03.05.2021 | Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen - Campus Hannover

Polizisten trainieren taktische Notfallmedizin an der Johanniter-Akademie

Schüsse. Eins, zwei, drei! Stille! Der Geruch von Schwarzpulver liegt in der Luft. Fast lautlos rollen sich schwere Einsatzstiefel auf steinerne Treppenstufen ab und arbeiten sich Stufe für Stufe durchs enge Treppenhaus.

Ein gezischtes „Gesichert!“ sticht durch die Stille. Drei behelmte und vermummte Männer bewegen sich geschmeidig, die Umgebung mit Handfeuerwaffen absichernd, auf eine im Treppenhaus der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen in Hannover liegende und schwer verletzte Person zu – Schussverletzung – keine Atmung – umgehend beginnende Herz-Lungen-Wiederbelebung.

Zwei Einsatzkräfte der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) Niedersachsen reanimieren die angeschossene Person, bis ihnen der Schweiß auf der Stirn steht. Der dritte Kollege sichert das Treppenhaus. Derweil treten Johanniter-Trainer André Askamp und Simon Effenberger, Truppführer Führungsgruppe BFE Göttingen, in die Szenerie und schauen sich alle Schritte des Einsatzes genau an. Nach zwanzig Minuten ein knappes Kommando: „Ende der Übung!“ „Derartige Fallbeispiele sind äußerst wirkungsvoll, wenn es gilt, Wissen in Stresssituationen umzusetzen“, sagt Askamp, Lehrkraft an der Johanniter-Akademie und Spezialist für taktische Notfallversorgung während und nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung.

In den vergangenen Jahren habe sich die Gefährdungslage allgemein verändert und damit auch die Verletzungsbilder. „Gerade beim Massenanfall von Verletzten, wie etwa beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 in Berlin, sind die Herausforderungen an Rettungsdienstpersonal und eben auch weitere Einsatzsanitäter der Polizei in Sachen Notfallversorgung gestiegen“, sagt Askamp. Die Ausbildung der
Polizistinnen und Polizisten hatte am Morgen mit einem theoretischen Teil zum Thema Spannungspneumothorax, eine lebensbedrohliche Brustkorbverletzung etwa durch eine Stichverletzung oder stumpfe Gewalteinwirkung, begonnen. Im Vordergrund stand eine schnelle und saubere Diagnostik, um den Ernst der Lage schnell zu erkennen und schnellstmöglich lebensrettende Maßnahmen einleiten zu können. „Bei schwersten Verletzungen ist Zeit ein entscheidender Faktor, der über Leben und Tod entscheiden kann“, so Askamp. Ebenso umfasst der Lehrplan das Thema Massenanfall von Verletzten, damit verbunden die Organisation und Struktur der Einsatzstelle sowie die Übergabe eines Notfallpatienten an den Rettungsdienst.

Handfester wurde es für die Kursteilnehmenden während des fachpraktischen Teils der Blutungskontrolle. „Damit Einsatzkräfte in Extremsituationen einen kühlen Kopf bewahren, bauen wir unsere Übungen möglichst realitätsnah auf“, sagt Askamp. Im Falle der Blutungskontrolle wird deshalb ein Teil eines Schweinebauches entsprechend präpariert, um stark blutende Stichwunden zu simulieren. „Wir gehen diesen Schritt, damit sich Rettungskräfte physisch und psychisch auf Extremsituationen vorbereiten.“

Die Ausbildung von Einsatzsanitätern der Polizei außerhalb von Spezialeinheiten im Rahmen taktischer Medizin findet seit rund fünf Jahren statt. „Notfälle im Einsatzgeschehen kommen regelmäßig vor. Glücklicherweise gibt es die Verletzungsmuster der taktischen Medizin eher selten. Aber fast jeder von uns hatte schon Berührungspunkte mit stumpfen und penetrierenden Traumata. Somit ist die Ausbildung ein großer Mehrwert für unsere Kolleginnen und Kollegen“, sagt Simon Effenberger.

Grundsätzlich wird die BFE* im Rahmen von Großveranstaltungen (Demonstrationen, Fußballspiele) eingesetzt. Darüber hinaus unterstützt die Festnahmeeinheit den polizeilichen Einzeldienst sowie den Ermittlungsdienst bei Festnahmen/Durchsuchungsmaßnahmen bei gewalttätigen Personen unterhalb der Schwelle der Spezialeinsatzkommandos der Polizei (SEK). Bereits seit einigen Jahren werden die Beamten der BFE zudem auf „Lebensbedrohliche Einsatzlagen“ zur Unterstützung des SEK in der Notintervention bei Terror- und Amoklagen ausgebildet.

Die Einsatzsanitäter sind grundsätzlich für die Notfallrettung von Kollegen im Einsatzgeschehen vorgesehen. Bei ausreichender Kapazität und natürlich abhängig von der polizeilichen Lage kümmern sich die Beamten und Beamtinnen aber auch um „zivile“ Notfälle. Gerade in Großeinsätzen sind sie häufig schnell vor Ort, können Patienten versorgen und diese qualifiziert an die Regelrettung übergeben. Insbesondere bei einer „Lebensbedrohlichen Einsatzlage“ agieren die Einsatzsanitäter im Gefahrenbereich (Rote und Gelbe Zone), um verletzte Polizisten und nach Auftrag auch verletzte Zivilisten zu retten und zu evakuieren.

„Mit den abschließenden Fallbeispielen, wie beispielsweise bei einer Reanimation in einem Treppenhaus, können die Teilnehmenden Gelerntes in einer Stresssituation anwenden und ausprobieren, um somit im Ernstfall handlungssicherer zu werden“, sagt Askamp.

BFE* – Grundauftrag der BFE ist die beweissichere Festnahme von Straftätern in Störermengen.

Autor: Jan Klaassen