Geschichte der Johanniter

Krak de Chevalliers in Syrien. Gemälde von Eckhart Freiherr Marschall von Altengottern. Foto: Nicole Baumann, Johanniter-Unfall-Hilfe Bremen-Verden.

Von Rittern und Bruderschaften

Als 1099 die Heere der Kreuzfahrer Jerusalem eroberten, bestand dort seit längerer Zeit ein Johannes dem Täufer geweihtes Hospital, in dem die Laienbrüder barmherzige Dienste an armen und kranken Pilgern verrichteten. Dieser Laienbruderschaft schlossen sich die christlichen Ritter bei ihrem Einzug in Jerusalem an. Meister Gerhard ist der nachweisliche Gründer der Bruderschaft. Er stammte vermutlich aus der Provence, kam im Zuge der mittelalterlichen Verehrung der Heiligen Stätten nach Palästina, wirkte dort für Arme und Kranke und gilt als „Erbauer“ des St. Johannis-Hospitals. Zielsetzung der Johanniter ist es daher seit über 900 Jahren, Kranke zu pflegen, sich der Schwachen anzunehmen und für den christlichen Glauben einzustehen. Im Sinne des durch die Reformation neuerschlossenen Evangeliums Jesu Christi wollen Johanniter dort tätig sein, wo die Not des Nächsten auf tätige Liebe wartet und Angefochtene des Zeugnisses des Glaubens bedürfen.

Unter Raimund von Puy (1120-1160), der dem ersten bekannten Meister Gerhard nachfolgte, vollzog sich der Wandel von der Spitalbruderschaft zum geistlichen Ritterorden. Über die diakonischen Tätigkeiten hinaus übernahm er militärische Aufgaben.

1206 wurden als nationale Zusammenschlüsse sogenannte Zungen gebildet. Innerhalb dieser Zungen bestanden (Groß-) Priorate, die wiederum in Balleyen und Kommenden unterteilt waren. Eine Balley fasste mehrere Kommenden eines (Groß-) Priorats zusammen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb diese Organisationsstruktur im Wesentlichen unverändert. Der Johanniterorden lässt sich als erste übernationale Gemeinschaft Europas bezeichnen.

Nach dem Fall Akkós (1291) und dem damit verbundenen endgültigen Verlust des Heiligen Landes für die Kreuzfahrer war vorübergehend Limassol auf Zypern, dann Rhodos (1306 - 1522) Hauptsitz des Johanniterordens. Infolge der Aufhebung des Templerordens (1312) erwarb der Johanniterorden in Europa zusätzlichen Besitz. Der Johanniterorden konnte seine Herrschaft von Rhodos aus auf andere Inseln des Dodekanes und bis auf das kleinasiatische Festland ausdehnen. Obwohl der Johanniterorden mehrere osmanische Angriffe erfolgreich abwehren konnte, ging Rhodos 1522/23 verloren. 1530 wurde der Johanniterorden von Kaiser Karl V. mit Malta belehnt. Die Reformation führte zum Verlust von Besitzungen vorwiegend in England und Skandinavien. Gleichwohl verblieben die protestantischen Ritter der Balley Brandenburg weiterhin im Johanniterorden.

Die seit 1351 nachgewiesene Balley Brandenburg, aus der sich der heutige evangelische Johanniterorden entwickelte, nahm schon im Mittelalter eine Sonderstellung innerhalb des deutschen Großpriorats und des Gesamtordens ein. Dadurch überdauerte sie die Reformation und blieb bis zum 19. Jahrhundert, auch wenn nur lose eingebunden, im Gesamtverband des Ordens. Die Befürchtungen der norddeutschen Ritterbrüder, die sich aus der Veräußerung einiger Ordensgüter durch das deutsche Großpriorat in Pommern und Pommerellen ergeben hatten, führten 1382 zum Vergleich von Heimbach mit dem deutschen Großprior. In diesem Vertrag, den das Generalkapitel des Johanniterordens bestätigte, errang die Balley Brandenburg weitgehende Autonomie. So durften die Ritter der Balley ihr Oberhaupt, den Herrenmeister, frei wählen. Dieser Selbstständigkeit im Orden stand eine enge Verbindung mit den Kurfürsten von Brandenburg gegenüber.

Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens vom Spital zu Jerusalem

1810/11 säkularisierte der preußische Staat alle geistlichen Güter, auch die des Johanniterordens, der als Rechtspersönlichkeit fortbestand. Sie war fortan nur noch ein vermögensloser Personenverband. Von 1811 bis 1852 gab es in Preußen als Verdienstorden den Königlichen St. Johanniter-Orden. 1852 stellte König Friedrich Wilhelm IV. den Johanniterorden als selbstständigen geistlichen Ritterorden wieder her. Dieser nunmehr rein evangelische Johanniterorden (amtlich "Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens vom Spital zu Jerusalem, genannt Der Johanniterorden) widmet sich diakonischen Aufgaben und tritt für den christlichen Glauben ein. Dem Johanniterorden (Sitz in Potsdam, Verwaltung in Berlin) gehören weltweit in 18 deutschen und fünf ausländischen Genossenschaften bzw. Kommenden über 4.000 Ritter an.

Am 27. Januar 1927 folgte Oskar Prinz v. Preußenseinem Bruder, Prinz Eitel Friedrich, als Herrenmeister des Johanniterordens nach. Er hat sich zwei große Verdienste, die die Existenz des Ordens sicherten, erworben. Er führte die Ordensgemeinschaft mit Umsicht, Geschick und Festigkeit durch die schwere Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem zweiten Weltkrieg hat er den Neuanfang gewagt und die Grundlagen für das weitere Gedeihen der diakonischen Arbeit des Ordens geschaffen. Seiner rastlosen Tätigkeit ist der Wiederbeginn der karitativen Arbeit des Ordens zuverdanken, aus der als Folge der Rückbesinnung und Neuorientierung des Ordens die JOHANNITER-UNFALL-HILFE E.V. (1952) gegründet wurde.

Am 14. Januar 1952 fand in Hannover eine Sondersitzung des Ordenskapitels statt, in der die erste Satzung und die Schiedsgerichtsordnung der Johanniter-Unfall-Hilfe diskutiert und angenommen wurden. Herrenmeister Oskar Prinz v. Preußen genehmigte sie am 20. Februar 1952 in Bad Pyrmont. Am 7. April erfolgte dann dort auch die Eintragung ins Vereinsregister.

Ein Kreuz mit acht Spitzen

Das achtspitzige Kreuz ist das Symbol des Johanniterordens und seiner Werke. Es symbolisiert die acht Seligpreisungen durch Jesu Christi bei der Bergpredigt: "Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.  Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Der Johanniterorden und seine Werke betrachten sich als Teil der evangelischen Christenheit und gestaltet die Verbindung zu den Kirchen auf allen Ebenen so eng wie möglich. Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist heute das größte Werk des Johanniterordens. Sie knüpft an die Tradition des Johanniterordens an. Präambel der Satzung der Johanniter-Unfall-Hilfe:

Im Bewusstsein der Tradition christlicher Nächstenliebe, der die Johanniter seit Jahrhunderten verpflichtet sind, und herausgefordert durch die Nöte und Gefahren der Welt, will die Johanniter-Unfall-Hilfe in Verantwortung vor Gott dem leidenden Menschen unserer Zeit beistehen.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist heute bundesweit in 9 Landesverbänden mit weit über 300 Standorten vertreten und leistet täglich tausendfache Hilfe. Die Johanniter-Unfall-Hilfe hat nach ihrer Satzung vier Stati aus denen sich das breite Spektrum ihrer Aufgaben ergibt: Sie ist ein Werk des Johanniterordens. Sie ist Fachverband des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie ist ein Verband der Freien Wohlfahrtspflege. Sie ist eine freiwillige Hilfsgesellschaft im Sinne des Artikels 26 des 1. Genfer Abkommens vom 12.08.1949.


1952 - 1961
Von der Gründung der Johanniter-Unfall-Hilfe bis zur Unterweisung des 100.000sten Bundesbürger in Erster Hilfe.

Nach Vorgesprächen zwischen dem Johanniterorden und der britischen Rheinarmee beschließt der Orden am 14. Januar 1952 in Hannover die Gründung der Johanniter-Unfall-Hilfe, die am 7. April in Bad Pyrmont in das Vereinsregister eingetragen wird. Die Mitglieder der Johanniter-Unfall-Hilfe zahlen einen Jahresbeitrag von drei Mark, ein JUH-Abzeichen kostet 1,20 DM. Die erste Straßen-Rettungsstation der JUH wird 1959 am Jägersteig in Düsseldorf eingerichtet. 1960 hat die JUH in den acht Landesverbänden Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Berlin, Niedersachsen, Hessen/Rheinland-Pfalz/Saar, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein bereits 1650 aktive Helfer und 18 hauptamtliche Mitarbeiter.

1962 - 1971
Von der Gründung des Ordenswerks zur Ausbildung von Schwesternhelferinnen bis zur Verleihung eines Albert-Schweitzer-Preis der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung zu Basel an die Johanniter-Unfall-Hilfe.

Die Mitgliederzahl liegt 1962 bei 4000, 133 davon sind Ausbilder. 1963 wird die JUH durch die Bundesregierung als freiwillige Hilfsgesellschaft anerkannt. Gründungspräsident Frh. v. Gersdorff gibt sein Amt an Frh. v. Lüttwitz ab. In Deutschland nimmt der Straßenverkehr weiter zu und mit ihm die Unfälle. 1964 wird die erste JUH Autobahn-Rettungsstation in Mannheim-Seckenheim eingeweiht. In Schleswig-Holstein beginnen 1966 die ersten Lehrgänge für „Sofortmaßnahmen am Unfallort“. Ein Jahr später ist es bundesweit Gesetz: Jeder Führerscheinbewerber muss entweder einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen oder einen Kurs „Sofortmaßnahmen am Unfallort“ absolvieren. 1968 übergibt Frh. v. Lüttwitz das Präsidentenamt an Peter Graf zu Bentheim-Tecklenburg-Rheda. 1969 werden die internen Leistungsabzeichen in Gold, Silber und Bronze eingeführt. Erstmals bieten die Johanniter 1970 in Singen einen Behindertenfahrdienst an. Auslandseinsätze führen in die Türkei, nach Jordanien und Pakistan.

1972 - 1981
Mit dem Einsatz von 47 Zivildienstleistenden setzt eine Entwicklung ein, die für die JUH große Bedeutung bekommen sollte. Viele Aufgaben der Zukunft können nur dank der wachsenden Zahl der Ersatzdienstleistenden bewältigt werden.

Im heute namibischen Windhoek wird 1974 eine JUH-Gruppe als Division der St. John Ambulance gegründet. In Wien entsteht die JUH-Österreich. Erster „Behinderten-Taxidienst“ nimmt 1976 in Köln Betrieb auf. Der bisherige Präsident der JUH, Peter Graf zu Bentheim- Tecklenburg-Rheda, wird durch Wolf v. Zawadsky abgelöst.„Christoph 4“ fliegt 1980 seinen 10 000. Einsatz. Wolf v. Zawadsky scheidet als JUH-Präsident aus, Nachfolger wird Wilhelm Graf v. Schwerin v. Schwanenfeld.Die Johanniter produzieren 1981 ihre erste Benefiz-LP zugunsten der Erdbebenhilfe für Italien.

1982 - 1991
Von umfangreichen Hilfsgütertransporten nach Polen bis zum öffentlichen Aufruf gegen Fremdenfeindlichkeit durch den Präsidenten der JUH.

Seit 1986 gehören durch Satzungsänderung die gewählten Jugendvertreter zur Bundes- und Landesleitung. 1987 startet die neu entwickelte Ausbildung „Erste Hilfe am Kind“. Das 500000. Fördermitglied wird 1989 begrüßt. Der Fall der Berliner Mauer hat einen Großeinsatz der JUH zur Folge: Sie wird in das Soforthilfeprogramm der Bundesregierung eingebunden und beliefert Krankenhäuser mit Pflegematerial. Im Eil- schritt wird die JUH in der DDR aufgebaut: Am 9. März 1990 startet in Wismar der erste Kreisverband, am 1. Juli existieren bereits sieben weitere, drei Monate später sind es bereits 22. Durch eine Satzungsänderung werden Auslandsarbeit, Soziale Dienste und der Ambulanzflug- und Auslandsrückholdienst festgeschrieben. Das Engagement für Rumänien im Winter 1989/90 wird zum bislang größten Auslandseinsatz. Weitere Auslandseinsätze finden in diesem Jahrzehnt vor allem in Polen, auf dem Baltikum, in Uganda, im Nahen Osten und Griechenland statt.

1992 - 2002
Die Erlöse aus JUH-Leistungen überschreiten 1993 erstmals die 300-Millionen-Mark-Grenze.

Die Verwaltungsspitze wird umgebaut: Die Geschäftsführungsaufgaben gehen vom ehrenamtlich besetzten Präsidium auf einen dreiköpfigen, hauptamtlichen Bundesvorstand über. Den ersten Bundesvorstand bilden Dr. Andreas v. Block-Schlesier, Tilo Erfurth und Dr. Horst Schöttler. Großeinsätze der Johanniter bei der Oderflut und beim ICE-Zugunglück am Rande des niedersächsischen Ortes Eschede. Die JUH-Bundesgeschäftsstelle zieht 1998 von Bonn nach Berlin um. Wilhelm Graf v. Schwerin tritt nach 21 Jahren ehrenamtlichen Engagements als JUH-Präsident 2001 von seinem Amt zurück. Sein Nachfolger wird Hans-Peter v. Kirchbach. Im Jahr des 50-jährigen Bestehens 2002 startet die Kampagne „Die Johanniter – Aus Liebe zum Leben“.

Johanniter-Ritter. Druck im Hause der Johanniter-Unfall-Hilfe Bremen-Verden. Foto Nicole Baumann/JUH Bremen-Verden