Viel Luft nach oben!

Leipzig, 22. September 2017

Wilma Bär

Wir Johanniter möchten bei sozialen Defiziten nicht nur die Feuerwehr spielen und haben deshalb ein Positionspapier  zur Bundestagswahl erarbeitet. Wo es besonders brennt, beschreibt Wilma Bär, Landesvorstand der Johanniter in Sachsen, im Interview:

Im aktuellen Positionspapier haben sie neun Problemfelder identifiziert. Welches ist in Sachsen das brennendste?

Wilma Bär: Gerade in den sächsischen Metropolen ist das Thema Kinderbetreuung das Aufreger-Thema. Wir wollen gebührenfreie Kitas für alle, in denen Chancengleichheit tatsächlich gelebt wird. Natürlich haben wir mit dem Rechtsanspruch auf Betreuung viel erreicht. Dieser Anspruch lässt aber keine Kindergärten aus dem Boden wachsen. Hier müssen wir gemeinsam noch viel erreichen.

Wo klemmt es im Detail?

Wilma Bär: Gott sei Dank entstehen viele neue Kindertageseinrichtungen, was den Druck auf die Eltern in der Zukunft hoffentlich etwas dämpfen wird. Mit den neuen Kitas benötigen wir auch mehr Erzieher. Viele junge Menschen schrecken die Rahmenbedingungen im Erzieherberuf ab. Es gibt einen schwer überschaubaren Flickenteppich an Landesregelungen. Weder Ausbildung noch Abschlüsse sind bundesweit einheitlich geregelt. Wir verlangen von den Menschen Flexibilität, geben aber keine Garantie, wie die jeweilige Qualifikation in anderen Bundesländern anerkannt ist. Beispiel: Als Sozialassistent – mit zweijähriger Ausbildung – darf man beispielsweise als Erzieher in Baden-Württemberg arbeiten, in Sachsen oder Thüringen wird kaum jemand mit diesem Abschluss eingestellt.

Und dann ist die Ausbildung einfach zu lang. In den meisten Bundesländern – wie Sachsen – muss man fünf bis sechs Jahre einplanen, bis man nach der Schulausbildung in einer Kindertagesstätte als Erzieher arbeiten kann. Entweder ich erlerne vorher einen sozialen Beruf oder ich muss mich zum Kinderpfleger beziehungsweise Sozial-Assistenten ausbilden lassen, bevor ich die dreijährige Ausbildung durchlaufen darf.

Obwohl alle Parteien Betreuung und Bildung als zentrale Themen in den Wahlprogrammen haben, stimmen die Rahmenbedingungen einfach nicht. Im Detail passiert aber immer noch zu wenig.

Wie kann die Lösung aussehen?

Wilma Bär: Das ist komplex. Fest steht aber: Wenn wir den Erzieherberuf attraktiver machen möchten, muss es bundeseinheitliche Regelungen geben. Das gilt für die Anbieter der Ausbildung, für die Zugangsvoraussetzungen der Ausbildung und für den einheitlichen Abschluss mit vergleichbaren Standards sowie angepassten Tarifen. Kurz gesagt stellt sich die Frage: Muss Kultus tatsächlich in allen Belangen Ländersache sein?

Als Johanniter beobachten wir außerdem: Werden Dienstleistungen der Daseinsvorsorge ausgeschrieben, ist der Preis meist das wichtigste Argument für den Zuschlag. Wir möchten aber faire Gehälter zahlen, in motivierte und qualifizierte Mitarbeiter investieren. Das geht nur, wenn Entlohnung und gesellschaftlicher Stellenwert stimmen. Der Erzieherberuf ist einer der wichtigsten. Hier werden die Weichen für individuelle Karrieren gestellt, hier entscheidet sich, ob Deutschland als Wissensstandort mit klugen Köpfen zukunftsfähig ist. Tun wir nichts, setzen wir das aufs Spiel.