Sarah W.
// Sarah arbeitet als Wohnbereichs- und Praxisanleiterin im Johanniterhaus Heiligenstadt Am Richteberg.
Mit der Geburt ihrer Tochter Lotta wandelt sich Sarahs Leben „von null auf hundert“. Sarah ist damals zwanzig, steht – wie sie selbst schmunzelnd hinzufügt – in der „Blüte ihres Lebens“ und hat zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur Flausen im Kopf. „Tatsächlich hätte damals keiner unbedingt von mir gesagt, dass ich eine gute Mutter werde“, witzelt sie.
Heute ist Sarah charismatisch, stark, immer noch jung – und steht voll im Leben. Durch das Muttersein hätten sich gewiss viele Dinge verändert: ihre Art zu denken und mit den Dingen umzugehen. Aber ihre verspielte, lebhafte Art hat Sarah trotz der großen Veränderungen beibehalten. „Klar wird man reifer mit den Jahren und überlegt sich gewisse Dinge auch fünf Mal, aber charakterlich bin ich genau wie früher – ich mache immer noch alle Späße mit.“
Bevor Sarah bei den Johannitern anfängt, ist sie im Büro tätig. Als sie dann in der Elternzeit vor der Wahl steht, zurück ins Büro zu gehen oder etwas ganz Neues zu beginnen, entscheidet sie sich für das Unbekannte. „Die Tätigkeit im Büro hat mich einfach nicht so erfüllt“, sagt Sarah. Ab dann beginnt für sie ein Schlängelweg. Erst bewirbt sie sich im ambulanten Dienst und arbeitet zwei Jahre als Pflegehelferin. 2017 startet sie ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft. Eine Entscheidung, die viel von ihr abverlangt. Denn das Lernen für die Ausbildung, ihre Tochter, der Haushalt und nebenbei noch die Arbeit ist keine leichte Kost – doch im Nachhinein kann Sarah nun stolz behaupten, dass sie die Ausbildung zur Pflegefachkraft extrem geprägt hat. „Die Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen hat mich noch reifer gemacht. Sie hat mir gezeigt, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will. Dass es einfach werden würde, hat ja niemand gesagt“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
Sarah will im Leben vorankommen. „Alle machen sich immer so ein bisschen über mich lustig, weil ich ein kleiner Streber bin“, scherzt sie, wenn sie über ihren beruflichen Werdegang spricht. Aber ihren Eifer und die Motivation kultiviert Sarah nicht nur aus Eigennutz: „Ich möchte meiner Tochter zeigen, dass man seine eigenen Ansprüche haben sollte und will ihr wirklich ein gutes Vorbild sein“. So wie Sarahs Praxisanleiterin auch ihr ein gutes Beispiel war: „Meine Praxisanleiterin war einfach mit vollem Herzen dabei, sie war ein Vorbild für mich und genau in diese Richtung möchte ich auch gehen“, erklärt Sarah entschieden. Deshalb nimmt sie auch ohne mit der Wimper zu zucken gleich die nächste Herausforderung in Angriff und entscheidet sich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung für den nächsten Schritt: die Ausbildung zur Praxisanleiterin per Fernstudium. Ihre Motivation ist dabei klar: „Ich möchte später mal Tag und Nacht für meine Schüler da sein, sodass sie mich immer anrufen können – egal was ist“.
Also sind Sarah und ihre Tochter Lotta nun nachmittags oft gemeinsam fleißig – Lotta macht ihre Hausaufgaben, Sarah lernt für den Praxisanleiter. Eine Erfahrung, die für beide wichtig ist. „Wenn Lotta mal keine Lust auf ihre Hausaufgaben hat, sieht sie an mir, dass man selbst im Alter noch lernen muss. Ich sage ihr dann immer ‚Lotta, das hört nicht auf‘“, erklärt Sarah mit einem Lachen. Doch auch wenn das Programm voll ist, soll das Familienleben nicht leiden. Wenn alle Aufgaben des Tages erledigt sind, legt sich Sarah oft noch zu ihrer Tochter ins Bett, um über den Tag zu reden. „Ich lege bei allem Stress großen Wert darauf, dass ich abends mit Lotta Zeit verbringe. Der Alltag ist sonst so schnelllebig, dass man, wenn man sich die Zeit nicht bewusst nimmt, gefühlt gar nichts mehr voneinander hat“.
Sarahs große Augen strahlen, wenn sie darüber spricht, wie abwechslungsreich ihr Arbeitsalltag ist. Sie hat etwas Neugieriges und Weltoffenes – und kann vielleicht deshalb der Unberechenbarkeit ihres Arbeitsalltages mit offenen Armen entgegenstehen: „Es ist nie gleich. Wenn du in der Früh aufstehst, weißt du nicht, was dich heute erwartet“, erzählt sie enthusiastisch. Nach Ende der Schicht könne sie ihrem Freund dann stundenlang davon erzählen, was wieder Neues passiert ist. Es ist schwer zu übersehen, wie die 29-Jährige für ihre Arbeit brennt. „Hätte ich kein Kind und kein Kegel würde ich auch am liebsten auf Arbeit schlafen.“ Doch andererseits weiß sie auch, dass sie ihren Beruf ohne die Unterstützung ihrer Familie so nicht ausüben könnte und die Zeit gemeinsam unersetzbar ist. „Am wichtigsten ist mir gerade eigentlich wieder mehr Zeit für meine Tochter und meinen Freund zu haben, denn die Zeit gibt einem ja auch keiner mehr wieder“.
Nächstes Jahr feiert Sarah ihren dreißigsten Geburtstag. Diesen Tag wollte sie eigentlich schon immer auf den Malediven verbringen. Nur Sarah, der weiße Strand, der endlos weite Ozean und ein gutes Buch. Ob das jedoch bei all den derzeitigen Herausforderungen ausgerechnet nächstes Jahr schon klappen wird, weiß sie heute noch nicht. Aber ihre Erfahrung, dass sie trotz allen Herausforderungen ihre Ziele erreichen kann, haben Sarah eine gewisse Gelassenheit geschenkt: „In der Ruhe liegt die Kraft. So sagen es mir auch immer unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Es muss nicht immer alles auf einmal funktionieren. Alles hat seinen Sinn und irgendwie kommt man da schon hin, wo man sein möchte“. Ob das nun die Malediven sind oder ihr Ziel, Auszubildende in ihrer Lehrzeit zu begeistern, spielt bei so viel Entschlossenheit und temperamentvoller Leidenschaft dann nahezu auch keine Rolle mehr.