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10.02.2026 | Regionalgeschäftsstelle Münsterland/Soest

Endstation Hauptbahnhof? Unterwegs mit Cornelia Schünemann am Bremer Platz

Der Bremer Platz hinterm Bahnhof in Münster ist ein Ort, an dem die harte Lebensrealität vieler Menschen sichtbar wird. Der Platz ist der zentrale Treffpunkt der lokalen Drogenszene und wohnungsloser Menschen. Mittendrin: Ein Behandlungsbus der Johannit

Frage: Frau Schünemann, viele Menschen in Ihrem Alter genießen den Ruhestand im Garten. Sie stehen im Behandlungsbus am Bremer Platz. Wie kam es dazu?

Cornelia Schünemann: Das Projekt begann eigentlich schon im Herbst 2024. Damals wurde im Gremium „Soziale Institutionen mit Bezug zur Szene“ klar, dass die medizinische Versorgung eine Lücke aufweist. Die Johanniter haben dann binnen weniger Tage reagiert. Ich bin in der Johanniter-Schwesternschaft und habe davon erfahren. Da habe ich gleich gedacht: „Och, das kannst du wohl machen.“ Zuerst waren wir mit einem ausrangierten Rettungswagen und einem kleinen ehrenamtlichen Team aus pensionierten Ärzt*innen und Pflegekräften unterwegs. Mittlerweile passt das wunderbar in meinen Alltag.

Frage: Sie waren jahrelang chirurgische Schwester. Hilft diese Erfahrung, wenn man hier die Wunden der Straße sieht?

Cornelia Schünemann: Für mich war das nie ein Problem, auch schwere Wunden zu sehen. Es macht Freude, wenn die Leute anschließend gut versorgt sind. Der wichtigste Schritt ist manchmal der, dass sich die Menschen trauen, ihre Wunden zu zeigen. Wir sind ein Team, das niemanden ausgrenzt. Bei jedem Einsatz sind medizinische Fachkräfte und mindestens ein Arzt oder eine Ärztin dabei. Mein Kollege Dr. Gerd Thomas Klauke zum Beispiel, ein pensionierter Gefäßchirurg, kommt extra aus Arnsberg zu uns nach Münster.

Frage: Der Bus wirkt sehr einladend, fast wie eine kleine Praxis auf Rädern.

Cornelia Schünemann: Das ist ganz wichtig. Wir haben jetzt ein neues Versorgungsmobil ohne „Blaulicht-Optik“. Der alte Rettungswagen hat bei vielen Klienten Unbehagen geweckt – zu viele schlechte Erinnerungen an Behörden oder Notfalleinsätze. Da wir ein rein spendengefinanziertes Projekt sind, sind wir auf Unterstützung angewiesen.

Frage: Wie begegnen Ihnen die Menschen am Bremer Platz?

Cornelia Schünemann: Anfangs herrscht oft Misstrauen. Aber wir sind verlässlich. Mittlerweile kommen pro Termin rund acht Menschen zu uns, die sonst nirgendwo Hilfe fänden. Das zeigt nach diesem ersten Jahr deutlich, wie sehr das Angebot in Münster gebraucht wird.

Frage: Warum kommen die Menschen zu Ihnen in den Bus und gehen nicht einfach in eine reguläre Notaufnahme?

Cornelia Schünemann: Weil unser Gesundheitssystem Hürden hat, die für Menschen auf der Straße schwer zu überwinden sind. Viele haben keine Krankenversicherung oder schämen sich für ihren Zustand. Oft ist es die Angst vor Ablehnung. Manche haben Hausverbot in Kliniken, weil sie sich in Krisenmomenten danebenbenommen haben. Wir bieten hier eine niederschwellige Versorgung an. Das bedeutet: Wir fragen nicht nach der Versichertenkarte. Wir fragen: „Wie kann ich helfen?“

Frage: Was genau leisten Sie in diesem mobilen Behandlungszimmer?

Cornelia Schünemann: Wir sind keine mobile Chirurgie. Unsere Arbeit besteht aus Desinfektion, Begutachtung und dem Anlegen sauberer Verbände. Oft geht es darum, zu verhindern, dass alte, infizierte „Siff-Verbände“ Entzündungen verschlimmern. Da wir alle ehrenamtlich dabei sind, können wir uns die Zeit nehmen, die im normalen Medizinbetrieb oft fehlt. Manchmal ist es auch einfach ein Gespräch, ein offenes Ohr bis irgendwann das Vertrauen da ist, sich helfen zu lassen.

Frage: Wo stößt die mobile Hilfe an ihre Grenzen?

Cornelia Schünemann: Ich erinnere mich an einen jungen Mann mit massiv infizierten Wunden an den Beinen, eine Folge des Spritzens. Der Geruch der Infektion war schon von weitem wahrnehmbar. Ich musste ihm klar sagen: „Wenn du jetzt nicht in die Klinik gehst, verlierst du deine Beine.“ In solchen Momenten können wir nur die Brücke bauen – gehen müssen sie den Weg allein.

Frage: Wie gehen Sie damit um, oft nicht zu wissen, ob Ihre Hilfe langfristig rettet?

Cornelia Schünemann: Das Ungewisse gehört dazu. Aber für die, die wiederkommen, sind wir eine Konstante. Vielleicht verhindert unser regelmäßiges Angebot genau diese extremen Fälle. Es ist Präventionsarbeit an der Basis.

Frage: Was macht diese Arbeit mit Ihrem eigenen Blick auf das Leben?

Cornelia Schünemann: Es macht demütig. Man bringt das ein, was man über Jahrzehnte gelernt hat, und hilft Menschen, die sonst durch jedes Raster fallen würden.

Frage: Was raten Sie anderen, die überlegen, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Cornelia Schünemann: Ausprobieren! Es ist ein wundervolles Ehrenamt, bei dem man wirklich helfen kann. Es bereichert mein Leben ungemein.

Hintergrund: mobile Wundversorgung der Johanniter
 Das Projekt am Bremer Platz in Münster wird von den Johannitern getragen und schließt eine Lücke in der lokalen Gesundheitsversorgung. Es richtet sich an wohnungslose Menschen und Personen mit Suchterkrankungen, die den Weg in das reguläre Gesundheitssystem nicht mehr finden.

Zur Person:
Cornelia Schünemann ist in der Johanniter-Schwesternschaft und ist examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in der Chirurgie. Nach ihrem offiziellen Renteneintritt kehrte sie in den Dienst zurück und ist nach Bedarf in der Schmerztherapie, der Palliativpflege und ehrenamtlich in der medizinischen Obdachlosenhilfe am Bremer Platz in Münster aktiv.

 

Unsere mobile Wundversorgung bringt schnelle Hilfe direkt zu Menschen, die auf der Straße leben. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, freuen wir uns über jede Spende auf unser Konto: DE63 3702 0500 0004 3213 18 – bitte mit dem Verwendungszweck Obdachlosenhilfe.

Möchten Sie selbst ehrenamtlich aktiv werden und Teil unseres Teams werden? Dann schreiben Sie uns gerne eine Nachricht an: obdachlosenhilfe.muenster(at)johanniter.de. Jede Unterstützung hilft, direkt vor Ort Gutes zu tun!