"Wenn wir Glück haben, erreichen unsere Kinder die Pubertät"

Meckelfeld, 09. Mai 2018

Kümmert sich um den zweieinhalbjährigen Vincent: Johanniter Bernd Lingsteding. Foto: Sonja Schleutker-Franke

13 Uhr. Feierabend für Bernd Lingsteding in Meckelfeld. Der Fahrer bei den Johannitern im Regionalverband Harburg tauscht seinen weißen Johanniter-Bus gegen seinen Privatwagen und fährt zu seiner Familie nach Hausbruch. Hier wartet seine Lebensgefährtin Birte Wiebeck auf ihn. Da das Paar keine eigenen Kinder bekommen kann, hat es sich dazu entschieden, zwei Pflegekinder aufzunehmen.

Besondere Kinder: "Unsere Kinder sind schwerstbehindert und nur begrenzt lebensfähig. Wenn wir Glück haben, erreichen sie die Pubertät", sagt Lingsteding. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, diesen Kindern eine Chance zu geben. "Kein Kind soll in einem Heim sterben", sagt Birte Wiebeck. Zweieinhalb Jahre und sechs Monate alt sind die beiden Kinder. Sprechen oder laufen werden beide nie lernen.

Zeit mit den Kindern – ganz besonders wertvoll

Die Zeit, die ihm mit seinen beiden Pflegekindern bleibt, möchte Lingsteding nutzen. Deshalb hat er bei den Johannitern ein Jahr Elternteilzeit beantragt. Für diesen Schritt habe er viel positives Feedback von Kollegen erhalten. Seit Kurzem arbeitet der 53-Jährige nur noch 30 Stunden in der Woche. "So bin ich schon um 13.30 Uhr zu Hause, wenn Vincent aus dem Integrationskindergarten nach Hause kommt und wir können die Zeit als Familie nutzen." Zeit – ganz besonders wertvoll für Birte Wiebeck und Bernd Lingsteding.

"Andere Eltern denken in anderen zeitlichen Dimensionen – dass ihre Kinder später in der Schule nicht gemobbt werden und keine Drogen nehmen. Für uns zählt, dass unsere Kinder am Leben bleiben und möglichst wenig Schmerzen dabei haben", sagt Birte Wiebeck. Unterstützt werden sie von einem Pflegedienst, der rund um die Uhr mit in der Wohnung ist.

Ein schmerzlicher Verlust

Einen schmerzlichen Verlust musste das Paar bereits verkraften. Im November 2017 starb Pflegekind Kiara im Alter von acht Jahren. Das blonde Mädchen war der Grund, weshalb sich das Paar vor fünf Jahren überhaupt kennenlernte: "Ich habe damals schon im Fahrdienst gearbeitet und habe Kiara jeden Tag vom Integrationskindergarten abgeholt und nach Hause zu Birte gefahren", erinnert sich Lingsteding. Aus den kurzen Gesprächen an der Haustür wurde bald mehr – inzwischen sind die beiden seit vier Jahren ein Paar.

Dass Lingsteding mal im Fahrdienst der Johanniter arbeitet, war so nicht geplant. Seine große Leidenschaft ist das Backen. Schon als kleiner Junge fragte er seinen Uropa Löcher in den Bauch, wo denn die Brötchen herkommen. "Irgendwann ist er mit mir dann mal frühmorgens in eine Backstube gegangen. Das Handwerk hat mich sofort fasziniert." Doch als er von den Arbeitszeiten hört, entscheidet er sich nicht für eine Bäcker- sondern für eine Konditorlehre. "Da musste man nicht schon um 2 Uhr, sondern erst um 5 Uhr aufstehen", erzählt er lachend.

Das Aus für seinen Traumberuf

Die Arbeit macht dem gebürtigen Harburger unglaublich viel Spaß. Alles läuft perfekt, wäre da nicht dieser ständige Husten, der vor allem auftritt, wenn Lingsteding in der Backstube arbeitet. Ein Lungenfacharzt bringt 1989 mit einer vernichtenden Diagnose das Aus für seinen Traumberuf: "Ich hatte eine Mehlallergie entwickelt. In einer Bäckerei konnte ich nicht mehr arbeiten."

In dieser Zeit hatte er bereits angefangen, ehrenamtlich für die Johanniter zu arbeiten. "Damals war unser Verband im Aufbau. Ich habe quasi alles mal gemacht: Feldküche, Ausbildung, Fahrdienst, Sanitätsdienste." Der Fahrdienst war aber das, was ihn am meisten faszinierte, weil er täglich mit so vielen Menschen zu tun hat: "Ich fahre Kinder im Landkreis Harburg in die Schule, Erwachsene zur Arbeit und Senioren zur Tagespflege – kein Tag ist wie der andere. Und das macht den Beruf so spannend", sagt Lingsteding. Bei seiner Arbeit profitiert er davon, dass ihn seine Pflegekinder gelehrt haben, auch in Krisensituationen ruhig zu bleiben und sich nicht stressen zu lassen. Die Pflege der Kinder kostet das Paar viel Zeit und Kraft: "Aber wir bekommen so viel von ihnen zurück", sagt Lingsteding und blickt dabei liebevoll seine Lebenspartnerin an.

Mehr Informationen zu den Karrieremöglichkeiten bei den Johannitern gibt es unter:
www.besser-für-alle.de

Pressestelle: Sonja Schleutker-Franke

Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Regionalverband Harburg
Am Saal 2
21217 Seevetal