06.01.2026 | Johanniter-Schwesternschaft e.V.

Neu beginnen – jeden Tag: Eine Johanniter-Haltung

Ein Wort zur Jahreslosung 2026

Liebe Johanniterinnen und Johanniter!

„Man kann nicht zweimal in den denselben Fluss steigen.“ Heraklits Satz klingt nach antiker Weisheit – und zugleich nach etwas, das wir heute täglich erleben. Der Fluss unseres Lebens bleibt nie derselbe. Wir stehen jeden Morgen neu am Ufer, und das Wasser, das uns gestern getragen hat, fließt längst weiter. Manchmal ist der Strom klar und freundlich, manchmal dunkel und schwer. Aber er ruft uns hinein in die Bewegung des Lebens.

Diese alltägliche Erfahrung macht den des „Neuen“ zu einer großen Herausforderung. Denn das Neue geschieht nicht nur in den großen Entscheidungen oder an den Wendepunkten, sondern in den kleinen Übergängen des Alltags: Im ersten Schritt nach einer Operation, im ersten Gespräch nach einer Verletzung, im ersten Lächeln nach einer dunklen Woche. In solchen Augenblicken wird spürbar, dass das Vertrauen – das wir glauben – selbst ein Geheimnis ist. Nicht der Glaube an sich ist das Geheimnis, sondern die Tatsache, dass wir trotz allem glauben können: trotz unserer Brüche, trotz Müdigkeit, trotz Enttäuschungen.

Als Seelsorger hat mich dieses Geheimnis immer tief bewegt. Wenn ich am Sonntag im Krankenhaus mit unseren „Herren Kranken“ Gottesdienst gefeiert habe, wurde es besonders sichtbar: Wir haben gemeinsam die Erfahrung ernst genommen, dass das Leben oft hart und unerklärlich ist – und haben dennoch der Lebenswirklichkeit „Es ist, wie es ist“ nicht das letzte Wort überlassen. Stattdessen haben wir uns der Glaubenswirklichkeit geöffnet: Ich vertraue mich trotzdem einer Zukunft an, dem Neuen, dem noch Unbekannten an, da Gott mir zugesagt hat: ER ist bei MIR. In diesem Vertrauen habe ich oft etwas Wunderbares gespürt: Menschen werden innerlich erneuert, gestärkt, aufgerichtet – manchmal nur für einen kleinen Schritt, aber auch dieser Schritt kann ein ganzes Leben tragen, das Leben wieder in eine lebendige Schwingung versetzen.

Da ist die Schwester in der Johanniter-Tagespflege, die einer dementen Seniorin jeden Morgen mit gleichen heiteren Begrüßung begegnet. Auch wenn die Seniorin sie oft nicht wiedererkennt, spürt sie dennoch: Hier bin ich willkommen. Hier beginnt mein Tag – freundlich und warm. In so einer erlebten Szene bekommt das „Neue“ ein Gesicht; nicht spektakulär, aber lebensnah und glaubwürdig.

Liebe Johanniterinnen und Johanniter,

erst jetzt, in dieser Lebensbewegung hinein, klingt die Jahreslosung für das neue Jahr hinein wie eine Antwort: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5).

Nicht als frommes Versprechen, fernab der Wirklichkeit, sondern als göttliche Zusage mitten in unserem Alltag: Gott macht neu, vorsichtig, leise, geduldig. Und wir dürfen uns darauf einlassen: mit offenen Händen, mit staunendem Herzen, mit einer Haltung, die das Geheimnis des Glaubens nicht erklären will, sondern lebet. Vielleicht braucht es zu Beginn dieses Jahres nur diese eine Entscheidung: sich berühren zu lassen von dieser Zusage.

Mein Wunsch für das neue Jahr, dass 2026 ein solches Jahr wird: ein Jahr, in dem wir uns immer wieder erneuern lassen; ein Jahr, in dem wir einander aufmerksam begleiten und stärken; ein Jahr, in dem wir aus der Kraft des Glaubens den Mut finden, den nächsten Schritt und auch neue Wege wagen – im Fluss des Lebens, der täglich neu an uns vorüberzieht. 

Zum Schluss ein Wort von Karl Barth, dass dieses Vertrauen theologisch so beeindruckend auf dem Punkt bringt: „Glauben heißt, sich Gott zuzutrauen – und sich von ihm zu seinem eigenen Leben ermutigen zu lassen.“

Es wäre doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien sowie Freundeskreisen ein gesegnetes frohes neues Jahr,

Ihr Seelsorger Bernd Kollmetz