Lettland-Hilfe

Am 7. März 1991 startete der erste Hilfsgütertransport der Baltikum-Hilfe von Hamburg aus in die lettische Hauptstadt Riga. Mit einem SanGrKW und fünf ArztTrKW des Katastrophenschutzes transportierten 15 Johanniterinnen und Johanniter rund 4t Medikamente und Verbandstoffe, medizinische Geräte und eine Palette Apfelsinen für ein Kinderheim bei Daugavpils (Dünaburg) im Wert von insgesamt 650.000,- DM. Für den zweiten Hilfsgütertransport vom 21.07. bis 28.07.1991 waren bereits so viele Sachspenden zusammengekommen, daß neben den Fahrzeugen des Katastrophenschutzes vier zusätzliche Sattelzüge benötigt wurden. Bis zum Jahresende 1991 konnten die Krankenhäuser in den baltischen Staaten in insgesamt vier Transporten mit rund 262 t medizinische Hilfsgüter im Gesamtwert von ca. 9 Mio. DM unterstützt werden. Prof. Justus Frantz schrieb im September 1991 anläßlich des dritten Hilfsgütertransportes der Baltikum-Hilfe: “stellvertretend für die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. möchte ich Ihnen von ganzem Herzen für Ihre großartigen Leistungen für die Baltikum-Hilfe danken. Ich finde es großartig, daß erneut medizinische Hilfsgüter und Medikamente auf den Weg gebracht werden können, denn die Hilfe für das Baltikum darf kein einmaliges Strohfeuer sein, sondern muß eine langfristige Hilfe sein. In diesem Sinne grüße ich Sie alle sehr herzlich und wünsche dem Hilfsgüterkonvoi eine gute Fahrt und eine gesunde und glückliche Heimkehr.”

 

Suppenküche


Am 4. Dezember 1992 eröffneten die Johanniter im Rahmen der Baltikum-Hilfe in der Kr. Baronaiela in Riga eine Suppenküche für die Ärmsten der Armen. Harm Bastian Harms, Leiter der Baltikum-Hilfe, berichtete damals: “Am Eröffnungstag warteten die ersten Bedürftigen bereits gegen 9.00 Uhr bei Regen und Kälte auf ihren Teller warme Suppe. Als um 13.00 Uhr die Ausgabe der Sauerkrautsuppe begann, war die Schlange der Wartenden bereits so lang geworden, daß das Essen leider nicht für alle reichen konnte. Schwer fiel es, diejenigen, für die die Suppe nicht mehr reichte, nach Hause schicken zu müssen. Die gleichen Szenen wieder- holen sich seitdem von Tag zu Tag. Nirgends wird deutlicher, daß es nur knapp mehr als 1.000 km Luftlinie von uns entfernt Hunger gibt.”

 

Heute wird die Suppenküche von unserer lettischen Schwesterorganisation Sveta Jana Palidziba betrieben. Kurze Zeit nach der Eröffnung der Suppenküche wurde durch die Sveta Jana Palidziba in Riga zusätzlich ein Dienst “Essen auf Rädern” eingerichtet. Bedürftige, die aufgrund ihres hohen Alters oder eines Gebrechens nicht mehr selbst zur Suppenküche kommen können, erhalten ihre Portion Suppe täglich mit einem Fahrdienst nach Hause gebracht. Für viele dieser Menschen ist der Fahrer der lettischen Johanniter, der die Suppe bringt, die einzige Kontaktperson.


1993 wurde in Riga im Rahmen der Baltikum-Hilfe eine Apotheke eröffnet. In dieser Apotheke erhielten Bedürftige gegen Vorlage eines Rezeptes Arzneimittel zu einem symbolischen Preis, der geringer als die Kosten für eine Fahrkarte mit der Straßenbahn war. Die dafür eigesetzten Medikamente waren Sachspenden deutscher Ärzte und Pharmaunternehmen. Zwei Apothekerinnen mit deutschen Sprachkenntnissen gaben die Arzneimittel aus und berieten gleichzeitig Ärzte und Patienten über die Inhaltsstoffe und Anwendungsweise. Leider mußte die Apotheke für Bedürftige nach einigen Jahren segensreichen Wirkens aus rechtlichen Gründen geschlossen werden.


Während der ersten beiden Jahre der humanitären Hilfe für Lettland entstand eine gute Partnerschaft. So entstand in Lettland schon bald der Wunsch, nach dem Vorbild der deutschen Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. eine eigenständige
Hilfsorganisation zu gründen. Hierfür wurde der Name Sveta Jana Palidziba gewählt, der zu deutsch “Hilfe des heiligen Johannis” bedeutet. Eine direktere Übersetzung des deutschen Namens erlaubte die lettische Sprache nicht. Am 29.03.1993 fand in Riga die feierliche Gründung unserer lettischen Schwesterorganisation im Beisein von Hagen Graf Lambsdorff, dem ersten Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, und Wilhelm Graf von Schwerin, dem Präsidenten der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., statt.

 

Dr. Ivars Krastins, Präsident der Sveta Jana Palidziba, und Wilhelm Graf von Schwerin unterzeichneten den Partnerschaftsvertrag, der die Zusammenarbeit der beiden Hilfsorganisationen regelt. Prof. Rita Süssmuth, damalige Präsidentin des Deutschen Bundestages schrieb uns am 30. März 1993: “Ich freue mich und begrüße es sehr, daß nach über zweijähriger Zusammenarbeit nunmehr eine lettische Hilfsorganisation nach deutschem Vorbild ins Leben gerufen wird. Diese für die Menschen im Baltikum so wichtige Einrichtung ist ganz wesentlich Verdienst Ihrer Organisation.”


Dass die Hilfe per Konvoi auf dem Landweg von Hamburg nach Riga nicht ohne Risiko war, zeigte sich bei einem Unfall, der sich im Sommer 1992 mit zwei angemieteten Sattelzügen bei Lasdijai in Litauen ereignete. Seit dem Jahr 1993 transportieren wir alle Hilfsgüter für das Baltikum im wirtschaftlicheren, sicheren und auch weniger personalintensiven Ro/Ro-Verkehr über die Fährverbindungen von Travemünde nach Riga.


Um die Situation von Behinderten, die an einen Rollstuhl gebunden sind, zu verbessern wurde im Rahmen der Baltikum-Hilfe 1995 in Riga mit einer Kofinanzierung aus dem PHARE- Programm der EU ein Fahrdienst für Behinderte aufgebaut. Mit drei Spezialfahrzeugen ermöglicht die Sveta Jana Palidziba Behinderten in Riga seit dem Besuche beim Arzt oder Behörden sowie eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

 

Weiterhin haben wir im Rahmen der Baltikum-Hilfe in Riga eine Kleiderkammer für Bedürftige eingerichtet, die stark frequentiert ist. Das Hilfprojekt, das 2011 sein 20 jähriges Bestehen feiert, hat mehr Früchte getragen, als zu Beginn zu erwarten war. Die Schwesterorganisation der Sveta Jana Palidziba in Riga trägt sich heute nahezu selbst. Neben den weiter bestehenden Hilfsgütersendungen arbeiten die lettische Sveta Jana Palidziba und die Johanniter-Unfall-Hilfe heute auf mehreren Ebenen zusammen. So wurden Mitglieder der Sveta Jana Palidziba bei den deutschen Johannitern als Ausbilder in Erster-Hilfe geschult, so dass die Sveta Jana Palidziba offiziell Führerscheinbewerber in Riga und vier weiteren Rajons in Erster Hilfe ausbildet.


Bei den alle vier Jahre in Riga stattfindenden lettischen Sängerfesten haben deutsche und lettische Johanniter schon mehrmals gemeinsam den Sanitätsdienst durchgeführt. Auch im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit sind regelmäßige Aktivitäten im Rahmen der Lettland-Hilfe zu verzeichnen. Mit seinen Johanniter Kinderhäusern Quickelbü, Wilde 13 und Pusteblume organisierte der Hamburger Johanniter Aktionen, bei der die norddeutschen Kinder viele bunte Weihnachtspakete (Ende 2009) bzw. Ostergeschenke (Anfang 2010) für Kinder in Riga liebevoll und kreativ gebastelt, verpackt und diese Pakete anschließend bei heißem Kakao und Keksen auf dem Hof des Hamburger Auslandszentrums in Osdorf in die Transportgitterboxen verladen haben. Zum Weihnachsts- bzw. Osterfest wurden diese Geschenke im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung an verschiedene Kindergruppen der Sveta Jana Palidziba in Riga überreicht und von den kleinen Empfängern dankbar entgegengenommen.


Auch auf der Ebene der europäischen Projektaktivitäten findet heute eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Sveta Jana Palidziba statt. Sie ist gemeinsamer Partner in einem Konsortium von acht offiziellen Partnern des Projektes „e-self help - PC Lernspiel Enhancement of self help“, das im Rahmen des Förderprogrammes „Lebenslanges Lernen“ von der Agentur für Bildung, Kultur und audiovisuelles Lernen der Europäischen Kommission kofinanziert wird.