Gute Vorbereitung erleichtert schnelles Handeln

Hannover, 07. Dezember 2019

Gut besucht: Mehr als 70 Teilnehmer zählte das 3. Forum Bevölkerungsschutz in Wennigsen, das in diesem Jahr im Zeichen betreuungsdienstlicher Lagen im Bevölkerungsschutz stand.

Im Gespräch (von links): Mirko Temmler, Referatsteilleiter Katastrophenschutz im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport, General a.D. Hans-Peter von Kirchbach, Ehrenpräsident der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Kersten Enke, Leiter Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen und Hannes Wendler, Mitglied im Landesvorstand der Johanniter in Niedersachsen und Bremen.

Foto: JUH/Nadine Triebel

Jeden kann es treffen, wenn der Zugverkehr zusammenbricht, ein Hochwasser droht oder ein Großfeuer ausbricht. Hier kommt der Betreuungsdienst der Johanniter ins Spiel. Dieser ist immer dann gefordert, wenn viele Menschen gleichzeitig auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Die Johanniter helfen in solchen Situationen – etwa um Unterkünfte und Schlafplätze für mehrere hundert Menschen in Turnhallen einzurichten, gestrandete Bahnreisende mit warmen Getränken, Suppe und Decken zu versorgen oder einfach nur ein offenes Ohr zu haben.

Mehr als 70 Teilnehmer verfolgten am 7. Dezember die Vorträge von Führungskräften und Fachexperten beim 3. Forum Bevölkerungsschutz in Wennigsen. In Workshops konnten die Teilnehmer weiteres Fachwissen vertiefen und sich austauschen.

Neue Einsatzlagen fordern die Einsatzkräfte im Betreuungsdienst heraus

Neue Einsatzlagen fordern die Betreuungsdienst-Einheiten der im Bevölkerungsschutz eingebundenen Organisationen immer stärker heraus. Nicht erst, aber ganz besonders seit den Flüchtlingsbewegungen von 2015 ist dieser Fachdienst in den Fokus des Bevölkerungsschutzes gerückt. Wie gehen Behörden, Institutionen und Hilfsorganisationen mit solchen neuen Einsatzlagen um? In welchen Bereichen gibt es Potenzial zur Verbesserung der Zusammenarbeit? Welche Schlüssel-Schnittstellen sind notwendig? Im Einsatzfall müssen nicht nur schnell professionelle Strukturen geschaffen werden – es kommt auch auf die Zusammenarbeit der eigenen Fachdienste und der unterschiedlichen Organisationen an.

„Ohne das Ehrenamt wäre das nicht möglich gewesen“

„Zur Zeit der Flüchtlingsbewegung mussten tausende von Menschen zunächst behelfsmäßig, dann immer strukturierter und professioneller untergebracht und ihre medizinischen und sozialen Bedürfnisse gestillt werden. Eine enorme Herausforderung für die Länder und Kommunen, die ohne das Engagement der vielen Ehrenamtlichen der Einsatzorganisationen nicht zu meistern gewesen wäre,“ betonte Hannes Wendler, Mitglied im Landesvorstand der Johanniter in Niedersachsen/Bremen, in seinem Grußwort.

Betreuungsdienst: „Mehr als trocken, warm und satt“

Mirko Temmler, Referatsteilleiter Katastrophenschutz im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport, bezog sich während seines Vortrages auf die Erkenntnisse und Lehren aus der Flüchtlingskrise 2015 als Initialereignis für den Betreuungsdienst: „Betreuungsdienst ist mehr als trocken, warm und satt. In Niedersachsen ist er nicht nur ein seit vielen Jahrzehnten etablierter Fachdienst, sondern eine wesentliche Säule der Katastrophenabwehr. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen Menschen in eine Notlage geraten und Unterstützung des ehrenamtlich getragenen Katastrophenschutzes benötigen. Besondere Herausforderungen gilt es zu bewältigen, wenn viele tausend Menschen gleichzeitig ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Die besondere Belastungssituation für Menschen auf engem Raum in großer Masse, z.B. in einer Turnhalle untergebracht zu sein, bedarf einer besonderen Aus- und Fortbildung für die eingesetzten Helferinnen und Helfer.“ Der Katastrophenschutz erfordere hierfür eine gute Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen, die als „Partner und nicht als Erfüllungsgehilfe“ für Land und Kommunen verstanden werden müssten.

Gute Vorbereitung erleichtert schnelles Handeln“

General a.D. Hans-Peter von Kirchbach, Ehrenpräsident der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (JUH), forderte in seinem Vortrag dazu auf, den Betreuungsdienst neu zu denken und ihn „aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken“. Hierzu stellte er neun Thesen auf, die die Veränderungsnotwendigkeiten aufzeigten, wie die Ausweitung des Verständnisses von „Betreuung“ oder die Vernetzung der Organisationen vor Ort. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr stand unter anderem im Fokus der Öffentlichkeit bei der Bewältigung der Flutkatastrophe 1997 an der Oder. Noch immer ist er als Fachmann ein wichtiger Impulsgeber im Bevölkerungsschutz.

„Gute Vorbereitung erleichtert schnelles Handeln“, machte er in seinem Vortrag deutlich. Denn Katastrophen entstünden meist unvorhergesehen. Die Situation in den ersten Stunden sei immer unübersichtlich und somit die schnelle Reaktionsfähigkeit der Führungs- und der Einsatzkräfte unverzichtbar. Das gelinge aber nur, wenn in den Zeiten von Ruhe und Stabilität die Einsatzkräfte entsprechend ausgebildet und vorbereitet würden. Darüber hinaus sei ein Schlüssel zum Erfolg: ausreichendes Material, das schnellstmöglich zur Verfügung stehen müsse.

Weiterhin betonte von Kirchbach, dass eine Stärkung des Ehrenamts und neue Methoden der Gewinnung von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern erforderlich seien: „Wir sollten soziale Netzwerke zur Einbindung der Bevölkerung positiv nutzen und junge Leute möglichst früh auf eine Tätigkeit zugunsten der Allgemeinheit ansprechen, um sie dafür zu gewinnen. Auch für junge Zuwanderer ist das Engagement im Katastrophenschutz nicht nur ein Mittel der sinnvollen Beschäftigung, sondern kann auch ein bedeutsamer Schritt zur Integration sein.

„Der Katastrophenschutz ist nicht auf zu Hause versorgte Pflege- und Hilfsbedürftige vorbereitet”

„Der Katastrophenschutz ist nicht auf zu Hause versorgte Pflege- und Hilfsbedürftige vorbereitet”, hielt Jürgen Teichmann, DRK Landesverband Niedersachsen e.V., fest. Dabei sei diese Personengruppe bei Krisen und Katastrophen besonders betroffen, etwa wenn der Strom ausfalle. Problematisch könne es unter anderem werden, wenn Pflegedienste ihre Kunden wetterbedingt, etwa nach massiven Schneefällen, zeitweise nicht erreichen und betreuen könnten. „Der Betreuungsdienst der Zukunft muss von Grund auf nah an den Sozialraum strukturiert werden. Das Konzept des Betreuers vor Ort muss hierfür angepasst, flächendeckend eingeführt und umgesetzt werden“, forderte Teichmann.

Michael Matrian vom THW Landesverband Bremen, Niedersachsen hat in seinem Vortrag die einsatzmäßige Unterbringung von 500 Einsatzkräften im Einsatzfall in den Fokus genommen. „Vernünftige Unterbringung, auch unter Einsatzbedingungen, sind wir allen, insbesondere ehrenamtlichen Kräften, schuldig“, brachte er auf den Punkt. „Wir haben eine Fürsorgepflicht für unsere Einsatzkräfte, auch wenn diese eigentlich dem Anfordernden obliegt.

Workshops: Schnittstellen im Einsatz

In jeweils halbstündigen Workshops ging es um die Schnittstellen im Einsatz: Dr. Ilsemarie Voigt, ehemalige stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes der Region Hannover, ist der Frage „Hygiene im Betreuungseinsatz – aber wie?“ nachgegangen. Boris Rogall von der Personenauskunftsstelle Niedersachsen (PaSt), Polizeidirektion Hannover, hat sich mit der Zusammenarbeit im Betreuungseinsatz beschäftigt. Gerhard Latt, Koordinator PSNV bei der JUH im Landesverband Niedersachsen/Bremen, hat sich den psychosozialen Aspekten im Betreuungseinsatz gewidmet.

„Wir freuen uns, dass wir eine ganze Reihe von hochkarätigen Dozentinnen und Dozenten gewinnen konnten, um das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten“, resümiert Heiner Mansholt, Fachbereichsleiter Bevölkerungsschutz und Einsatzdienste der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen, und verantwortlich für das Programm der jährlich sattfindenden Fortbildungsveranstaltung „Forum Bevölkerungsschutz“. Verschiedene Aussteller informierten die Besucher über Produktneuheiten und Dienstleistungen.

Das 4. Forum Bevölkerungsschutz findet am 7. November 2020 statt.

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