SGA Plauen: Die Gruppe als Lehrmeister

Plauen / Arbeit, Kindererziehung, Haushalt – das füllt bei den meisten Deutschen den Alltag voll aus. Und als wäre das nicht schon genug, kommen manchmal große Sorgen dazu: finanzielle oder schulische Probleme können Eltern und Kinder dann schwer belasten.
Miteinander reden, Zeit haben – das klappt nicht immer wie gern gewünscht. Vor allem Jugendliche ziehen sich in schwierigen Zeiten schnell zurück, fliehen in die Parallelwelt der sozialen Medien oder beginnen zu zocken. Sie vereinsamen und verlieren immer mehr den Anschluss an die Realität. Und gerade in Coronazeiten trifft es vor allem die Kinder, die nicht mit Milch und Honig aufwachsen. Sie können etwas Hilfe gebrauchen. Diese bekommen sie im Regionalverband Zwickau/Vogtland von zwei Sozialpädagogen, die in der Plauener Plattensiedlung Chrieschwitz Soziale Gruppenarbeit (SGA) für zwölf Heranwachsende anbieten.
Die 10- bis 15-Jährigen treffen sich zweimal wöchentlich. Ihr Lehrmeister ist die Gruppe. Sie ist ihre Insel, auf der gegenseitiges Vertrauen, Empathie und eine gesunde Gruppendynamik gedeihen.
Ende Oktober haben wir die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Betreuer Anna-Maria und Yannick besucht und interviewt:

Wer kommt in die SGA?

Anna-Maria: Das sind meist Kinder, die einen kleinen Schubs brauchen, den sie zu Hause oder in der Schule nicht bekommen konnten. Fast immer liegen die Probleme nicht in der Person, sondern in den Umgebungsbedingungen. Erken­nen Eltern oder Lehrer Defizite, setzen sie sich in der Regel mit dem Jugendamt in Verbindung. Die Kollegen analysieren, ob die Soziale Grup­penarbeit der richtige Ansatz für das jeweilige Kind ist.

Yannick: In einer Art „Probezeit“ können sich die Gruppenmitglieder etwas „beschnuppern“. Wenn wir glauben, das passt, treffen wir uns zwei Jahre lang zehn Stunden in der Woche. Braucht ein Kind oder Heranwachsender inten­sive Einzelbetreuung, gibt es bessere Strategien. Wir arbeiten langfristig und nutzen die gruppen­dynamischen Prozesse. Gleichzeitig soll es Spaß machen, sich mit Gleichaltrigen auseinander­zusetzen, neue Erfahrungen zu machen. Hier sind Kinder dabei, die waren noch nie zelten oder haben keine Ahnung, wie eine Pfefferminz­pflanze aussieht. Sie kommen einfach zu selten aus ihrem Kiez. Das wollen wir ändern. Nach den zwei Jahren können wir hoffentlich sagen: Wunderbar, Du brauchst uns nicht mehr. Bei 70 Prozent ist das auch so und wir kämpfen jeden Tag um die 100 Prozent.

Wie gehen Sie an Ihre Aufgabe ran?

Anna-Maria: Über die Gruppe versuchen wir für alle möglichen Probleme Lösungsmuster zu etablieren. Stellen Sie sich vor, ein Kind verhält sich anders, als man das in dem Alter erwarten würde – obwohl es ansonsten kerngesund ist. Es gibt komische Laute von sich, redet ohne Punkt und Komma, ist Sonderling und Einzel­gänger. Um Anerkennung zu bekommen erfin­det es Geschichten wie Münchhausen. Gelingt etwas nicht, rastet das Kind schnell aus. Die Gruppe spiegelt: Dieses Verhalten wirkt auf andere verstörend. Gleichzeitig fördern wir, dass sich die Gruppenmitglieder voreinander öffnen, über Gefühle und Sorgen reden. Das Ergebnis ist gegenseitiges Verständnis und gleichzeitig erfahren auch die anderen, dass alle hier einen schweren Rucksack tragen. Diese Reflektion kann manchmal sehr schmerzvoll sein. Durch das Feedback der Gruppe verändert der „Son­derling“ sein Verhalten und bekommt sofort gespiegelt, wie die neue „Strategie“ auf die Peer-Group wirkt.

Yannick: Und manchmal reicht es, wenn die Kinder und Jugendlichen ganz normal in Kom­munikation eingebunden sind: Beispiel: Ein Kind lebt allein mit der Mutter. Die Mama spricht nur ihre Muttersprache, das Kind ist ausschließ­lich mit der deutschen Sprache aufgewachsen. Beide können sich nur schwer verständigen. Das Kind lernt nicht, dass es für gemeinsame Aufgaben wichtig ist, miteinander zu kommu­nizieren. So spielen wir, stellen Aufgaben, die im Alleingang nicht zu lösen sind. Die Gruppe vermittelt: Wenn wir miteinander reden, wirst Du Teil unserer Gruppe und dann schaffen wir fast alles. Das Kind verliert Stück für Stück seine soziale Scheu.

Wenn von irgendwo eine kleine Spende kom­men würde, wie würden Sie und die Kinder diese ausgeben?

Anna-Maria: Die Kinderwünsche sind nicht so abgefahren. Sie würden sich über zwei blaue Sitzsäcke und eine Basketballanlage für den Garten freuen.

Yannick: Cool wäre es auch, wenn wir ein biss­chen Geld für Tagesausflüge in den Zoo oder das Jump House hätten. Auch für Kinobesuche mit der gesamten Gruppe sind wir auf Spenden angewiesen. Sie sehen, unsere Wünsche sind relativ normal.

Von den Kindern wollten wir wissen:

• Wie habt Ihr den ersten Lockdown erlebt?
• Wie habt Ihr reagiert, als er vorbei war?

E. K. • Schulfreie Zeit klang erst einmal schön. Aber eigentlich war es sehr, sehr langweilig. Die kleineren Geschwister – wir sind zu Hause fünf Kinder – haben genervt, oft gab es Streit. Die Hausaufgaben ohne Lehrer waren anstrengend. • Endlich wieder SGA, endlich wieder zu Papa fahren.

C. S. • SCHLIMM! Man konnte nix machen. Es gab einfach keine Abwechslung. Mama hat die ewigen Aufgaben anders erklärt, als es der Lehrer wahrscheinlich gemacht hätte, das war anstrengend. Meine Besuche bei Oma haben mir auch gefehlt.
• Cool, gut, perfekt! Endlich wieder Gleichaltrige treffen.

J.J.L. • Es gab keine Herausforderungen. Mama hat mich immer früh geweckt, OBWOHL ich doch hätte ausschlafen können. Aber wir haben unter der Woche dann auch Dinge getan, die wir sonst nur am Wochenende machen.
• Ich habe es erst nicht geglaubt. Endlich wieder mit Kumpels reden und spielen.

L. B. • Das erste Wort, das mir zu der Corona-Zeit einfällt ist: SCHEISSE! Ich war fast die ganze Zeit allein. Meine Mama ist Pflegerin, sie musste arbeiten und draußen mit Freunden ging auch nichts. Ich gehe lieber in die Schule, es macht mehr Spaß in der Klasse zu lernen.
• Cool, ich hatte wieder etwas, womit ich meine Freizeit füllen konnte.

A. P. • Für mich war das gar nicht so schlimm. Ich habe zu Hause etwas gelernt, viel geschla­fen und „meine“ Serien geschaut. Ich liebe Mangas und Animes und zeichne gern. Diese Wochen hatten auch ihre guten Seiten.
• Eigentlich war es mir relativ egal. Das Leben im Lockdown war für mich nicht so schlecht.

Weitere Informationen zur Arbeit der SGA Plauen gibt es hier.