Pflegedienstleitung

Im Interview: Nicole Fatnassi, 44. Sie leitet seit 2011 den Ambulanten Johanniter-Plegedienst in Esslingen.

Wie sind Sie zu den Johannitern gekommen?

Über eine Kollegin aus der Regionalgeschäftsstelle der Johanniter in Esslingen. Wir wohnen im selben Haus. Sie kannte mich also und wusste, dass ich gerne und mit viel Herzblut in der Pflege arbeite. Sie erzählte mir, dass man in Esslingen einen ambulanten Johanniter-Pflegedienst eröffnen wolle und dafür noch eine Leitung suche. Nach reiflicher Überlegung (und weil sie nicht lockerließ), gab ich ihr im Juni 2011 schließlich meine Bewerbung mit. Im Januar 2012 trat ich dann den Dienst an, und mit mir auch einige meiner damaligen Kollegen und Kolleginnen, was es für mich einfacher machte, den Dienst neu aufzubauen. Das war dann auch der Start des offiziellen Versorgungsvertrages in Esslingen. Wir feiern also in ein paar Monaten schon den 10. Geburtstag unseres Pflegedienstes. Wie die Zeit vergeht!

Wir haben alle gemerkt, dass Pflege ein wertvoller, wertschätzender Bereich ist, aus dem sich nach Niederschlägen auch wieder wunderbare Chancen herausbilden. Ich wünsche mir von Herzen für uns alle ein Ende der Pandemie!

Sie sind Pflegedienstleitung, beschreiben Sie doch mal Ihren Arbeitsalltag. Was gefällt Ihnen daran am meisten? Was ist das Schwierigste an Ihrem Job?

Mein Tag als Pflegedienstleitung ist nicht wirklich planbar. Ich plane meist am Abend zuvor mit einem Blick in meinen Kalender und den Dienstplan, was ich am Folgetag angehen werde. Der Plan ist aber oft schon am nächsten Morgen wieder hinfällig. Ich muss sehr flexibel, kreativ und besonnen an meine Arbeit herangehen. Zu meinen Aufgaben gehört natürlich hauptsächlich die Versorgung der Kunden und mit ihnen, den Angehörigen und allen Schnittstellen wie Ärzten, Apotheken, Kassen etc. zu kommunizieren und entsprechend zu beraten. Auch die Gewinnung neuer Kunden und Mitarbeitenden gehört zu meinen Aufgaben. Hierfür ist eine gute Vernetzung wichtig, welche einen Großteil meiner Arbeit, vor allem nachmittags und abends in Anspruch nimmt. Ich bin in verschieden Gremien tätig und - ohne Corona - auch immer auf den verschiedenen Stadtteilfesten präsent. Ganz nach dem Motto „sehen und gesehen werden“. Die Mitarbeiterplanung, -führung und –entwicklung gehört ebenfalls zu meinen Aufgaben. Das ist oft nicht einfach. Sind sie doch alle verschieden im Geschlecht, der Herkunft und im Wesen, sowie in ihren Qualifikationen. Jeden immer punktgenau abzuholen ist eine tägliche Herausforderung und lässt mich auch nach 25 Jahren Erfahrung immer wieder noch dazu lernen. Besonders liegt mir das Thema Ausbildung am Herzen. Derzeit haben wir neun Auszubildende und durch die bestehenden Kooperations- und Verbundverträge mit Pflegeschulen oft bis zu fünf Praktikanten zusätzlich im Einsatz. Da bekommt die Dienstplanung und Tourenplanung noch einmal eine andere Dimension. 

Mit oder bei den Johannitern hatte ich schon viele schöne Erlebnisse: In die Johanniter-Familie aufgenommen zu werden, stolzer Kopf eines tollen Teams zu sein, eine Demenzgruppe, drei WohnCafés und eine Tagespflege aufzubauen gehören definitiv dazu! Was mich dann aber ganz traurig gemacht hat, waren alles mit Corona verbundene Dinge. Dass die frisch eröffnete Tagespflege nach sechs Wochen auf unbefristete Zeit schließen musste. Da hatte ich schon Tränen in den Augen. Hatten wir doch nach so viel Monaten mit viel Kraft und Energie und unzähligen Überstunden eine tolle Eröffnung hingebracht und Gäste akquiriert. Ganz schwer fiel es mir auch, meine Kolleginnen und Kollegen, welche durch Corona in Kurzarbeit mussten, persönlich in Gesprächen darüber zu informieren. Auch mussten wir den Gästen der Demenzgruppe auf unbestimmte Zeit Ade sagen. Für über 100 Besucher und vielen Ehrenamtlichen die WohnCafé-Türen schließen. 

Mir macht das Tätigkeitsfeld Pflege mit all seinen Facetten tierisch Spaß. Es ist so innovativ, vielfältig, interessant und abwechslungsreich. Das letzte Jahr hat mich dann aber sehr oft traurig gestimmt, meine Motivation und sehr viel Kraft gekostet! Der soziale Aspekt, welcher uns einzigartig macht, brach zusammen. Das Miteinander, füreinander da sein in gesellschaftlichen ausgelassenen Runden – alles nicht mehr möglich. Die Schließung der mühevoll aufgebauten Tätigkeiten schlug um in noch nie dagewesene Ängste, Kontaktminderung, Isolierung und Vereinsamung. Dies in sozialer Arbeit zu erleben…sehr schwer. Sind dies doch alles Punkte, die unsere Arbeit verhindern soll. Meine Arbeit bestand auf einmal in ganz anderen Tätigkeiten, mit denen ich so auch noch keine Erfahrung hatte. Kontakte reduzieren, in der Pflege ein Unding! Arbeitsmaterialen zu beschaffen auf einmal schier unmöglich und ob der Dienst in zwei Wochen noch arbeitsfähig sein würde, wussten wir auch nicht. Ausfälle des Personal um welches man sich sorgte. Ich habe meinen Kollegen beim Mitteilen positiver Testergebnisse in die Augen schauen müssen und Fassungslosigkeit gesehen, wie ich es noch nie gesehen hatte und selber eine Ohnmacht ohne Gleichen gespürt. Während die Ressourcen ausgingen und unter hohen wirtschaftlichen Aspekten kompensiert wurden, brachen die Tätigkeitsfelder und Einnahmen zusammen. Die Dienste hier umzustellen und zeitnah gegenzusteuern war unter sich täglich neu veränderten Verordnungen nicht immer einfach. Hier war viel Aufklärung, Schulung und Kommunikation in alle Richtungen notwendig. Was mich aber immer wieder bestärkt hat und nicht verzweifeln ließ: Dass wir alle an einem Strang gezogen haben, Kunden sich auf die neuen Maßnahmen einließen und mitwirkten, die Mitarbeitenden alles gaben und wir bisher weder Kunden noch Mitarbeitende durch Corona verloren haben - das gleicht vieles Negative wieder aus!

Was möchten Sie „Ihren“ Pflegekräften zum „Tag der Pflege“ mit auf den Weg geben? 

Ein ganz herzliches Dankeschön für das Vertrauen, welches sie mir entgegenbrachten und dass sie ohne großes Murren sämtliche Veränderungen mitgezogen haben. Dafür, dass sie alle zusammengehalten haben und sich einbrachten und in den schweren Zeiten unterstützten. Ich wünsche mir, dass alle meine Kolleginnen und Kollegen weiter an dem Tätigkeitsfeld festhalten und nicht zu Aussteigern werden, da wir immer wieder sehen, wie wertvoll und wichtig alle miteinander sind. Sind unsere Pflegekräfte doch oft der einzige und einzigartige gesellschaftliche Kontakt, der das Leben unserer Kunden lebenswert macht. Ich denke wir haben alle gemerkt, dass Pflege auch in Pandemiezeiten ein wertvoller, wertschätzender Bereich ist, aus dem sich nach Niederschlägen auch wieder wunderbare Chancen herausbilden. Ich wünsche mir von Herzen für uns alle ein Ende der Pandemie und eine chancenreiche und positive Zukunft für alle Pflegekräfte!

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