Hunderttausende Venezolaner suchen Zuflucht in Kolumbien

Berlin / Medellín, 29. März 2018

Seit Jahren herrscht in Venezuela eine politische und wirtschaftliche Krise. Wichtige Waren und Lebensmittel sind kaum noch erhältlich, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft. Ein Exodus hat begonnen, hunderttausende Venezolaner haben ihr Land vor allem in Richtung der Nachbarländer verlassen. Die Johanniter-Auslandshilfe wird in Kolumbien mit Nahrungsmitteln und psychosozialer Betreuung helfen.

Bis zu 3000 Venezolaner überqueren täglich die Grenze nach Kolumbien, um einzukaufen oder gleich dort zu bleiben. Foto: Irinnews

Laut kolumbianischen Behördenangaben leben derzeit mehr als eine halbe Million Venezolaner in Kolumbien, rund 370.000 von ihnen halten sich ohne gültige Papiere im Land auf. Die Vereinten Nationen gehen sogar von mehr als einer Million Venezolanern in Kolumbien aus. Eine offizielle Zählung wurde seitens der kolumbianischen Regierung nach Ostern angesetzt. Die meisten Venezolaner sind in den vergangenen Monaten ins Land geströmt, um Hunger und Armut zu entkommen. Regionale Medien ziehen Parallelen zur Situation geflohenen Rohingya in Bangladesh oder syrischen Flüchtlingen. Fakt ist: Es handelt sich weltweit um die derzeit größte Migrationswelle, der keine Waffengewalt zugrunde liegt.

Kolumbien sieht sich damit einer nie dagewesenen Herausforderung gegenüber. War es selbst viele Jahre Ursprungsland zahlreicher Flüchtlinge, ist es schlagartig zu einem Aufnahmeland geworden. Täglich überqueren bis zu 3000 Menschen die 2100 Kilometer lange Grenze, um sich mit Gütern einzudecken oder in Kolumbien zu bleiben. Busterminals oder Sportstätten in der Grenzregion oder in den großen Städten sind zu Notunterkünften geworden. „Die meisten Aufnahmeländer haben sich aufgrund der humanitären Krise solidarisiert und etwa die Visabestimmungen gelockert“, erklärt Kirsten Wesenberg, Länderbüroleiterin der Johanniter-Auslandshilfe in Quito. „Allerdings nehmen die Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber den venezolanischen Migranten spürbar zu, da die Venezolaner die billigeren Arbeitskräfte sind. Das schürt Ängste.“

Hilfe gegen chronische Unterernährung

Schlangestehen an der Suppenküche: Venezolaner bekommen in der kolumbianischen Grenzstadt Cucutá eine warme Mahlzeit. Foto: Irinnews

In den nördlichen Provinzen Antioquia und Córdoba laufen die ersten Nothilfemaßnahmen der Johanniter an. Zusammen mit der Partnerorganisation Fundación Las Golondrinas wurden Daten zum Ernährungszustand und Bedarf erhoben, die derzeit ausgewertet werden. Ab April können sowohl intern Vertriebene als auch Migranten aus Venezuela, die sich vor allem in den Armenvierteln der Stadt Medellín niedergelassen haben, psychosoziale Betreuung und juristische Beratung in Anspruch nehmen. Finanziert werden die Maßnahmen durch das Auswärtige Amt und durch Spendenmittel.

Zeitnah sollen Nahrungsmittelpakete an 1800 Familien verteilt werden und 500 Kinder unter fünf Jahre und schwangere und stillende Mütter erhalten bei chronischer Unterernährung therapeutische Nahrungsergänzung. Diese tritt unter venezolanischen Migranten verstärkt auf.

Eine Studie mehrerer Universitäten hatte 2017 ergeben, dass die Menschen in Venezuela im Durchschnitt bis zu 11 Kilogramm Gewicht verloren haben. Die Menschen leiden unter den akuten Versorgungsengpässen“, erklärt Wesenberg, die erst kürzlich für das Hilfsprojekt in Kolumbien war.

Unterdessen rief das Flüchtlingshilfswerk UNHCR dazu auf, die venezolanischen Migranten weiter aufzunehmen und bot Hilfe an. David Beasley, Leiter des Welternährungsprogramms der UNO, beschrieb Mitte März bei einem Besuch die Lage in der Grenzregion als ein „absolutes humanitäres Desaster“, welches sich in Zukunft noch verschärfen könne. Denn das erdölreiche Land Venezuela ächzt weiter unter einer Hyperinflation und Rezession, wodurch sich die Wenigsten noch etwas kaufen können. Schon jetzt sollen vier Millionen der einst 31 Millionen Einwohner ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben.

Kolumbien hat nach einem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt einen Friedensvertrag ausgehandelt und fast sechs Millionen Binnenflüchtlinge. Für Rückkehrer steht viel auf dem Spiel. Mehr dazu und zu unserem Engagement in Kolumbien hier

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