Stefanie
Stefanie Matschkowski arbeitet als Betreuungsassistentin im Johanniter-Stift Meerbusch.
Genau hier gehöre ich hin.
„Seit ich ein Kind bin, habe ich so etwas wie einen sechsten Sinn. Den habe ich wohl von meiner Großmutter geerbt. Sie hat mir sehr viel bedeutet. Als ich 15 war, zog sie neben uns ein. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr, besuchte sie jeden Tag, kaufte für sie ein. Mit Oma konnte ich über alles reden – sogar über Jungs! Sie hörte mir zu und gab mir Ratschläge. Sie tat wirklich alles für mich. Ich träumte damals davon, Klavierspielen zu lernen. Oma machte es möglich – und kaufte mir sogar ein Klavier!
Auch später standen wir uns sehr nahe. Als Oma pflegebedürftig wurde, kümmerten wir uns um sie – meine Mutter, mein Bruder und ich. Da sie nicht mehr allein bleiben konnte, wechselten wir uns an ihrem Bett ab. Ihre letzten Tage verbrachte sie in einem Hospiz, wo sie wunderbar umsorgt wurde. Dann kam jener Abend: Ich war in meiner Wohnung und ging hinaus auf den Balkon. Als ich durchs Fenster nach drinnen schaute, sah ich plötzlich nicht mehr mein Wohnzimmer. Ich sah meine Oma, wie sie in ihrem Hospizbett lag… Da ahnte ich es schon – und so war es dann auch. Am nächsten Tag verstarb sie. Vielleicht war sie zu mir gekommen, um sich zu verabschieden?
Dass ich heute in der Pflege arbeite, habe ich Oma zu verdanken. Die Erfahrung, sie am Ende ihres Lebens begleitet zu haben, hat mich geprägt. Lange war ich in der Gastronomie tätig, doch seitdem ich mit älteren Menschen arbeite, weiß ich: Genau hier gehöre ich hin!“
Lost Places
„Vergessene Orte haben mich schon immer fasziniert. Seit zehn Jahren gehen mein Mann und ich regelmäßig nach Italien auf ‚Lost Place Tour‘. Auf der Suche nach verlassenen Gebäuden fahren wir quer durchs Land und machen Bilder. Manchmal sind das Häuser, in denen schon lange niemand mehr wohnt. Oft findet man darin noch persönliche Gegenstände: Alte Möbel, Familienfotos oder Dokumente, Brillen und Gebisse… Einmal fanden wir sogar ein eingelegtes Eichhörnchen! In einem Haus stand ein altes, verfallenes Klavier – der Anblick war herzzerreißend.
Bevor wir losfahren, recherchieren wir gründlich. Manchmal besuchen wir alte Krankenhäuser oder Psychiatrien. Diese Orte haben eine besondere, manchmal auch bedrückende Atmosphäre. Man findet dort alte Gerätschaften, etwa Gestelle, an denen die Patienten mit Gurten fixiert wurden. Schrecklich, wie man Menschen früher in solchen Einrichtungen behandelt hat. Ich hatte schon immer ein feines Gespür für Stimmungen. Mit Bildern und Tonaufnahmen versuche ich, diese einzufangen, auch wenn es manchmal gespenstisch ist.
Einmal war da diese verlassene Villa – ich hatte ein furchtbar schlechtes Gefühl und wollte gar nicht erst reingehen. Später fand ich heraus, dass ein Finanzberater von Napoleon dort gelebt hat. Auf dem Grundstück hatte man Menschen gefangen gehalten. Da bekommt man schon Gänsehaut.
So wie die Lost Places lassen auch die Geschichten unserer Bewohnerinnen und Bewohner eine Welt aufleben, die nicht mehr existiert. Das finde ich immer wieder faszinierend!“
Ich bin das Nesthäkchen.
„Unsere Familie hat schon immer zusammengehalten – auch dann, wenn es wirklich hart auf hart kam. Ich bin das Nesthäkchen und habe zwei große Brüder. Mein ältester Bruder André ist als Teenager leider auf die schiefe Bahn geraten. Mit 15 schon zog er von Zuhause aus, hatte Freunde, die ihm nicht guttaten, kam in Kontakt mit Drogen. Leider blieb es nicht bei den Einsteigerdrogen – er wurde süchtig. Immer wieder versuchte er einen Entzug. Wir unterstützten ihn, wie wir nur konnten, versuchten, ihn aufzufangen. Doch er rutschte immer wieder ab, kam ins Gefängnis, geriet in die Obdachlosigkeit.
Einmal wäre er fast gestorben. Zum Glück hat meine Mutter ihn noch rechtzeitig gefunden! Unser Vater lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Als André im Krankenhaus aufwachte, war etwas anders: Papa war ihm erschienen, und er hatte ihm den Vogel gezeigt. Nur diese eine Geste, doch André nahm sie ernst. Diesmal war der Entzug erfolgreich. Er würde länger leben als Papa, hatte André beschlossen. Und er hat es geschafft!
Heute geht André sehr offen mit seiner Vergangenheit um. Er hält sogar Vorträge in Gefängnissen, um anderen eine Perspektive aufzuzeigen. Er hat sich ein neues Leben aufgebaut. Und unser Verhältnis war noch nie besser. Eine besondere Verbindung hatten wir schon immer. Heute kann ich ihm alles erzählen, er ist mein Kummerkasten. Dass wir immer zu ihm gehalten haben, egal was war, hat sich zum Glück ausgezahlt!“