Trauerphasen nach Verena Kast

Um sich selbst in der eigenen Trauer oder andere trauernde Menschen besser verstehen zu können, ist es gut, Grundsätzliches über die Trauer und ihre Phasen zu kennen:

Trauerphasen nach Verena Kast

Das folgende Modell der Trauerphasen wurde von der Schweizer Psychologin Verena Kast entwickelt und gilt als eine der wichtigsten Grundlagen für das Verständnis der Trauerprozesse.


Jedes prozesshafte Geschehen ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass es einen klaren Beginn und ein klares Ende hat. Der Beginn des Trauerprozesses ist der Verlust des geliebten Menschen. Wie dieser Beginn im Einzelfall abläuft, ist oft entscheidend für den weiteren Verlauf der Trauer.


Das Ende des Trauerprozesses ist durch eine Neuorientierung des gesamten Lebensgefüges zu sehen. Wie lange das Trauergeschehen dauert, ist ganz unterschiedlich, auch die Dauer der einzelnen Phasen kann völlig variieren. Art und Dauer des Trauerprozesses werden von der Persönlichkeit des Trauernden, von den Umständen des Todes und der Beziehung zum Verstorbenen bestimmt.

1. Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Der Tod eines Menschen schockiert immer, auch wenn er nicht unerwartet kommt. Auf einmal ist alles anders. Verzweiflung, Hilf- und Ratlosigkeit herrschen vor. Das Geschehene wird noch nicht erfasst, man leugnet es ab, man kann und will es nicht glauben.
Viele Menschen sind wie erstarrt, verstört und völlig apathisch. Andere geraten außer Kontrolle, brechen zusammen.
Der Tod hat etwas Überwältigendes, der Schock sitzt tief.
Körperliche Reaktionen: rascher Pulsschlag, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen, motorische Unruhe.
Diese Phase kann wenige Stunden bis – vor allem bei plötzlich eingetretenen Todesfällen - mehrere Wochen dauern.

 

Mögliche Hilfen in dieser Phase

 

  • Alltägliche Besorgungen übernehmen
  • Trauernde dort unterstützen, wo sie überfordert sind
  • Hilfestellung bei Regelungen, die im Zusammenhang mit dem Todesfall stehen
  • Trauernde nicht allein lassen
  • Trauernde in ihren Reaktionen nicht bevormunden
  • Da-Sein, ohne viel fragen
  • Alle Gefühle der Trauernden zulassen: alles darf sein!
  • Die scheinbare Empfindungslosigkeit, das Fehlen der Tränen, die Starre aushalten
  • Wärme, Mitgefühl vermitteln
  • Die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen, wenn es angebracht und  notwendig erscheint

2. Trauerphase: Aufbrechende Emotionen

Gefühle bahnen sich nun ihren Weg. Leid, Schmerz, Wut, Zorn, Freude, Traurigkeit und Angst können an die Oberfläche kommen. Je nach der Persönlichkeitsstruktur des Trauernden herrschen verschieden Gefühle vor. „Warum musste es ausgerechnet mich treffen?“ oder „Womit habe ich das verdient?“ Das sind Fragen, die sehr leicht aufkommen. Man schreit seinen Schmerz heraus, Wut und Zorn entstehen gegen Gott und die Welt. Aber auch gegen den Toten werden Vorwürfe gerichtet: „Wie konntest du mich nur im Stich lassen?“ oder „Was soll nun aus mir werden?“ Diese aggressiven Gefühle können sich aber auch gegen einen selbst richten: „Hätte ich nicht besser aufpassen müssen?“ oder „Hätte ich das Unglück nicht verhindern können?“
Als Folge davon entstehen Schuldgefühle, die den Trauernden quälen.
All diese Gefühle, die zu diesem Zeitpunkt über einen hereinbrechen, sollte man keineswegs unterdrücken. Sie helfen dem Trauernden, seinen Schmerz besser zu verarbeiten.
Werden sie jedoch unterdrückt, so können diese Gefühle viel zerstören, sie führen dann nicht selten zu Depressionen und Schwermut.
Die Dauer dieser Phase lässt sich nur schwer abschätzen, man spricht etwa von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten.


Mögliche Hilfen in dieser Phase

 

  • Gefühlsausbrüche zulassen, da sie heilsam sein können
  • Ausbrüche von Wut und Zorn gehören ebenso wie depressive Stimmungen und Niedergeschlagenheit zum Vorgang des Trauerns
  • Nicht von ungelösten Problemen, Schuld und Konflikt ablenken
  • Ablenken fördert nur das Verdrängen, was zu einer Verzögerung des Trauerprozesses führen kann
  • Probleme aussprechen lassen
  • Schuldgefühle nicht ausreden, aber auch nicht bekräftigen, sondern schlicht zur Kenntnis nehmen
  • Am Erleben und Erinnern des Trauernden Anteil nehmen
  • Da-Sein, Zuhören
  • Anregungen für alltägliche Hilfen (z.B. Tagebuch schreiben, Malen, Musikhören, Spazieren gehen, Entspannungsübungen, Bäder,...) geben
  • Eigene „Geschichten“ zurückhalten
  • Keine Interpretationen oder wertende Stellungnahmen geben

3. Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen

Auf jeden Verlust reagieren wir mit Suchen. Was wird eigentlich in der Trauer gesucht? Zum einen der reale Mensch, das gemeinsame Leben, gemeinsame Orte mit Erinnerungswert. Auch in den Gesichtern Unbekannter wird nach den geliebten Gesichtszügen gesucht. Gewohnheiten des Verstorbenen werden übernommen.
Gemeinsame Erlebnisse sollen Teile der Beziehung retten und werden gleichsam als „Edelsteine“ gesammelt. Dies erleichtert die Trauer. In inneren Zwiegesprächen wird eine Klärung offener Punkte möglich, kann Rat eingeholt werden.
Durch diese intensive Auseinandersetzung entsteht beim Trauernden oft ein starkes Begegnungsgefühl. Das ist unheimlich schmerzhaft und unendlich schön zugleich!
Im Verlaufe dieses intensiven Suchens, Findens und Wieder-Trennens kommt einmal der Augenblick, wo der Trauernde die innere Entscheidung trifft, wieder ja zum Leben und zum Weiterleben zu sagen oder aber in der Trauer zu verharren.
Je mehr gefunden wird, was weitergegeben werden kann, umso leichter fällt eine Trennung vom Toten. Dieses Suchen lässt aber auch oft eine tiefe Verzweiflung entstehen, weil die Dunkelheit noch zu mächtig ist. Suizidale Gedanken sind in dieser Phase relativ häufig.
Diese Phase kann Wochen, Monate oder Jahre dauern.

 

Mögliche Hilfen in dieser Phase

 

  • Alle Erlebnisse der Vergangenheit dürfen ausgesprochen werden – 
    keine Zensur!
  • Akzeptieren, dass immer wieder in den verschiedensten Formen 
    „gesucht“ wird
  • Geduld
  • Zuhören – auch wenn man die Geschichten alle schon kennt
  • Gefühle ernst nehmen, die durch Erinnerungen oder Erzählungen 
    wieder auftauchen
  • Phantasien zulassen, die den Tod des Verstorbenen bezweifeln – 
    ohne selbst mit zu phantasieren
  • Bei suizidalen Äußerungen kontinuierlich begleiten
  • Zeit lassen
  • Kein Drängen auf Akzeptieren des Verlustes
  • Unterstützung bei Ansätzen der Neuorientierung

4. Trauerphase: Neuer Selbst- und Weltbezug

Nachdem man seinen Schmerz herausschreien durfte, anklagen und Vorwürfe machen durfte, kehrt allmählich innere Ruhe und Frieden in die Seele zurück. Der Tote hat dort seinen Platz gefunden.

Langsam erkennt man, dass das Leben weitergeht und dass man dafür verantwortlich ist. Es kommt die Zeit, in der man wieder neue Pläne schmieden kann. Der Trauerprozess hat Spuren hinterlassen, die Einstellung des Trauernden zum Leben hat sich meist völlig verändert.
Der Verstorbene bleibt ein Teil dieses Lebens und lebt weiter in den Erinnerungen und im Gedenken.

 

Mögliche Hilfen in dieser Phase 

 

  • Dazu beitragen, dass der Trauernde auch den Begleiter 
    loslassen kann
  • Akzeptieren, dass man so nicht mehr gebraucht wird
  • Eigene „Bedürftigkeit“, helfen zu müssen, überprüfen 
    (Helfer-Syndrom!)
  • Veränderungen im Beziehungsnetz des Trauernden begrüßen 
    und unterstützen
  • Neues akzeptieren
  • Sensibel bleiben für Rückfälle
  • Gemeinsame Formen suchen, die Trauerbegleitung behutsam 
    zu beenden oder umzugestalten

Zusammenfassung

Jedes Trauergeschehen kann je nach der Ausgangssituation unterschiedlich verlaufen. Dies muss bei der Begleitung Trauernder berücksichtigt werden. Es gibt nicht das „eine“ typische Gefühl, die „eine“ typische Reaktion. Vielmehr verlangt Trauerbegleitung ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Offenheit und Flexibilität. Gerade in einer Zeit, in der Trauerrituale immer mehr verschwinden, die Unsicherheit  im Umgang mit Trauernden steigt und die Gefahr der Isolation Trauernder in der Gesellschaft ständig zunimmt.

Quelle: Monika Specht-Tomann, Doris Tropper, Zeit des Abschieds, Sterbe- und Trauerbegleitung, Düsseldorf, Patmos 1999      

Bei Kindern gibt es ähnliche Abläufe der Trauerphasen

  1. Die Schockphase oder Nicht-Wahr-haben-Wollen
  2. Kontrollierte Phase
  3. Regression
  4. Adaption
     

Mit Kindern über den Tod sprechen - Altersspezifisches Verständnis von Sterben und Tod, allgemeine Gedanken zum Gespräch mit Kindern über den Tod.

Quelle: Dafür bist Du nicht zu klein.... Mit Kindern über den Tod sprechen. Altersentsprechende Entwicklung des Todeskonzeptes beim gesunden Kind
nach Wintsch, Wittkowski, Zengaffinen, Löble

 

neun Monate bis ein Jahr

Verlust und Trennungsangst schlagen sich in symbolisierten Riten des “Da/Nicht-Da” Spielens nieder.
Weg sein und tot sein ist gleichbedeutend.
Das Kind im nichtsprachlichen Stadium erkennt zwar nicht den Tod, es erkennt aber die Abwesenheit eines Menschen.
Das Kind erlebt in dieser Zeit einen Verlust ausschließlich durch traurige Stimmung und Gefühle.
Möglich ist die Unterscheidung zwischen belebt und unbelebt.

 

ein Jahr bis drei Jahre

Das Kind kann noch sehr wenig oder gar nichts mit dem Begriff Tod anfangen. Es reproduziert aber sehr früh Verlust und Tod (Streichholz anzünden, um es dann ganz schnell wieder auszublasen).
Die Endgültigkeit des Todes wird nicht erfasst (Rollenspiele, z.B. nach Verkehrsunfällen: Du bist jetzt schnell tot, nachher aber bist du wieder lebendig).
Die Beobachtung von belebt und unbelebt wird ausgedehnt.


vier Jahre
Das Kind gewinnt langsam eine gewisse Vorstellung vom Tod. Es benutzt das Wort; die entsprechende Empfindung dazu aber fehlt noch.
Kinder in diesem Alter nehmen noch nicht an, dass sie selbst einmal sterben müssen.
Die Beobachtung von belebt und unbelebt wird ausgedehnt.
Das Kind konfrontiert den Tod in rituellen Spielen (Indianer, Krieg, ...).
Auch Getier wird verfolgt und oft grausam gequält und getötet.

=> Es ist wichtig, die Wünsche des Kindes nach Kreativität zu unterstützen, seine Neugierde nach Erfahrungen und Wissen über Tod und Leben zu befriedigen. Ebenso wichtig sind Gespräche, die das Kind für die Gefühle und Rechte anderer Lebewesen sensibilisieren.

 

drei bis fünf Jahre
Dem Kind ist nicht klar, dass der Tod unvermeidlich ist. Im Gegenteil: Das Kind glaubt in einer “magischen Phase” den Tod durch bestimmte Verhaltensweisen vermeiden zu können (Verstecken!).
Einige Menschen müssen sterben (alte), die meisten aber nicht (junge Umwelt der Kinder).
Der Tod wird als vorübergehender Zustand (Reise oder Schlaf) angesehen.
Statt Nonfunktionalität glaubt das Kind an graduell abgestuftes Lebendigsein.
Äußere Gewalteinwirkung wird als Todesursache erlebt, innerorganische Ursachen noch nicht.


sechs bis acht Jahre
In diesem Alter beginnt die personifizierte Vorstellung vom Tod (Engel, Sensenmann, Skelett).
Kinder beschäftigen sich gern mit der Peripherie des Todes (Grab, Beerdigung).
Es tauchen jetzt Gefühlsreaktionen auf, die vom Kind auch bewusst erlebt werden (das Kind macht sich jetzt z.B. Gedanken, ob auch seine Mutter sterben könnte).
Gedankliche Verknüpfungen werden jetzt hergestellt (erlebtes Sterben im Krankenhaus => auf Krankenhaus folgt immer Sterben => Kind will nie ins Krankenhaus).
Das eigene Sterben wird noch (wissentlich) geleugnet/verdrängt. Mit ca. acht Jahren aber auch als eigenes Schicksal angenommen.
Das sachliche Interesse am Tod ist jetzt am größten.
Jetzt taucht die Frage nach dem, was nach dem Tod kommt, auf.


ab neun Jahren
Das Kind stellt die Beziehung zu logischen und biologischen Tatsachen her (kein Puls, keine Temperatur, keine Atmung => Tod!).
Das Kind richtet seine Aufmerksamkeit jetzt direkt auf den Tod, nicht mehr nur auf die Peripherie.
Ab neun Jahren nimmt parallel mit dem Bewusstsein, selbst älter zu werden und einmal sterben zu müssen, sein Interesse am Tod zu.
Der Tod wird als Strafe für alles Schlechte, was man getan hat, gesehen. Das Schlechte, das der Tote selbst getan hat, aber auch das Schlechte, das die trauernden Angehörigen getan haben. Somit könnte der Tod auch eine Strafe für die Fehler des Kindes sein!


ab ca. zwölf Jahren
Jugendliche ordnen den Begriff “Leben” Menschen, Tieren und Pflanzen zu. Sie können unterscheiden zwischen Formen des Lebens, dem eigenen Ich und der übrigen Realität.
Sie können die Endgültigkeit und die weitreichende, unausweichliche emotionale Bedeutung des Todes erkennen.
Alle wesentlichen Denkmuster, die auch die Erwachsenen haben, sind ihnen gedanklich zugänglich.
Abwehr und Unbehagen dem Tod gegenüber können sie rau formuliert zum Ausdruck bringen oder skeptisch sachlich als unausweichliches Ereignis am Lebensende konstatieren.