Almina
Almina arbeitet als Wohnbereichsleiterin und stellvertretende Pflegedienstleiterin im Johanniter-Stift Meerbusch.
Ich will da sein, wenn Menschen Halt brauchen.
„Ich war zehn Jahre alt, als 1992 der Krieg in Bosnien ausbrach. Als die ersten Granaten einschlugen, saßen wir im Keller – meine Großeltern, Nachbarn, verängstigte Kinder, weinende Mütter. Der Boden bebte. Die Wände zitterten. Und in meinem kleinen Herzen herrschte pure Angst. Diese Bilder – die Dunkelheit, das Zittern, das Flüstern, das Warten - haben sich tief in mir eingebrannt. Ich habe sie nie vergessen. Auch wenn wir nach dem Krieg nie darüber gesprochen haben. Auch wenn ich meine Eltern nie gefragt habe, aus Rücksicht. Vielleicht glaubten sie, ich hätte alles hinter mir gelassen. Aber die Wahrheit ist: Ich habe alles behalten. In mir. Für immer.
Ich wurde verletzt. Mein Vater auch. Wir haben Menschen verloren, Dinge verloren – Vertrauen verloren. Doch inmitten dieser ohnmächtigen Angst war da ein leiser, trotziger Gedanke, der sich wie eine Flamme in mir entzündete: Eines Tages werde ich helfen. Ich will stark sein für andere. Ich will nie wieder hilflos zusehen müssen.
Ich machte mein Abitur, begann in Bosnien ein Physikstudium – aber dann begegnete ich meinem Mann. Meinem ersten – und wie ich liebevoll sage: meinem letzten. 2006 bin ich zu ihm nach Deutschland gezogen. Ich konnte kaum Deutsch. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen, das tief aus meinem Innersten kam: Ich will in die Pflege. Ich will da sein, wenn Menschen Halt brauchen.
Der Anfang war schwer. Neue Sprache, fremdes Land, Heimweh im Herzen. Aber ich wusste: Mein Weg begann nicht hier. Er begann in einem Keller, unter Granatendonner, als ein Kind beschloss: Ich werde eines Tages für andere da sein.“
Es geht um Würde, um Menschlichkeit, um echtes Dasein.
„Ich bin ein Arbeitstier – das war ich schon immer. Aber in den Corona-Jahren bin ich an meine Grenzen gekommen. Nachtschichten, kleine Kinder, Kolleginnen und Kollegen, die gegangen sind – ich war müde. Körperlich und seelisch. Ich hatte zwei Kinder, kaum Zeit – und dazu die Sprache, die mir nicht gerade in die Karten spielte. Trotzdem habe ich 2021, mit 40 Jahren, die generalistische Pflegeausbildung begonnen. Ich war die Älteste in der Klasse, stand mit jungen Menschen im Krankenhaus, in der Psychiatrie, in der Kinderpflege. Und ich habe durchgezogen.
Der Tag, an dem ich die Urkunde bekommen habe, war der Tag, an dem ich die ganze Anspannung in Tränen rausgelassen habe. Ich habe den ganzen Tag geweint. Vor Erschöpfung. Vor Stolz. Mein Mann hat mich angeschaut und nur gesagt: ‚Gott sei Dank – ich hab mein Leben wieder.‘ Auch für ihn und unsere Kinder war es eine anstrengende Zeit.
Heute arbeite ich in einem großartigen Team. Vor allem die Zusammenarbeit mit Nadine, unserer Pflegedienstleitung des Hauses, könnte nicht besser sein. Ich mache weiter. Ich bilde mich fort. Ich trage Verantwortung. Und ich weiß: Diese Spannung zwischen Leitung und Nähe ist manchmal schwer auszuhalten. Aber ich versuche es. Jeden Tag.
Denn Pflege ist viel mehr als nur waschen und Medikamente verteilen. Es geht um Würde, um Menschlichkeit, um echtes Dasein. Oft ist es die letzte Station. Der letzte Mensch, der bei jemandem ist, bevor er geht. Manchmal sind wir die Einzigen, die bleiben. Das ist schwer – aber es ist auch ein Privileg.“
Antwort auf die Hilflosigkeit von damals
"‘Halt durch. Es kommen bessere Zeiten.‘
Das würde ich meinem zehnjährigen Ich sagen. Dem Mädchen mit den großen, ängstlichen Augen, das Granaten über sich hörte und doch weiteratmete. Trotz des Leids, der Stille danach, der Fragen ohne Antworten – wir haben weitergemacht. Und genau dieses Weitertragen, dieses Tapfersein im Alltag, lebt in mir bis heute.
In meiner Arbeit betreue ich Menschen, die selbst den Krieg erlebt haben. Wenn sie ihre Geschichten erzählen, muss ich nicht lange überlegen. Ich weiß, wovon sie sprechen. Ich fühle, was sie meinen. Denn ich war dort. Meine Arbeit ist kein Beruf. Sie ist meine Berufung. Mein Sinn. Meine Antwort auf die Hilflosigkeit von damals. Wenn ich abends nach Hause komme, reicht mir ein stiller Moment im Garten. Eine Tasse Kaffee. Ein kurzer Blick in den Himmel. Und wenn ich an diesem Tag gelacht habe – mit Kolleginnen, mit Bewohnerinnen, mit Bewohnern – dann war es ein guter Tag.
Ich wünsche mir eine Welt ohne Granaten, ohne Angst, ohne Hass. Eine Welt, in der Menschen einander tragen, statt sich zu bekämpfen. Ich gebe viel – ja. Aber ich bekomme auch so viel zurück. Ein Lächeln. Ein Danke. Ein stilles Nicken. Dieses Vertrauen, das einem nur geschenkt wird, wenn man mit dem Herzen dabei ist.
Ich weiß, wie gut es mir heute geht. Ich habe nicht vergessen, wie es war. Und genau deshalb brauche ich nicht mehr.“