Kenia: Fluchtursachen auf der Spur (2)

Tag 2: Gesundheitsfürsorge im Flüchtlingscamp

Der zweite Tag steht ganz im Zeichen der Johanniter. Gleich zwei unserer Projekte stehen auf dem Programm der Reisegruppe: am Morgen wollen wir unser Krankenhaus mitten im Flüchtlingslager besuchen und nachmittags in ein 50 Kilometer entferntes Dorf fahren, wo wir die Bevölkerung beim Anbau von Mais und Hirse unterstützen. Alle Projekte in der Region Turkana setzen die Johanniter mit ihrer kenianischen Partnerorganisation AICHM um. AICHM hat ein eigenes Büro in Kakuma. Die Mitarbeiter kommen aus der Region und sprechen die Sprache Turkanas.

Das Krankenhausgelände macht einen freundlichen und gut organisierten Eindruck. Unter einem schattenspendenden Dach sitzen ungefähr 80 Menschen bei mindestens 35 Grad und warten auf ihre Behandlung. Heute finden neben der allgemein medizinischen Basisbehandlung auch Sprechstunden für Zahnmedizin und Augenheilkunde statt. Dieses Angebot gibt es einmal im Monat und steht allen Menschen offen, die im Lager und Siedlungen in der Nähe wohnen. Ich sehe neben der traditionellen Kleidung der Turkana-Frauen, die durch die bunten Halsketten besonders auffallen, auch viele muslimische Frauen mit Kopftuch. Einige Männer tragen Hüte mit Federschmuck und einem Stab, die traditionelle Kleidung der turkanischen Hirten. 

Wir dürfen bei einer Zahnarztbehandlung zusehen. Die Patientin, ein Flüchtling aus Somalia, bekommt eine Betäubung aus einer gläsernen Spritze, wie sie heute in Deutschland so nicht mehr eingesetzt würde. Wir sind alle etwas geschockt, aber die Frau wirkt erleichtert: sicher hatte sie vorher schlimme Zahnschmerzen. Eins wird deutlich: hier geht es nicht um Kosmetik. In Deutschland würde man eine Wurzelbehandlung durchführen, hier muss der Zahn raus. Mehr ist unter den Bedingungen nicht möglich. 

Ähnlich sieht es beim Augenarzt aus. Ein Mitarbeiter des Krankenhauses bestimmt mit Hilfe einer Buchstabentafel die ungefähre Dioptrien-Zahl, dann gibt es eine passende Lesebrille. Stolz erzählt mir der Augenarzt, dass sie hier im Krankenhaus auch kleinere Operationen am Auge vornehmen. Alles, wobei das Auge nicht aufgeschnitten werden muss. Als ich frage, wo diese Operationen stattfinden, zeigt er nach Draußen. Ich bin beeindruckt von der Arbeit: die Bedingungen im Flüchtlingscamp sind bestimmt nicht einfach und trotzdem wird hier so vielen Menschen täglich geholfen. Regelmäßig führen meine Kollegen diese medizinische Grundversorgung auch in den weit entfernt liegenden Dörfern durch. Oft die einzige Möglichkeit für die Menschen, sich überhaupt behandeln zu lassen.

Mittags geht es dann weiter. Mit vier Jeeps verlassen wir Kakuma und fahren ins Grenzgebiet. Eine gepflasterte Straße gibt es nicht. Wir sind Off-Road unterwegs. Plötzlich ändert sich der Boden. Es muss hier geregnet haben: der Boden verwandelt sich umso weiter wir kommen in eine einzige Schlammbahn. Drei Jeeps bleiben während der nächsten Stunden im Schlamm stecken und müssen mühsam und in Handarbeit befreit werden. Der Zustand der Straße wird immer schlimmer, zusätzlich ziehen auf einmal Regenwolken auf. Unsere Fahrer werden nervös: fängt es jetzt an zu regnen, kommen wir weder vorwärts noch rückwärts. Wir diskutieren lange und entscheiden dann: Es geht nicht anders, wir müssen umkehren. 

Noch auf dem Rückweg planen wir um: wir ziehen den Projektbesuch einer kleineren Gesundheitsstation der Johanniter vor und fahren direkt wieder ins Flüchtlingslager. Die Johanniter unterstützen die Station seit Mai 2014. Als wir gegen Nachmittag das Gelände erreichen, werden wir von Doris Alunda begrüßt. Die 32-jährige ist die medizinische Leiterin der Klinik. Ärzte gibt es hier nicht, sie werden nur bei kritischen Fällen dazu geholt.

 Es gibt nicht mehr viele Patienten. Während das Krankenhaus von heute Morgen rund um die Uhr geöffnet hat, schließt die Klinik gegen Abend. Nur die Geburtsstation ist 24 Stunden offen. Dort führt uns Doris hin. Zwischen 40 und 60 Kinder kommen hier pro Tag zur Welt. Eine beeindruckende Leistung, steht den Krankenschwestern doch nur ein Raum mit durch Plastikwände voneinander abgetrennten Liegen zur Verfügung. Nach der Entbindung können die Frauen mit ihren Säuglingen noch 24 Stunden in der Klinik bleiben. Eine von ihnen ist Nyalat.

Die 18-Jährige hat gerade eine kleine Tochter zur Welt gebracht. Nyalat ist mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus dem Südsudan geflohen, nachdem der Vater ermordet wurde. Seit vier Jahren lebt die Familie im Camp. Über den Vater ihrer kleinen Tochter mag sie nicht sprechen. Er ist nicht mehr da, wird sie beide nicht versorgen. Später berichtet mir Stationsleiterin Doris von den vielen Vergewaltigungen im Camp. Auf meine Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft sagt Nyalat sofort: Sie möchte weiter zur Schule gehen und Bankerin werden. In ihre alte Heimat möchte sie nicht zurück. Später sprechen Gladys, die Johanniter-Länderbüroleiterin in Kenia, und ich lange über das Erlebte: Die Flüchtlinge sind hier mit dem Nötigsten versorgt, aber die Perspektivlosigkeit dieser Menschen, die hier teilweise schon seit vielen Jahren leben, ist erdrückend.

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