Sarah B.
// Sarah arbeitet als Pflegehilfskraft im Johanniterhaus Heiligenstadt Albert-Schweitzer-Straße.
Manchmal, wenn Sarah an die Zukunft denkt, taucht vor ihrem inneren Auge die Silhouette von New York auf. Weiße Schneeflocken rieseln vom Himmel und bedecken die Gehsteige, Lichterketten zieren die Straßen und die weihnachtlichen Schaufenster glitzern und funkeln in tausend Farben. Irgendwann möchte sie in der Weihnachtszeit nach New York fliegen, den Zauber dieser Stadt selbst erleben, die sanften Schneeflocken auf der Haut spüren und mit eigenen Augen sehen, was man sonst nur aus Filmen kennt.
In ihrem Heimatort Eichsfeld schneit es nur selten. Und doch hat Sarahs Geschichte etwas mit der Weihnachtsgeschichte gemein. Sie handelt von Hürden, die es zu überwinden gilt, von kleinen und großen Wundern und von einem besonderen Kind, das Licht und Liebe in Sarahs Leben bringt.
Die Geschichte beginnt vor sieben Jahren. Sie spielt nicht in einer Scheune in Bethlehem, sondern im Kreissaal eines Krankenhauses, wo man einer jungen Mutter ein Neugeborenes in den Arm legt. Sarah ist zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt. Die junge Frau ist überglücklich. Der kleine Junge in ihrem Arm ist ein absolutes Wunschkind. Jonas soll er heißen.
Sarah entscheidet sich bewusst dafür, früh Mutter zu werden. Schon immer weiß sie genau, was sie will. Nach der Schule beginnt Sarah eine Ausbildung zur Friseurin. Es ist ihr absoluter Traumjob. Drei Jahre später ist sie ein Profi, hat viele Stammkunden, die zu ihr kommen, um sich die Haare machen zu lassen. Sarah schneidet, färbt und föhnt, und hat immer ein offenes Ohr für die Neuigkeiten, Sorgen und Geschichten ihrer Kunden. Als sie schwanger wird, plant sie, nach der Elternzeit in ihren Beruf zurückzukehren.
Noch ahnt sie nichts von den Hürden, die das Schicksal für sie bereithält.
Wenn Sarah heute die Augen schließt und an die Vergangenheit denkt, weiß sie: Im Leben geht es nicht darum, dass alles immer genau nach Plan läuft. Sondern darum, wie man die Herausforderungen meistert, die einem auf dem Lebensweg begegnen.
Es gibt Tage, an denen würde Sarah am liebsten die Decke über den Kopf ziehen. Tage, die so herausfordernd sind, dass ihr die Tränen kommen. Doch sie weiß, dass sie vorübergehen. Manchmal, wenn sie auf die letzten sieben Jahre zurückblickt, staunt sie. Darüber, wie weit sie gekommen ist, wie viel sie gelernt und geschafft hat.
Als ihr Sohn Jonas geboren wird, ist Sarah erst 18 Jahre alt. Während der Schwangerschaft verliert die werdende Mutter nicht einen Gedanken daran, dass etwas nicht stimmen könnte. Als man ihr im Kreissaal das kleine Bündel in den Arm legt, ist da pure Freude. Endlich ist Jonas da! Doch die Ärzte sind besorgt. Ein Bluttest bestätigt ihre Ahnung: Jonas wurde mit Trisomie 21 geboren.
Noch auf der Wochenbettstation bringt man der frischgebackenen Mutter Bücher und Infomaterial. Sie soll sich belesen, soll verstehen, was die Diagnose für sie und Jonas bedeutet. Erst ist Sarah überfordert. Sie will einfach nur ihren Sohn im Arm halten, ihn anschauen, mit ihm kuscheln. Intuitiv weiß sie, dass alles seine Zeit braucht, dass sie hineinwachsen wird in ihre neue Rolle. Dass sie Schritt für Schritt lernen wird, alle Herausforderungen zu meistern. Denn erst einmal ist Jonas einfach nur ein süßes Baby, das schläft, trinkt, gluckst und seine Mama glücklich macht.
Sarah ist zuversichtlich, und sie beschließt nach knapp einem Jahr, wieder arbeiten zu gehen. Doch während Sarah im Salon ihre Kunden bedient, stellt sie fest, dass ihre Haut auf die Pflegeprodukte reagiert. Ihre Hände jucken, die Augen werden rot. Sie zieht Handschuhe an, trägt Wirkstoffsalben auf. Vergeblich. Ihr Körper hat sich während der Schwangerschaft verändert. Auch der Arzt kann nicht helfen. Schweren Herzens muss Sarah ihren Job an den Nagel hängen.
Auf jedem Lebensweg tauchen früher oder später Hürden auf. Die Frage ist, ob man den Mut hat, sie auch zu nehmen. Und für Sarah ist aufgeben keine Option.
Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich irgendwo ein Fenster, heißt es in einem alten Sprichwort.
Sarah ist mittlerweile alleinerziehend, als Friseurin kann sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Arbeiten. An den Gedanken, dass Jonas im Laufe seines Lebens besondere Bedürfnisse haben wird, hat sie sich gewöhnt. Wegen der Trisomie 21 kann er erst spät laufen und sprechen. Sarah lernt, geduldig zu sein, sich auf ihren Sohn einzustellen. Jede Hürde macht sie stärker. Und sie vertraut darauf, dass sich zur richtigen Zeit irgendwo ein Fester öffnen und frischen Wind in ihr Leben lassen wird.
Als Jonas vier Jahre alt ist, lernt Sarah Heiko kennen. Zu ihrem ersten Date kommt die junge Frau nicht allein. Jonas ist mit von der Partie. Und siehe da: Heiko und Jonas sind auf Anhieb ein Herz und eine Seele!
Seit drei Jahren sind Sarah und Heiko nun ein Paar. Und auch beruflich hat sich für sie viel getan. Erst arbeitet die junge Mutter in einem Hotel, doch ihr Arbeitgeber hat wenig Verständnis dafür, dass sie auch Zuhause Verantwortung trägt. Zufällig stößt sie auf eine Anzeige des Johanniterhauses Heiligenstadt. Sie bewirbt sich, schnuppert in den Job rein – und weiß sofort, dass es das Richtige für sie ist.
Seit über zwei Jahren arbeitet Sarah als Pflegehilfskraft in der Einrichtung, will sich weiter fortbilden. Dass sie einmal Friseurin war, freut hier viele. Gern macht sie den Bewohnerinnen und Bewohnern die Haare. Dann föhnt sie mit der Rundbürste oder flechtet schicke, französische Zöpfe. Hat sie Spätschicht, ist es Heiko, der auf Jonas aufpasst. Mit seinen zwei Kindern sind sie heute eine richtige Bilderbuch-Patchwork-Familie.
Vielleicht werden sie einmal alle gemeinsam an Weihnachten nach New York reisen, die funkelnden Lichter bestaunen und zarte Schneeflocken auf der Haut spüren. Doch auch, wenn es Zuhause in Eichsfeld nicht oft schneit, passieren auch hier manchmal wahre Wunder.