Reise durch ein zwiespältiges Land - Teil 2

Jens Schwalb bereiste im Oktober 2017 unsere Projektregionen in Afghanistan. ©JUH

Wohin Afghanistan steuert, ist ungewiss. Attentate und Angriffe bewaffneter Gruppen zeugen von der äußerst instabilen Sicherheitslage in Afghanistan, Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur haben das Land in den vergangenen Jahren dagegen vorangebracht – auch durch das Engagement zahlreicher Organisationen. Mädchen und Frauen konnten nach dem Ende der Taliban-Regierung Freiheiten und Grundrechte zurückgewinnen,. dennoch dominieren vor allem auf dem Land zutiefst patriarchalische Verhältnisse. Ein Problem auch für den Erfolg der Projekte der Johanniter? Jens Schwalb, zuständiger Fachbereichsleiter für Afghanistan, reiste Anfang Oktober in das Land. Hier berichtet er über seine Erlebnisse in drei Teilen.

8. Oktober 2017 - Taloqán im Nordosten Afghanistans

Eine Hebammenausbildung wie hier in Masar-I Scharif soll auch in Taloqán beginnen. ©JUH

Ich fliege dorthin, wo viele Organisationen aus Sicherheitsgründen ihre Mitarbeiter bereits abgezogen haben. Kein beruhigendes Gefühl. Taloqán liegt rund 60 Kilometer östlich von Kunduz. Dort wollen wir in den kommenden Monaten 24 Frauen zu Hebammen ausbilden. Das haben wir bereits in den vergangenen Jahren in Mazar-i Scharif getan. Schwangere Frauen, die zu Stunden entfernten Gesundheitsstationen reisen müssen, sterben bei Komplikationen oft schon auf dem Weg dorthin. Ausgebildete Gemeindehebammen in den Dörfern sind dafür ein Lösungsansatz und deutliche Fortschritte konnten bereits erzielt werden: Während im Jahr 2002 nur 467 Hebammen landesweit tätig waren, konnte diese Zahl bis 2014 auf 4.600 erhöht werden. Der Gesamtbedarf wird jedoch noch immer auf 8.000 Hebammen geschätzt.

Ich besuche deshalb das Provinzkrankenhaus von Taloqán, in dem der praktische Teil der Ausbildung der Frauen zukünftig stattfinden soll. Es ist brandneu, gut eingerichtet und bietet die nötige Infrastruktur. Dabei treffe ich auf den Leiter des Hospitals. Er arbeitete früher als ärztlicher Mitarbeiter in einem Projekt der Johanniter. Einige Dinge wollen wir beim neuen Projekt ändern, die kontrovers klingen: Wir suchen geringer gebildete Frauen aus Dorfgemeinden, weil wir mit gut ausgebildeten Frauen das Projektziel verfehlen. Die Auswertung der ersten Ausbildungszyklen hatte gezeigt, dass eine zu gute Schulbildung als Voraussetzung einerseits den Bewerberinnenkreis extrem einengt. Andererseits kehrten viele Frauen nach der Ausbildung nicht mehr in ihre Dörfer zurück. Ihre Chancen auf einen guten Arbeitsplatz in einer Stadt waren aufgrund der Ausbildung deutlich gestiegen, oder sie war das Sprungbrett für ein medizinisches Studium. Gut für sie, aber schlecht für die Schwangeren in den Dörfern, wo Hebammen weiter fehlten.

Die Männer sind einverstanden, dass Frauen aus ihrer Gemeinde zu Hebammen ausgebildet werden. ©Vijay R./JUH

Außerhalb von Taloqán tief in den Tälern nahe der Grenze zu Tadschikistan, traf ich mich abermals mit Männern, um über die Gesundheit ihrer Frauen und Neugeborenen zu reden. Auch hier haben die Frauen kein Mitspracherecht, obwohl die Region von den ehemaligen Mujaheddin kontrolliert wird. Der afghanische Volksheld Ahmad Massoud leistete erbitterten Widerstand gegen die russischen Besatzer als auch gegen die Taliban und unterstützte demokratische Strukturen. Für eine Gleichberechtigung der Frau hat es jedoch auch hier nicht ganz gereicht. Statt eines weiblichen Gesprächspartners saß uns das Konterfei von Massoud auf einem Sofa gegenüber. Die afghanische Version des Che Guevara in einem Bilderrahmen.

Teil 1 noch nicht gelesen? Hier geht es nach Khost an der Grenze zu Pakistan, dem Beginn der Projektreise

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