetzerschulen in Toledo und die Medizinschule in Salerno machten die arabische Medizin im Abendland bekannt. Hierdurch wurde die Anwendung von Weihrauch weiter gesteigert, da er  Bestandteil vieler Rezepturen war.

Die Klostermedizin integrierte nach und nach die arabische Medizin und mit ihr den Weihrauch. Die medizinische Lehre fand jedoch nicht mehr ausschließlich in den Klöstern statt, sondern mehr und mehr an den neugegründeten Universitäten. Es existierte nun eine Fülle von Literatur, Überlieferungen an Rezepten und Indikationen, die sich mit der Verwendung von Weihrauch für verschiedene Krankheitsbilder beschäftigten. Enzyklopädisten, wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin trugen das gesamte medizinische Wissen der damaligen Zeit zusammen.

Neben Rezeptliteratur entwickelt sich im Mittelalter mit den „Naturbüchern“ (z.B. Konrad von Megenberg) eine Textgattung, die zwischen ‚fiktionaler’ Literatur und ‚wissenschaftlichem’ Text stand. Diese Tradition wurde in der frühen Neuzeit weiterentwickelt. Immer mehr Menschen konnten nun lesen. Das Wissen ging aus den Klöstern und Universitäten heraus in den unmittelbaren Lebensbereich der Menschen. Ärzte und Pfarrer schrieben Handbücher für den Hausvorstand mit umfangreichen Rezepten. Nun fand der Weihrauch den Weg zum ‚gemeinen Mann‘. Bis dato war die Medizin nur den Wohlhabenden vorbehalten gewesen. Das einfache Volk war bis dahin auf „Heiler“ und „Zauberei“ angewiesen. Die neue Medizin führte sie weg vom magischen Denken und den sehr aufwendigen und komplexen Rezepten.

Bis in das 19. Jahrhundert blieb der Weihrauch eine bekannte und verbreitete Arznei. Wie so viele andere Erfahrungsarzneimittel wurde der Weihrauch nun nach und nach von chemisch definierten Medikamenten ersetzt. Das Harz wurde nun innerlich kaum mehr angewendet, äußerlich diente es jedoch weiterhin für Pflaster und Salben. Erst in jüngster Vergangenheit erwachte das medizinische Interesse am Weihrauchharz wieder, besonders bezüglich seiner antientzündlichen Eigenschaften. Ende des 20. Jahrhunderts wuchs zudem das Interesse an Alternativmedizin und an der ayurvedischen Medizin Indiens, wie auch an der chinesischen Medizin, bei denen Weihrauch eine jahrtausendlange Tradition hat.(1)

Theologische Bedeutungsdimension
Der Gebrauch von Weihrauch ist nicht nur in vielen heutigen Religionen bekannt, sondern war schon in alten Kulten selbstverständlich. Die Funktionen und der Einsatz waren recht unterschiedlich. Weihrauch wurde meist mit dem eigentlichen Speise-Opfer verbrannt, damit der unangenehme Fettgeruch überdeckt und die Insekten vertrieben wurden. Räucherungen als wichtigster Bestandteil zur Abwehr von „Dämonen“, „Teufeln“ und „bösen Geistern“ spielten seit frühen Zeiten und in allen Kulturen eine bedeutende Rolle. Aus der Unerklärlichkeit von Krankheiten und bedrohlichen Naturphänomen versuchten die Menschen mit als heilig geltenden Substanzen die vermuteten Verursacher zu vertreiben.

Aus dem Rauch und dem Duft wurde auf die Existenz eines Gottes geschlossen (Weihrauch als Duft der Götter bei den Ägyptern) und der Verlauf des Rauches als Offenbarung gedeutet. In dem als Libanomantie bezeichneten Ritus wahrsagten z.B. assyrische Priester die Zukunft aus der Schnelligkeit, mit der das Weihrauchharz verbrannte. Das rasche Verbrennen galt dabei als glückliches Omen. Der sogenannten Kapnomanie wurde in manchen antiken Kulturen eine so große Bedeutung beigemessen, dass zum Tempelpersonal ein eigener Rauchbeobachter gehörte. Als günstiges Zeichen galt generell der gerade und geschlossen aufsteigende Weihrauch. In Griechenland war die Pyromantie(2) weit verbreitet. Hier deuteten die Priester die Zukunft aus dem Verhalten des Feuers, das den Weihrauch einmal gierig verzehrte, in anderen Fällen aber vor ihm zurückzuweichen schien. Aus der Rauchentwicklung, der Richtung und der Konsistenz zogen die Priester Rückschlüsse und leiteten Prophezeiungen ab. Auch in der biblischen Ikonographie (1. Mose 4, 1-12) wird der Rauch als Zeichen des Wohlgefallens Gottes am Opfer beschrieben.(3)

Die alten Ägypter nannten die tropfenförmige Harzperlen des Weihrauchs „Schweiß der Götter“. In den verschiedenen Epochen der ägyptischen Pharaonen und Dynastien und wurde Weihrauch bei vielen Kulthandlungen verwendet. Im altägyptischen Totenkult wurde dem Weihrauch eine bannende (apotropäische) Wirkung gegen die Macht und den Geruch des Todes zugesprochen. Während der Mumifizierung wurde Weihrauch allerdings nicht gebraucht.

Auch die Sumerer und Babylonier kannten den Weihrauch. Das regelmäßige Ausräuchern des privaten Hauses mit verschiedenen aromatischen Mischungen war verbreitet, um böse Geister abzuhalten. Eine Tradition, die heute noch üblich ist.

Ursprünglich aus dem kanaanäischen Privaträucherkult kommend, wurde Weihrauch im alten Israel zunächst als „Neuerung“ abgelehnt. Erst später fand er Eingang im Tempelgottesdienst. Spätestens im nachexilischen zweiten Tempel von Jerusalem (ca. 540 v. Chr.) befand sich vor dem Vorhang des Allerheiligsten der Rauchopferaltar, an dem morgens und abends ein Rauchopfer dargebracht wurde.

Alexander der Große war der erste, dem als Person Weihrauch dargebracht wurde. In Rom fand der Weihrauch im Wesentlichen bei Bestattungen und triumphalen Umzügen Verwendung. Hier vermischte sich Kaiserkult und profaner Gebrauch. Während der republikanischen Zeit ersetzte das Verbrennen von Weihrauch bei den Römern die alten vorgeschriebenen Opfer. Bei Bitt- und Dankesgebeten ließ man die Weihrauchkörner in speziell dafür vorgesehenen Gefäßen im Feuer verbrennen. In der späteren Zeit wurden Kaisern und Statthaltern, dann auch anderen öffentlichen Personen Weihrauch in Pfannen vorangetragen, als Zeichen der Macht und Huldigung. Aber auch zur Verdrängung des Kloakengeruchs und um den ‚Gestank‘ der Städte abzumildern und vor Krankheiten zu schützen, diente der Einsatz von Weihrauch. Die römischen Kaiser ließen sich als „Dominus et Deus“ („Herr und Gott“) verehren und verlangten sogar Rauchopfer vor ihrem Bild.

Die frühen Christen lehnten diese göttliche Verehrung des Kaisers ab und wurden dafür verfolgt. Aus diesem Grunde war der Weihrauchgebrauch in der christlichen Liturgie zunächst nicht vorhanden. Die Kirchenväter sprachen sich daher sogar explizit gegen die Verwendung von Weihrauch aus. Bei Begräbnisfeiern wurde Weihrauch allerdings von den frühen Christen verwendet. Erst mit zeitlichem Abstand zur Christenverfolgung und mit der Übernahme von Elementen des römischen Kaiserkultes in den christlichen Gottesdiensten wurde der Weihrauch allmählich akzeptiert.

Durch die Förderung des Christentums durch Kaiser Konstantin änderte sich auch die Stellung und Anerkennung der Kirchenführung. Die Geistlichen, vor allem die Bischöfe, erhielten einen völlig neuen Rechtsstatus. Sie waren nun Reichsbeamte in einer sehr hohen Stellung. Dazu erhielten die Bischöfe 318 n. Chr. von Konstantin den Auftrag, in bestimmten Zivilprozessen höchstinstanzlich Recht zu sprechen. Mit dieser Rangerhöhung ging vermutlich auch das Recht auf die dazugehörigen Statussymbole einher. Daher ist auch der Brauch zu erklären, beim Einzug des Bischofs Leuchtenträger (Ceroferar) und  Weihrauchfassträger (Thuriferar) vorauszuschicken. in dieser liturgischen Form wurde Weihrauch zum ersten Mal in einer schriftlichen Quelle in der römischen Liturgie erwähnt. Das Beräuchern des Altars war hingegen in Rom Mitte des neunten Jahrhunderts noch unbekannt. Die Ablehnung der ersten Christen, die nur im Bestattungskult den Weihrauch zugelassen hatten, entwickelte sich durch pagane Einflüsse zum einen der apotropäische, Geister abwehrende Verwendung zum Beispiel bei der Altarinzens und beim Evangelium. Zum anderen hielt der Weihrauch über die Prozessionen hoher Würdenträger, z.B. des Bischofs in den Gottesdienst Einzug. Der dritte Einfluss war die byzantinische und orientalische Vorstellung der Theophanie im Raumduft. Die Raumbeduftung sollte eine Vorwegnahme des Himmlischen Jerusalems darstellen. Vorbilder bildeten hier das persische Hofzeremoniell.

Die heutige Verwendung des Weihrauchs in der katholischen Kirche ist vor allem durch die gallische Liturgie, die stark von Konstantinopel beeinflusst war, in die römische eingedrungen. Die einzelnen Kirchengemeinden begannen ab dem 11. Jahrhundert das Räucherwerk unterschiedlich einzusetzen. Die liturgischen Ordnungen, wann, wo, wie oft und von wem der Weihrauch bei der Messe zur Räucherung des Evangeliars, des Kreuzes am Altar, oder für Opfergaben einzusetzen sei, wurde zu einer Angelegenheit der individuellen Auslegung. So entstand eine Vielzahl von eigenständigen Praktiken, in denen sich immer wieder auch vorchristliche Riten spiegelten.

Dem wurde in den verschiedenen Ordini Romani Einhalt geboten. In der katholischen Liturgie wurde Weihrauch vor allem in der Messe, im Stundengebet, namentlich in den Laudes und der Vesper, zur Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe verwendet. Die eucharistischen Gaben sowie alle Christussymbole - der Altar, das Evangeliar, der bzw. die Priester, das Altarkreuz, die Osterkerze und die Weihnachtskrippe und die Gläubigen wurden mit einem Weihrauchfass inzensiert. Bei der Begräbnisfeier werden auch der Sarg und das offene Grab mit dem Sarg darin inzensiert. Symbolisch steht Weihrauch zunächst für Reinigung, Verehrung und Gebet. Nach Psalm 141,2  oder Offenbarung 8,3(4) bezeichnet er das zu Gott aufsteigende Gebet der Gläubigen. Weihrauch erfuhr durch die Kirche eine Erhöhung in seiner Kostbarkeit und wurde mit der Aura einer sakralen Substanz umgeben, deren Handhabung ausschließlich hochgestellten und geweihten Personen vorbehalten war. Bei den noch heute üblichen Räucherungen(5) in Häusern und Ställen während der Rauhnächte, bei der Weihung eines neugesetzten Altars, am Grab, bei der Taufe oder bei Krankenbesuchen, handelt es sich im Grunde um kleine Exorzismen, deren Ursprünge in vorchristlichen Kulten zu finden sind. Die desinfizierende, antiseptische Wirkung des Harzes  wurde in der Symbolik der Purifizierung der Kirchenbesucher und liturgischen Materialien verwendet.

Als Reaktion auf die Reformation wurde im Tridentinum 1570 die geltende Vorschrift für die nächsten Jahrhunderte festgelegt. Im Hochamt muss Weihrauch verwendet werden, in anderen gottesdienstlichen Bezügen darf er nicht gebraucht werden.(6) Dies machte den Weihrauch zu einem zentralen Merkmal der Festlichkeit und des Katholischen.

Der Gebrauch in der heutigen Zeit
Die mit dem Humanismus einsetzende Aufklärung und ihrer Suche nach wissenschaftlich beleg- und begründbaren Tatsachen läutete endgültig einen veränderten Gebrauch des Weihrauchs im Abendland ein. Es verwundert daher nicht, dass die medizinische und liturgische Bedeutung des Weihrauchs gleichermaßen mit der einsetzenden Aufklärung drastisch abnahm. Alles Magische und auch das, was nur in den Geruch des Apotropäischen trug, wurde durch das wissenschaftlich Nachweisbare ersetzt. Unter den evangelischen Kirchen zählen die evangelisch- lutherischen Kirchen den Gebrauch von Weihrauch als unverbindliche Zeremonie zu den Adiaphora.(7) Zum Teil mit der katholischen Lehre vom Messopfer verbunden, wurde sein Gebrauch im Zeitalter der Aufklärung zurückgedrängt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschwand er fast völlig aus dem evangelisch-lutherischen Gottesdienst. Um eine deutliche Abgrenzung von der römisch-katholischen Kirche zu zeigen, ist bis heute bei vielen evangelischen Christen eine tief emotional verwurzelte Ablehnung gegenüber dem Weihrauch vorhanden. Der Weihrauchduft wurde zu einem ‚typisch katholischen Geruch‘ interpretiert.

In der orthodoxen Liturgie,(8) z.B. im byzantinischen Ritus und in der orientalischen Liturgie, wird Weihrauch als Duft des Himmels angewendet. Denn die alte orientalische Vorstellung, dass eine Gottesbegegnung mit einem Dufterlebnis verbunden ist, wird in dieser Tradition lebendig gehalten.(9)

In der Geschichte der Religionen und der Medizin zeigt sich Weihrauch stets wandelbar – und  wurde so zu einer Konstante in der Kulturgeschichte der Völker. Bis heute hat der Weihrauch nichts von seiner Faszination verloren. Sein kostbarer Duft weht seit über 5000 Jahren durch die wechselvolle Geschichte der Menschheit. Dabei verbindet er scheinbar mühelos die Kulturen des Orients, Okzidents, Afrikas und Chinas, wie die Jahrtausende bis zur Gegenwart miteinander. Es bleibt spannend, welche Bedeutung der Weihrauch in der Zukunft haben wird.

Militärpfarrerin Dr. rer. medic. Stephanie Schmidt-Eggert,
Erpel (Landkreis Neuwied)

 (1) Vgl.Ammon, H.P.T., Arzneimittel aus indischer Kultur, Z. Phytother.22, S.136 - 142
 (2) Die Kunst aus einem Feuer die Zukunft zu lesen.
 (3) Der aufsteigende Rauch ist zwar auf vielen Gemälden zu sehen, dies entspricht aber nicht dem biblischen Text.
 (4) „Und ein anderer Engel kam und trat an den Altar und hatte ein goldenes Räucherfass; und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, dass er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor den Thron.“
       (Lutherbibel)
 (5) Nächte zwischen 24.12. bis Epiphanias, 6.Januar.
 (6) Seit dem Zweiten Vatikanum (1962-1965) kann Weihrauch wieder - wie in den Ostkirchen seit jeher üblich - in allen Gottesdiensten verwendet werden. Dadurch kommen seine symbolischen Bezüge wieder deutlicher zur
      Geltung.
 (7) Adiaphora: kann - muss aber nicht verwendet werden, ist wertneutral.
 (8) Siehe: Heitz S., Mysterium der Anbetung, Göttliche Liturgie und Stundengebet der Orthodoxen Kirche, Köln 1986.
 (9) Ganz aktuell wird dieses olfaktorische und bedeutungsschwere Element des Weihrauchs in der modernen Parfümherstellung, hier vor allem in Oman eingesetzt.


Anmerkungen:

Weiterführende Literatur
Bonnet, Hans: Die Bedeutung der Räucherung im Ägyptischen Kult, Zeitschrift für die Ägyptische Sprache 67, 1931.
Christof, Klaus D. / Haass, Renate: Weihrauch, der Duft des Himmels, Dettelbach 2006.
Eberling, Erich: Weissagungen aus Weihrauch im Alten Babylon, Preuss. Akademie, Sitzungsberichte, 1935.
Fischer-Rizzi, Susanne: Botschaft an den Himmel. Anwendung, Wirkung und Geschichten von duftendem Räucherwerk (= Heyne-Bücher. 13, Heyne esoterisches Wissen. Esoterische Heilverfahren. 9796). München 1999.
Kluge, Heidelore / Fernando, Rohan Charles: Weihrauch, Gold und Myrrhe. Nutzen Sie die Heilschätze der Natur, Heidelberg 1999.
Kluge, Heidelore / Fernando, Rohan Charles: Weihrauch und seine heilende Wirkung, Heidelberg 1998.
Martinetz, Dieter / Lohs, Karl-Heinz / Janßen, Jörg: Weihrauch und Myrrhe, Akademischer Verlag 1986.
Mayer, Johannes / Goel, Konrad: Kräuterbuch der Klostermedizin, Leipzig 2003.
Müller, Walter W.: Alt-Südarabien als Weihrauchland, in: Theologische Quartalsschrift 149, 1969.
Pfeifer, Michael: Der Weihrauch. Geschichte, Bedeutung, Verwendung, Regensburg 1997.
Rathljens, Carl: Die Weihrauchstraße in Arabien, in: Tribus 2/3 1952/53
Regensburger, Ralph: Weihrauch. Duft der Erkenntnis Christi. Eine Hilfestellung zum Hintergrund und Gebrauch des Weihrauchs in der Liturgie, Berchtesgaden 2008.
Schoppen, Armin: Traditionelle Heilmittel im Jemen, Diss., Wiesbaden 1983.