„Die Politik muss mehr Geld geben“

Hannover, 06. Juli 2018

Die Pflegeausbildung in Deutschland steht vor dem Umbruch. Generalistik ist das Schlagwort. Die Umstellung der Ausbildung in der Pflege 2020 kommt in großen Schritten. Bis dahin ist noch viel zu tun. Welche Wünsche – oder auch Forderungen – die Johanniter-Akademie Bildungsinstitut Niedersachsen/Bremen diesbezüglich an die Politik hat, erläuterte Institutsleiter Kersten Enke im Gespräch mit Mareike Wulf, stellvertretende Vorsitzende der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion für die Bereiche Bildung und Wirtschaft und bildungspolitische Sprecherin der Fraktion.

An der Johanniter-Akademie in Hannover wird die dreijährige Ausbildung zum/zur Altenpfleger/in sowie die einjährige Ausbildung zum/zur Altenpflegehelfer/in angeboten. Der seit einiger Zeit propagierte schlechte Ruf der Altenpflege sei auch hier deutlich zu spüren – der Beruf sei insbesondere bei Schulabgängern unbeliebt. „Wir haben einen höheren Altersdurchschnitt als z.B. in der Notfallsanitäterausbildung. Zudem ist die Abbrecherquote hoch. Oft reichen auch die Deutschkenntnisse der Schüler nicht aus. Nur weniger als die Hälfte schafft am Ende die Prüfung“, beklagt Kersten Enke. Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft: „Wir werden auf die generalistische Ausbildung umstellen. Daraus ergeben sich auch Chancen. Wer sich beispielsweise als Arbeitgeber in der Altenpflege in den Praxisphasen bei den Schülern gut präsentiert, wird seine Auszubildenden auch halten können – wenn nicht sogar Schüler aus dem Bereich Kranken- oder Kinderkrankenpflege gewinnen können. Wir haben es in der Hand, diesen Weg in die Generalistik positiv zu gestalten.“

Die Johanniter-Akademie bezieht bereits heute alle Partner, von Altenpflegeinrichtungen, über Kliniken bis zur Arbeitsagentur, in den Wandel mit ein und lädt regelmäßig zu Gesprächsrunden ein. Erst im Juni stellte Thomas Knäpper, Berater Altenpflegeausbildung Niedersachsen/Bremen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, in der Akademie die neue generalistische Pflegeausbildung und den Stand des Pflegereformgesetzes mit Blick auf die bundesweite Umsetzung in 2020 vor. Mareike Wulf begrüßt die bundeseinheitliche Regelung der Ausbildung, erkannte aber auch die von Kersten Enke angesprochenen Probleme auf Landesebene. „Die Pflegeausbildung ist unterfinanziert. Um unserem Anspruch nach Qualität, erfolgreichen Ausbildungsabschlüssen und auch zufriedenen Schülern gerecht zu werden, gehen wir als Pflegeschule in Vorleistung. Das kann keine Lösung von Dauer sein“, erklärte Kersten Enke. Nicht nur finanziell, auch beim Thema Entwicklung eines kompetenzorientierten und anschlussfähigen Curriculums in der generalistischen Pflegeausbildung gehe die Johanniter-Akademie voran. Bereits seit 2017 arbeite man gemeinsam mit der Pflegeschule der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und dem Institut für Berufliche Lehrerbildung der Fachhochschule Münster im Projekt „KraniCH“ an der Berufsfeldanalyse und Ausarbeitung eines Rahmenlehrplans. Wie schon beim Projekt „Niedersächsische Umsetzung des Notfallsanitätergesetzes“ (NUN) wird auch im Fall der neuen generalistischen Pflegeausbildung die Johanniter-Akademie dem Land Niedersachsen seine Unterstützung anbieten. Mareike Wulf freute sich, das zu hören und bemerkte: „Sie sind als Akademie also Avantgarde!“

Die Weichen müssten jetzt gestellt werden, ergänzte Kersten Enke: „Wir benötigen mehr qualifizierte Lehrkräfte und Praxisanleiter. Auch hier herrscht Personalmangel.“ Aber das sei nicht das einzige Problem. „Die Erstellung des Ausbildungsverlaufs liegt nach dem Gesetz bei den Trägern der Pflegeinrichtungen. Das kann mit den aktuellen personellen Ressourcen nicht funktionieren. Wir als Schule wären bereit auch das, wie bisher bereits praktiziert, weiterhin für die Betriebe zu übernehmen. Aber auch das bedeutet einen Mehraufwand. Die praktischen Pflichteinsätze werden mit der Generalistik um ein Vielfaches erhöht.“ Um diese Belastung von den Trägern zu nehmen, schlug Mareike Wulf vor, die Erstellung des Ausbildungsverlaufs in die Kommunen bzw. Landkreise zu verlagern. Sie seien eine Schnittstelle, die die Koordinierung übernehmen könne, da hier alle Informationen gebündelt würden.

Bevor die Landtagsabgeordnete sich noch von Kersten Enke die SAN-Arena zeigen ließ und einen kleinen Flug im Rettungshubschraubersimulator „Christoph Life“ machte, resümierte sie das anregende Gespräch: „Ich fasse zusammen: Politik muss mehr Geld geben.“ Ein Fazit, das der Akademieleiter so stehen ließ.

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