16.06.2021 | Regionalverband Südwestfalen

„Es war die richtige Entscheidung“

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni beschreibt Kelechi Gemar Nwaiwu, wie sie die Integration in ihrer neuen Heimat Altena und die hilfreiche Begleitung durch die Johanniter-Kita Zwergenburg erlebt.

Kelechi Gemar Nwaiwu fühlt sich in Altena sehr wohl. „Es ist ein guter Ort, an dem meine Kinder wohlbehalten aufwachsen können“, sagt die 37-Jährige. Seit ihrer Flucht aus Nigeria vor vier Jahren lebt die studierte Naturwissenschaftlerin mit ihren fünfjährigen Zwillingen Adaugo Trinity und Adanna Purity in der Kleinstadt im Märkischen Kreis. Ihre Tochter Adaugo besucht die Johanniter-Kita Zwergenburg, ihre Tochter Adanna einen Förderkindergarten in Iserlohn.

Nach ihrem Leben in Nigeria und ihrer Flucht nach Deutschland erlebt Kelechi Gemar Nwaiwu die Atmosphäre in Altena als „sehr beruhigend“. Dennoch: „Ich habe alles verloren und vermisse vieles ganz furchtbar – vor allem meine Familie“, sagt die anerkannte Asylbewerberin. Ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Freundinnen und Freunde sieht sie nur bei regelmäßigen Videoanrufen. Neue Kontakte fand die Familie im Märkischen Kreis auch durch die Johanniter-Kita Zwergenburg.

Schnell die deutsche Sprache gelernt

„Adaugo ist sehr beliebt, sie hat bei uns viele Freundinnen und Freunde gefunden“, erzählt Kita-Leiterin Karina Lazar. „Sprecht mit ihr bloß kein Englisch, sie soll doch die Sprache ihrer neuen Heimat lernen!“, das gab ihre Mutter den pädagogischen Fachkräften von Anfang an mit auf den Weg. Und das Lernen ging schnell: Adaugo Trinitiy spricht jetzt viel und fließend Deutsch. Ihre Muttersprache Englisch gebe sie aber gerne anderen Kinder weiter, berichtet Leiterin Karina Lazar: „In der Nachmittagsbetreuung redet sie mit ihrem aus Griechenland stammenden Freund in Englisch, und der versteht und spricht das mittlerweile recht gut.“

Auch bei ihrem eigenen Deutschkurs half Kelechi Gemar Nwaiwu die Betreuung in der Kita: Da sie mit dem Bus zum Unterricht nach Lüdenscheid fahren musste und der Kurs erst um 12 Uhr endete, setzte sich der Johanniter-Regionalverband erfolgreich beim Jugendamt für die Genehmigung eines Kita-Platzes bis 14 Uhr für Adaugo Trinity ein.

Elterngespräche machen Mut

Dass die Kita-Fachkräfte ihr immer wieder Mut machen, das gefällt Kelechi Gemar Nwaiwu an den regelmäßigen Elterngesprächen: „Sie sagen, dass ich bisher sehr viel geschafft habe und darum auch meine weiteren Ziele erreichen werde. Das gibt mir Hoffnung!“ Ihr in Nigeria abgeschlossenes Studium der Naturwissenschaften und Labortechnik wird in Deutschland nicht anerkannt. Jetzt arbeitet Kelechi Gemar Nwaiwu in einem Coronatest-Labor in Iserlohn – und ist darüber sehr froh: „Auf keinen Fall möchte ich von Sozialhilfe leben, ich will Geld verdienen und mir damit unter anderem später ein ergänzendes Studium leisten können.“

Ihre Ziele hatte Kelechi Gemar Nwaiwu von Beginn an vor Augen, auch wenn der Start in Altena manchmal schwerfiel. So erlebte sie ihr erstes Weihnachten in Deutschland als sehr deprimierend: „Während wir in Nigeria das Fest gemeinsam auf den Straßen und bei offenen Türen in allen Häusern feiern, saß ich alleine in Altena“, schildert die Katholikin. Zur Aufnahme in die Gemeinschaft der örtlichen Kirchengemeinde verhalf ihr daraufhin Christiane Frebel, die Koordinatorin des Familienzentrums der Stadt Altena, in dem alle Kitas im Stadtgebiet zusammengeschlossen sind.

Die Herkunft macht keinen Unterschied

„Als berufstätige Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern, davon einem Mädchen mit einer mehrfachen Einschränkung, meistert Frau Nwaiwu ihren Alltag einfach großartig“, findet Kita-Leiterin Karina Lazar. Die Kita Zwergenburg wird von vielen Kinder aus zahlreichen Herkunftsländern besucht. „Die Herkunft macht für uns jedoch keinen Unterschied, wir leben alle in einer Gemeinschaft und respektieren die unterschiedlichen Werte und die Kulturen“, betont Karina Lazar.

Die Schwierigkeiten, die ein Umzug in die Fremde mit sich bringt, das kennt sie aus eigener Erfahrung: „Als ich zwölf Jahre alt war, kam ich mit meiner Familie aus Polen nach Deutschland und kann nachempfinden, wie Kinder sich fühlen, wenn sie sich plötzlich in einer vollkommen fremden Umgebung wiederfinden.“ Wenn etwa Adaugo Trinity sehr traurig ist, weil ihre Oma und ihr Opa nicht zu den Großeltern-Aktionen in die Kita kommen können, kann Karin Lazar angemessen auf die Gefühle des Mädchens eingehen.

Frei, selbstbestimmt und ohne Gewalt

Dass ihre Töchter in Deutschland kindgerecht begleitet werden und sich frei und selbstbestimmt entwickeln können, war für Kelechi Gemar Nwaiwu ein wichtiger Grund, ihr Geburtsland Nigeria zu verlassen. Laut aktuellem Report von Amnesty International werden in dem westafrikanischen Land am Golf von Guinea die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Vereinigungsfreiheit routinemäßig verletzt, Sicherheitskräfte verübten zudem gravierende Menschenrechtsverletzungen einschließlich Folter und anderer Misshandlungen. Vor allem Mädchen und Frauen seien von Gewalt, Missbrauch und Misshandlung bedroht.

Auch eine gute medizinische Versorgung ist in dem Land nicht gegeben. Ihre Tochter Adanna Purity hätte Kelechi Gemar Nwaiwu alleine und ohne jegliche Förderung und Therapie zuhause betreuen müssen: „Hätte ich sie in eines der dortigen Heime gegeben, würde sie nicht mehr leben“, ist sie sich sicher. Als sie Nigeria verließ konnte Adanna nicht richtig schlucken und sich kaum bewegen. „Sie lag nur und bekam flüssige Nahrung eingeflößt.“ Jetzt kann die Fünfjährige an der Hand laufen und das Essen als Brei zu sich nehmen.

Diese Fortschritte und die gute Entwicklung der aufgeweckten Adaugo Trinitiy bestärken Kelechi Gemar Nwaiwu in der Entscheidung, die ursprüngliche Heimat verlassen zu haben: „Wenn ich die Kinder anschaue, dann weiß ich: Ich habe das Richtige getan.“