Psychopharmakaprojekt

Zuwendung statt Psychopharmaka

Bei der Pflege von alten und, besonders häufig, von demenzkranken Menschen werden noch immer viel zu oft beruhigende Medikamente eingesetzt, um Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. Unruhe zu begegnen. Die Auslöser und Ursachen für das unerwünschte Verhalten werden jedoch meist nicht hinterfragt und bleiben somit unbehandelt - nicht so im Johanniter-Haus Waibstadt.

„Die eingesetzten Psychopharmaka aus der Gruppe der Neuroleptika, Benzodiazepine und Hypnotika, hindern die Bewohnerinnen und Bewohner unter Umständen daran, sich zu bewegen“, weiß Einrichtungsleiter Kai Schramm. In diesem Zusammenhang spricht man daher auch von „Medikamentöser Fixierung“. Sind diese Psychopharmaka aber erst einmal verschrieben, werden sie meist zu Dauerverordnungen, unter Umständen bis zum Lebensende. Selbst wenn inzwischen der Auslöser und/oder die Ursache für das auffällige Verhalten, wie z.B. Schmerzen, nicht mehr vorhanden sind.

„Diese Medikamente hindern die Bewohner unter Umständen daran, sich zu bewegen.“
Kai Schramm, Einrichtungsleiter des Johanniter-Haus Waibstadt

Im Johanniter-Haus Waibstadt haben wir diese Erkenntnisse zum Anlass genommen, neue Wege zu gehen. So haben wir im Februar 2019 im Rahmen eines Projekts damit begonnen, den Einsatz der Psychopharmaka mit potentiell freiheitseinschränkenden Nebenwirkungen zu reduzieren.

Seitdem trifft sich monatlich ein internes Steuerungsgremium, analysiert die Medikamentenpläne der betroffenen Bewohner und entscheidet, bei wem Psychopharmaka reduziert oder abgesetzt werden könnten. In Zusammenarbeit mit den betreuenden Ärzten wird die Verordnung dieser Medikamente dann angepasst.

Das Medikamentenprojekt in Zahlen

77
Prozent der Bewohner
Innerhalb von nur zwei Jahren konnte mit dem „Waibstader Weg“ die Anzahl der Bewohner mit entsprechenden Psychopharmaka-Verordnungen um beachtliche 77 Prozent reduziert werden.
84
Prozent der Psychopharmaka
Die Anzahl der täglich verabreichten Psychopharmaka sank in diesem Zeitraum gar um 84 Prozent.
35
Bewohner
nahmen zu Projektbeginn im Schnitt 1,4 Psychopharmaka zu sich.
8
Bewohner
nahmen nach zwei Jahren jeweils eine entsprechende Arznei regelmäßig ein.

In allen 17 Johanniter-Häusern im Bereich Süd gehen wir künftig diesen "Waibstädter Weg". Die in Waibstadt gesammelten Erfahrungswerte wurden bereits vor Ort in den Einrichtungen vermittelt. Erste Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. 

Der Schlüssel zum Erfolg - mehr Zuwendung & begleitende Maßnahmen

Aromapflege ist ein Bestandteil der begleitenden Maßnahmen

Noch wichtiger als die bloßen Zahlen - den Bewohnerinnen und Bewohnern geht es besser. 

Neben mehr Zuwendung hatte die Verstärkung der begleitenden, nichtmedikamentösen Maßnahmen entscheidenden Einfluss auf die positiven Entwicklungen. Parallel zur Suche nach den Ursachen und den Auslösern für die Verhaltensauffälligkeiten wurden individuelle Aktivierungsangebote, Maßnahmen der Basalen Stimulation (z.B. durch Handmassagen, etc.), gezielte Bewegung im Freien, Aromapflege oder biografiebasierte Einzelangebote durchgeführt.

Das Ergebnis dieser Maßnahmen: mehr Lebensqualität für unsere Bewohner! 

„Unsere Bewohner können seitdem wieder stärker am Leben teilnehmen, sind wacher und mobiler.“
Ute Leder, Pflegedienstleitung des Johanniter-Haus Waibstadt