Mert

Ein Mann in hellblauem Hemd sitzt am Schreibtisch und lächelt zur Seite

Mert ist für die Bewohnerverwaltung im Johanniter-Zentrum Kaarst zuständig. 

Ich habe hier bei Null angefangen

Ein Mann in weißem Shirt lehnt an einer weißen Garage und blickt aufwärts

„Ich wollte mir nach dem Abi erstmal ein Jahr nehmen, um mich zu finden. Ich hatte zwar Wirtschaft und Verwaltung als Schwerpunkt, aber wo genau es hingehen sollte, wusste ich nicht. Ich hab mich breit beworben – Versicherungen, Autohäuser, alles dabei. Und dann war da dieser eine Mann im Fitnessstudio, der mich kannte – oder eher: gesehen hat. Und irgendwann sprach er mich an, ob ich mir vorstellen könnte, ein Praktikum als Kaufmann im Gesundheitswesen zu machen. Der Begriff war mir völlig neu. Ich hab mich dann schlaugemacht – und gesagt: Warum nicht? 

Drei Wochen später saß ich bei den Johannitern. Er, Yunus, war dann sogar mein Ausbilder bei den Johannitern. Und dann war relativ schnell alles klar: Das Team, das Klima, die Gespräche – es hat einfach gepasst. Eine Pflegedienstleitung, die gerade in Rente ging, hat mich an die Hand genommen und gesagt: ‚Wenn du hier nicht deine Bewerbung einreichst, bin ich sauer.‘ Ich hab sie eingereicht. Und die Ausbildung angefangen.

Ich war damals null berufserfahren. Kein Plan von Telefonaten, Mails, Bewohnergesprächen. Mein Ausbilder hat mich von Anfang an gefordert. Er war streng, direkt – aber gerecht. Er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Disziplin zu entwickeln, sich selbst zu organisieren und präsent zu sein. ‚Wenn du so arbeitest, dass man merkt, wenn du fehlst – dann machst du’s richtig.‘ Diesen Satz habe ich nie vergessen.

Ich habe hier bei Null angefangen. Aber es hat mir gezeigt, wie sehr man wachsen kann – wenn man Menschen hat, die an einen glauben. Und wenn man selbst bereit ist, zu wachsen.“

Ohne den Sport wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

„Ich sag’s in einem Satz: Ohne den Sport wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Ich bin Ringer. Seit meinem zehnten Lebensjahr stehe ich auf der Matte – anfangs spielerisch, später ehrgeizig. Ringen hat mich geformt: Mein Durchhaltevermögen, meinen Fokus, meinen Charakter.

Der Moment, wenn du vor einem Gegner stehst, die Halle ist voll, alle schauen zu, und du weißt: Jetzt zählt, was du vorbereitet hast. Jetzt geht’s nicht um reden, sondern um Präsenz. Um Konzentration. Und darum, alles zu geben. Das habe ich durch den Sport gelernt – und das hat sich in mein Berufsleben übertragen. Mit Druck umzugehen, Entscheidungen zu treffen, da zu sein – das habe ich alles auf der Matte gelernt.“

Ein Mann in schwarzer Jacke steht an einer Sportbank und lächelt

„Aber das Wichtigste waren nie nur die Erfolge. Sondern dass ich durch den Sport immer auf meinem Weg geblieben bin. Während andere in der Jugend abgedriftet sind, hatte ich meinen Halt. Meine Mutter war immer da – hat mich angefeuert, zu Wettkämpfen gefahren, motiviert. Und mein Trainer Jochen wurde über die Jahre zu einer der wichtigsten Personen in meinem Leben.

Heute bin ich selbst Trainer beim KSV Germania Krefeld @germaniakrefeld. Und was mich berührt ist nicht der nächste Pokal – sondern die Verbindung zu den Jungs. Wenn sie sagen: ‚Du bist wie ein großer Bruder für mich.‘ Wenn ich sehe, wie einer von ihnen, der als Zehnjähriger zu mir kam, jetzt Landesmeister wird.

Auf der Matte spielt es keine Rolle, wie du aufgewachsen bist oder was du besitzt. Da zählt, wie du kämpfst. Ich will weitergeben, was mir geschenkt wurde. Und vielleicht wird einer von meinen Jungs später auch mal Trainer. Dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.“

Ein Mann in weißem T‑Shirt steht draußen und verschränkt die Arme

Jeder Mensch hat die Möglichkeit einen Unterschied zu bewirken.

„Ich habe gelernt, nicht erst dann dankbar zu sein, wenn etwas fehlt. Wenn ich morgens aufwache und gesund bin, fühle ich mich dankbar. Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich sehe lieber jeden Tag, an dem es mir gut geht, als Geschenk – mit Dach über dem Kopf, mit Familie, mit der Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun.

Durch meine Arbeit hier ist das gewachsen. Die Nähe zu den Bewohnerinnen und Bewohnern, das Vertrauen, das entsteht. Manche Gespräche begleiten mich noch lange. Ich erinnere mich an einen älteren Herrn, der jeden Morgen seine Zeitung bei mir an der Rezeption geholt hat – und dabei zehn Minuten geblieben ist. Wir haben über alles geredet: das Wetter, Digitalisierung, alte Zeiten. Als er eines Morgens nicht kam, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Er war in der Nacht verstorben. Diese Begegnungen berühren mich. Und sie verändern, wie ich auf das Leben schaue.

Ich versuche, das weiterzugeben – ob im Sport, im Beruf, im Alltag. Ich glaube, jeder Mensch hat die Möglichkeit, einen Unterschied zu bewirken. Nicht durch große Reden, sondern durch Haltung. Durch Verlässlichkeit. Durch Zuhören.

Ich weiß nicht genau, wo mein Weg noch hinführt. Aber ich weiß: Ich will wachsen. Sportlich. Beruflich. Als Mensch. Und irgendwann möchte ich zurückblicken und sagen: Ich habe alles gegeben. Und solange ich dann noch anderen etwas mitgeben kann, bin ich genau da, wo ich sein soll.“