Markus

Ein Mann im Anzug steht vor einer Glasfassade mit Namensschild am Revers

Markus Fritsch ist Einrichtungsleiter des Johanniter-Zentrums Kaarst. 

Menschlichkeit ist das Wichtigste.

„Ich wollte eigentlich mal Sportjournalist werden. Und dann stand ich da – im Zivildienst, in einem Altenheim, weil es eben Pflicht war. Meine Vorstellung vom Leben war damals noch eine ganz andere. Ich war als Jugendlicher ganz anders. Rebellisch. Und dementsprechend sah ich auch anders aus. Die Stationsleitung hat mich damals als Provokation empfunden – und so durfte ich erstmal Aluminiumspülen putzen. Zwei Wochen lang.

Doch dann kam ein Satz vom stellvertretenden Stationsleiter, der mein Leben verändern sollte: ‚Aus dir mache ich einen Altenpfleger.‘ Und er meinte das ernst. Ab da nahm er mich wie seinen Schatten überall mit hin. Von ihm lernte ich, Verantwortung zu übernehmen und durfte nach und nach begreifen, wie viel dieser Beruf einem zurückgibt. Meine anderen Pläne lösten sich danach relativ schnell in Luft auf. Stattdessen hatte ich nur noch ein Ziel: Die Ausbildung anzufangen. Schnellstmöglich.

Ich war immer einer, der sich an Ungerechtigkeit gerieben hat. Der schon mal mit einem Nazi-Lehrer aneinandergeraten ist und deswegen vom Gymnasium flog. Aber wenn man etwas verändern will, muss man ‚den Kopf auch mal aus dem Fenster halten‘ – das habe ich früh verstanden.

Heute trage ich Verantwortung als Leitung, und die Haltung ist dieselbe geblieben: ‚Du musst nicht nur dem Arzt die Tür aufhalten. Du musst auch der Putzfrau die Tür aufhalten.‘ Das hat meine Oma immer gesagt. Eine einfache Frau aus Duisburg mit großer Lebensweisheit. Von meinen Großeltern habe ich gelernt, dass Menschlichkeit das Wichtigste ist. Und genau darauf schaue ich immer auch zuerst: Auf die Haltung eines Menschen zum Menschen. Alles andere sind nur technische Probleme, die man lösen kann. Aber was uns verbindet ist, wie wir uns aufeinander beziehen.“

Wenn man wachsen will, muss man manchmal raus dem sicheren Hafen.

„Wenn dir in Lappland der Vergaser überläuft – was machst du dann? Diese Frage steht sinnbildlich für viele Momente in meinem Leben. Ich war mit dem Motorrad in über 14 Ländern unterwegs, zweimal über dem Polarkreis. Oft allein. Und da lernst du schnell, wie du mit Unsicherheit umgehst. Du bleibst ruhig, triffst Entscheidungen – und fährst weiter.

Auch auf dem Segelboot ist es so. Wenn ich aus dem Hafen rausfahre, die Verbindung zum Land kappe, dann lasse ich auch den Lärm des Alltags zurück. Die Gespräche, die Verantwortung, die schnellen Entscheidungen. Dann bin ich mit mir, dem Wind – und manchmal auch mit meinem Vater, der nicht mehr lebt, aber der mir auf dem Wasser oft noch nah ist.

Ein Mann im weißen Hemd steht neben einem Motorrad und hält einen Helm

Wenn man den ganzen Tag von Menschen umgeben ist, braucht es Momente der Stille. Gleichzeitig weiß ich, wie wertvoll es ist, Verantwortung zu teilen. Ich liebe es, Talente zu entdecken, sie wachsen zu sehen – vom unsicheren Praktikanten zur Leitungskraft. So etwas begleiten zu dürfen, erfüllt mich. Und Teamplay bedeutet für mich, auch mal loszulassen und andere machen zu lassen. Auch wenn dabei Fehler passieren. Ich glaube an Trial and Error – nicht nur auf See, sondern auch im Beruf. 

Und ja: Wenn man wachsen will, muss man manchmal raus aus dem sicheren Hafen. Denn das echte, erfüllte Leben findet selten in der Komfortzone statt.“

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Mut, dem Leben immer wieder neu zu begegnen – aufrecht, wach und neugierig.

„Kurz nach der OP schrieb ich eine Liste: ‚Zehn Dinge, die ich noch erleben möchte.‘ Vor 22 Jahren hatte ich Krebs. Ich habe überlebt. Und zwei Jahre nach der OP war die Liste abgehakt. Seitdem sehe ich das Leben als Geschenk. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.

Da meine Krebserkrankung noch vor der Smartphone-Zeit war, stellte ich mir damals ein Album zusammen. In ihm war alles abgebildet war, das mir lieb und teuer war – Menschen, Dinge, Landschaften, etc. Es begleitete mich auf meinem gesamten Heilungsprozess und ich habe es wirklich fast überall hin mitgenommen.

Natürlich macht so eine Erfahrung etwas mit einem. Man wird stiller, klarer. Ich weiß heute sehr genau, was mir wichtig ist – und was nicht. Und ich weiß, dass ich meine Freiheit verteidigen will. Meine Frau und ich haben damals gesagt: Wir wollen nie in die Situation kommen, gegen unsere ureigensten Überzeugungen handeln zu müssen. Wenn es sein muss, steigen wir aus.

Deshalb haben wir unser Leben so aufgebaut, dass wir wenn nötig mit wenig auskommen – zur Not auch nur mit dem, was wir damals ‚unser 400er-Konzept‘ nannten: 400 Euro Kaltmiete, keine Schulden, kein unnötiger Ballast. So sind wir in der Lage, jederzeit sagen zu können: Ohne uns.

Ich habe gelernt, wie kostbar innere Klarheit ist. Und dass echte Freiheit nicht laut ist, sondern leise. Sie zeigt sich darin, bei sich zu bleiben – selbst, wenn andere mit den Wölfen heulen.

Vielleicht war das die größte Lektion meiner Krankheit: Dass man das eigene Leben nicht in Monaten oder Jahren messen sollte. Sondern in Haltung. Und in dem Mut, dem Leben immer wieder neu zu begegnen – aufrecht, wach und neugierig.“