Wie verbessern wir die Notfallversorgung?

Hannover, 16. März 2019

Mehr als 500 Besucher verzeichnete das 21. Hannoversche Notfallsymposium, das in diesem Jahr im Zeichen der aktuellen Herausforderungen im Rettungsdienst stand.

Dr. Andreas Flemming, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Hannover, gab zur Thematik „Spezielle Einsatzlagen“ einen Einblick in das Sichtungstraining bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV).

Foto: Johanniter/Jan Klaassen

Über 500 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet besuchten am 16. März das 21. Hannoversche Notfallsymposium der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Hauptschwerpunkt der Fortbildungsveranstaltung, die unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius steht, bildete die Verbesserung der Notfallversorgung. Die Einsatzzahlen der Rettungswagen sind bundesweit um 50 Prozent in den letzten zehn Jahren gestiegen. Dies liegt oftmals daran, dass Symptome von den Patienten falsch eingeschätzt und der Rettungsdienst alarmiert wird, obwohl kein akutes Krankheitsbild besteht. Das sorgt unwillkürlich für eine Überfüllung der Notaufnahmen und zu einer extremen Belastung des Rettungsdienstpersonals.

Unnötige Alarmierungen und Mitfahrtverweigerungen
Nach kurzer Begrüßung durch Dr. Hans-Peter Reiffen, Landesarzt der Johanniter in Niedersachsen und Bremen, eröffnete Ralf Tries, Direktor des Amtsgerichts Montabaur, die Vortragsreihe. Durch die Tatsache, dass die 112 zunehmend zweckentfremdet wird, ist die Anzahl an Einsätzen für Bagatellfälle immens gestiegen. „Das Anspruchsdenken in unserer Gesellschaft scheint in vielen Bereichen, besonders auch im Gesundheitswesen, überhöht“, betonte der Richter und ausgebildete Rettungsassistent. Viele Patienten würden ohne Notfallindikation trotzdem den Weg mit dem Rettungswagen bis in den Behandlungsraum einfordern. Auf der anderen Seite bereiten diejenigen Patienten Probleme, die trotz berechtigter Gründe die Mitfahrt verweigern. „Eine strukturierte Kommunikation mit dem Patienten ist von essenzieller Bedeutung“, hob Tries hervor. Besonders vor dem Hintergrund, juristische Konflikte zu vermeiden. Ein hochaktuelles Thema, das durch den Ärztemangel, den geringen Bekanntheitsgrad des kassenärztlichen Notdienstes 116117 verursacht und sich in den nächsten Jahren durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung noch verstärken wird. Kombiniert aus juristischer und rettungsdienstlicher Erfahrung, gab Tries praxistaugliche Hilfestellungen im Umgang mit solchen Einsatzsituationen.

Fachkräftemangel im Rettungsdienst – was tun? 
Personelle Engpässe im Rettungsdienst sind kein neues Phänomen – doch die adäquate Lösung fehlt. Prof. Dr. Gordon Heringshausen von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin legte in seinem Vortrag zum Fachkräftemangel im Rettungsdienst den Finger in die Wunde. Aus Sicht der Rettungsdienstanbieter zeigte der Professor für Gesundheitswissenschaften und ausgebildete Notfallsanitäter mögliche Handlungsoptionen für Arbeitgeber im Rettungsdienst auf. „Die aktuellen Fachkräfteengpässe und der zu erwartende Mangel an Personal sind für viele Leistungserbringer existenzbedrohend“, machte er deutlich. „Man nähert sich Schritt für Schritt zusehends der Katastrophe in der Sicherstellung der rettungsdienstlichen Versorgung in Deutschland.“ Erschwert würden die Bedingungen durch den demografischen Wandel. Heringshausen sieht daher eine mögliche Lösung in der systematischen Personalentwicklung. „Perspektiven für die Notfallversorgung erfordern eine zieldienliche Personalentwicklungsstrategie“, betonte der Professor. Das sei Führungs- und Zukunftsaufgabe. „Wir müssen in die Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter im Rettungsdienst investieren, um sie langfristig halten zu können.“

Telemedizin – „ärztliche Expertise on demand“
„Die Telemedizin wird sich in wenigen Jahren dauerhaft etablieren“, ist Dr. Daniel Overheu, Ärztlicher Leiter Telemedizin an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Oldenburg AöR, überzeugt. Doch ein Problem sieht der Arzt in der Ausbildung: „Eine offizielle Ausbildung für Telemediziner gibt es nicht. Den Trend hat man in der deutschen Ärzteschaft eindeutig verschlafen“, brachte er es auf den Punkt. Im Dezember 2018 wurde die Berufsordnung der Ärzte in Niedersachsen dahingehend geändert, dass eine Fernbehandlung möglich wird. Die Telemedizin-Zentrale am Klinikum Oldenburg sieht sich als Pionier auf diesem Gebiet. Jetzt, wo das Fernbehandlungsverbot aufgehoben wurde, müssten nach Overheu Ärzte intensiv darauf vorbereitet werden mit der EDV-Technik umzugehen und entsprechende Softskills zu entwickeln. Den Landarzt kann die Telemedizin dennoch nicht komplett ersetzen.

Im Juli 2018 startete das Zentrum für Telemedizin am Klinikum Oldenburg in Kooperation mit den Johannitern in den Städten Delmenhorst, Lemwerder und Ganderkesee ein Pilotprojekt mit bundesweitem Vorbildcharakter zur telemedizinischen Unterstützung des hausärztlichen Bereitschaftsdienstes. Das „Projekt 116117 - neues Versorgungsmodell für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst mit telemedizinischer Unterstützung von Gesundheitsfachkräften“ soll den Rettungsdienst und die Notfallambulanzen langfristig entlasten. 
„Wir verwenden dieses Konzept und Gerät bereits erfolgreich zum Beispiel in der Offshore-Rettung“, sagt Overheu, der das Projekt verantwortet. Aufgrund der großen Entfernungen zu den Offshore-Windparks in der Nordsee würde es zu lange dauern und zu teuer sein, wegen nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen einen Mitarbeiter an Land zu holen. Stattdessen untersucht eine Gesundheitsfachkraft der Johanniter den Patienten, konsultiert den Arzt im Klinikum Oldenburg und veranlasst die weitere Behandlung.

Gemeindenotfallsanitäter für „Nicht-Notfälle“: ein erster Schritt zur Entlastung der Notfallrettung?
Die Innovationen im Bereich Rettungsdienst machen sich in Oldenburg auch durch den Einsatz von Gemeindenotfallsanitätern bemerkbar. Wenn keine lebensbedrohliche Erkrankung besteht und die 112 angerufen wir, kommt der Gemeindenotfallsanitäter in die Häuslichkeit. Sollte dennoch ärztlicher Rat vonnöten sein, kann er einen Facharzt per Telemedizin aus dem Klinikum Oldenburg hinzuschalten. „Der Gemeindenotfallsanitäter macht die Schnittstelle zur Nahtstelle“, betonte Stefan Thate, Leiter Rettungsdienst der Stadt Oldenburg, beschäftigt bei der Berufsfeuerwehr. Durch eine spezielle Weiterbildung in der ambulanten Versorgung kann auf verschiedene Lösungsoptionen zurückgegriffen werden. Alles mit dem Ziel, dem Missbrauch der 112 entgegenzuwirken und den Rettungsdienst von so genannten Bagatellfällen zu entlasten. „Der Gemeindenotfallsanitäter ist für Einsätze unterhalb der Notfallschwelle gedacht“, so Thate. Er sei der Lotse vor Ort in der ambulanten Notfallversorgung. Das Projekt Gemeindenotfallsanitäter wird bundesweit einmalig an den Standorten Stadt Oldenburg, in den Landkreisen Vechta, Cloppenburg und Ammerland durchgeführt.

Virtuelle Realitäten als Schulungsoption
Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) müssen die beteiligten Einsatzkräfte ganz genau wissen, was zu tun ist. Die Sichtung dient dem effektiven Einsatz von Rettungskräften. Dr. Andreas Flemming, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Hannover, gab zur Thematik „Spezielle Einsatzlagen“ einen Einblick in das Sichtungstraining bei einem MANV. Virtuelle Realitäten seien ein guter, moderner Lösungsansatz, um Berufsanfänger auf den Ernstfall vorzubereiten. Bei der „Virtual Reality“ handelt es sich um Echtzeit-Darstellungen von realen und fiktionalen Umgebungen. „Damit schaffen wir eine authentische Lernumgebung, die Verräumlichung bietet, vielfältige Sinneskanäle bedient und personale Präsenz ermöglicht. Entweder durch die ‚Ich‘-Perspektive oder durch einen Avatar (virtuelle Figur).“ Der besondere Vorteil liege laut Flemming darin, in einem sicheren Umfeld zu trainieren, das komplexe und veränderbare Umgebungen bietet. Dieses interaktive Sichtungstraining ist bereits in der Ausbildung der Rettungsmediziner und leitenden Notärzte im hannoverschen Kurskonzept integriert.

Aus der Praxis für die Praxis
Abgerundet wurde das Vortragsprogramm durch drei interaktive Fallbeispiele und sieben Workshops. Thematisiert wurden in den Fallbeispielen Kindlicher Ertrinkungsunfall (Dr. Hans-Peter Reiffen), „Mein erster Tag als Telenotarzt“ (Dr. Daniel Overheu) sowie Herz und Rückenschmerz (Dr. Kai Kirchhoff). Die Workshops behandelten Themen wie Taktische Medizin bei Schuss- und Stichverletzungen, Change Management im Rettungsdienst oder Atemwegsmanagement.

Das Hannoversche Notfallsymposium
Die Fortbildungsveranstaltung für Notärzte und Fachleute aus Rettungsdienst, Notfallvorsorge und Intensivmedizin wird jährlich von der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen veranstaltet. Vorläufer war eine regionale Veranstaltung (seit 1992), die ab 1998 Schritt für Schritt zum nationalen Fachsymposium – auch durch die Zusammenarbeit mit der MHH – weiterentwickelt wurde. Die in Kooperation mit den Kliniken für Anästhesiologie und Intensivmedizin und der Klinik für Unfallchirurgie organisierte Fachtagung zeichnet sich durch hochkarätige Referenten und ein breit gefächertes Programm aus aktuellen Themen und praxisnahen Workshops aus. Zusätzlich können sich die Teilnehmer bei den mehr als 30 Aussteller aus dem Bereich der Medizinprodukte und -geräte über Produktneuheiten, Dienstleistungen oder Studiengänge für ausgebildete Notfallsanitäter informieren.

Das nächste Hannoversche Notfallsymposium findet am 19. und 20. Juni 2020 im Rahmen der INTERSCHUTZ statt.

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