Johanniter-Lesehunde Oberfranken

Vorlesen in entspannter Atmosphäre: Der Lesehund hört ruhig und geduldig zu.
Vorlesen in entspannter Atmosphäre: Der Lesehund hört ruhig und geduldig zu.

Wer liest, weiß mehr. Lesen erweitert den Horizont und ist die Voraussetzung, um sich Wissen anzueignen. Gerade für Schulanfänger ist es eine der spannendsten Reisen überhaupt, Schritt für Schritt zu erfahren, was sich hinter den Buchstaben verbirgt. Doch nicht alle tun sich leicht damit: Vor allem lautes Vorlesen fällt vielen Kindern schwer – vor der Lehrerin oder dem Lehrer, den Mitschülerinnen und Mitschülern, den Eltern, die vielleicht ungeduldig werden, Fehler anmahnen oder sich lustig machen. Wie schön wäre es da, einen Zuhörer zu haben, der wirklich nichts anderes tut, als geduldig zu lauschen! Das Projekt Lesehunde der oberfränkischen Johanniter will genau das für kleine Leser möglich machen: Lesehunde sollen den Kindern die Angst nehmen und ihnen helfen, besser lesen zu lernen.

Das Projekt Lesehunde ist ein Angebot für Kinder, das im Februar 2018 mit der ersten Ausbildung für Hunde und Hundehalterinnen und ‑halter gestartet ist. Seit Januar 2019 sind die ersten Lesehundeteams an Schulen in der Region im Einsatz. Das ehrenamtliche Projekt bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, gemeinsam mit einem Lesehund positive Leseerfahrungen zu machen, Lesen zu lernen oder (wieder) Freude am Lesen zu finden. Unsere Lesehundeteams besuchen jede Woche zu festgelegten Terminen „ihre“  Schule. Dort lesen die Kinder, die vorab von den Klassen-/Schulleiterinnen und ‑leitern aufgrund des Förderbedarfes ausgewählt wurden, dem Lesehund jeweils 20 Minuten vor – in einem speziellen Leseraum oder einem anderen geeigneten ruhigen Raum. In diesen 20 Minuten können die Schülerinnen und Schüler „ihrem“ Lesehund eine Geschichte vorlesen, die auf ihre Lesefähigkeiten zugeschnitten ist. Dabei konzentriert sich das Kind ganz auf den Hund, vergisst seine Umgebung und entspannt sich. Es fürchtet sich nicht und spürt keinen Druck, sondern erlebt Freude beim Lesen. Durch die regelmäßigen Begegnungen wird der Lesehund zum vertrauten Gegenüber. Das Kind gewinnt Selbstvertrauen und kann in einer geschützten Atmosphäre auf spielerische Art und Weise seine Lesefähigkeit verbessern.

Viele Studien zeigen, dass der Kontakt von Menschen und Tieren mit einer Reihe von positiven Effekten verknüpft ist. Zu diesen Effekten gehören zum Beispiel die Reduktion von Angst und Furcht, größere Ruhe, die Reduktion von Aggressionen und Stress sowie eine verbesserte Lernfähigkeit. Inzwischen wird der Einsatz von Lesehunden auch wissenschaftlich untersucht. So zeigt eine Studie der Universität Rostock zum Thema „Lesen mit Hund“, dass Stressfaktoren abnehmen, wenn Kinder einem Therapiehund vorlesen. Der Lernprozess wird positiv beeinflusst, der Lesehund bewirkt Entspannung und Sicherheit. Diese positive Motivation sorgt dafür, dass die Kinder wieder angst- und damit auch stressfrei (vor-)lesen und auch wieder mehr am Unterricht teilnehmen.

Ein Lesehundteam besteht aus einem Lesehund und einer ehrenamtlichen Lesehundbegleitung. Bevor die Teams in Schulen eingesetzt werden, durchlaufen die Hunde einen Wesenstest. Dabei wird zum Beispiel getestet, wie sie auf laute Geräusche reagieren, was passiert, wenn sie bedrängt werden, und ob sie die wichtigsten Grundbefehle kennen. Daran schließt sich eine theoretische und praktische Ausbildung für die Hundehalterinnen und ‑halter und ihre Hunde an (3-Tages-Seminar). So wird sichergestellt, dass nur kinderliebe und geeignete Hunde an die Schule geschickt werden und die Teams gut auf ihre Aufgabe vorbereitet sind.

Während der Leseeinheiten ist die Rolle der Hundehalterinnen und ‑halter klar definiert: Die Interaktion findet alleine zwischen Kind und Lesehund statt, die Hundebegleitung ist nur dabei, um Fragen zu beantworten, kleine Hilfsimpulse zu geben oder um das Kind zu loben, wenn es „seine“ Geschichte vorgelesen hat. Aus Tierschutzgründen sind die Lesehunde maximal eine Stunde pro Tag im Einsatz, um den Hund nicht zu überfordern. In den Schulen werden die Kinder 1 : 1 betreut, das heißt, an den Leseeinheiten nimmt jeweils nur ein Kind teil, ein Hund kann also maximal drei Kindern pro Tag „zur Verfügung stehen“.

Unser Ziel ist es, bei Kindern, die beim Lesen unsicher sind oder Angst vor dem Lesen haben, die Freude und das Interesse am Lesen (wieder) zu wecken und letztlich die Lesekompetenz zu steigern: Je mehr Kinder lesen, desto besser lesen sie, und umgekehrt. Umso wichtiger ist es, die Lust am Lesen (wieder) zu entfachen.