Ein Werkzeugkoffer fürs Leben
Kinder lernen im Alltag wichtige Strategien für Konflikte, Stress und Herausforderungen. Die zeigt, wie Eltern, Kitas und Individualbegleitungen Kinder dabei unterstützen können, ihren eigenen „Werkzeugkoffer fürs Leben“ zu füllen.
Wie Kinder im Kindergarten und Zuhause Strategien für schwierige Situationen lernen
Kinder stehen tagtäglich vor kleinen und großen Herausforderungen. Ein Streit mit Freunden, eine unerwartete Veränderung, das laute Getümmel im Gruppenraum oder die Frustration, wenn etwas nicht sofort klappt.
Mitarbeitende sprechen deshalb gern vom „Werkzeugkoffer“, den Kinder sich im Kindergarten nach und nach füllen.
„Ich erkläre Eltern oft. Jedes Kind trägt so etwas wie einen Koffer voller Möglichkeiten bei sich. Darin liegen kleine Strategien, die helfen, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen“, sagt Julia Käsbauer, Koordinatorin für Individual- und Schulbegleitung bei den Johannitern in Bayerisch Schwaben.
Die Erzieherin hat selbst bereits in der Kita gearbeitet. „Je mehr Werkzeuge ein Kind kennenlernt und anwenden kann, desto sicherer fühlt es sich in der Gruppe, im Alltag und später auch in der Schule.“
Die Inhalte dieses Werkzeugkoffers sind so individuell wie die Kinder selbst. Manche lernen, tief durchzuatmen, wenn sie wütend oder aufgeregt sind. Andere üben, ihre Gefühle in Worte zu fassen, statt zu schreien oder zu hauen. Wieder andere finden Sicherheit in festen Routinen, etwa wenn sie morgens eine kleine Checkliste nutzen, die ihnen den Start in den Tag erleichtert. Auch einfache Handlungen wie das gemeinsame Aufräumen von Spielzeug, das schrittweise Bewältigen des Anziehens oder das bewusste Bitten um Hilfe, wenn es allein nicht weitergeht, gehören zu den wichtigen Werkzeugen.
Besonders Kinder mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf brauchen oft spezielle Werkzeuge. Ein Kind mit ADHS kann lernen, kleine Bewegungspausen einzulegen oder mithilfe eines visualisierten Tagesplans den Überblick zu behalten. Kinder mit autistischen Zügen profitieren von klaren Abläufen, wiederkehrenden Ritualen oder auch von Kommunikationskarten, die ihnen helfen, ihre Bedürfnisse mitzuteilen, wenn Worte fehlen.
Für manche sind Rückzugsorte wichtig, für andere kleine Hilfsmittel wie ein Stressball, ein Kopfhörer gegen Lärm oder ein vertrautes Kuscheltier. Kinder mit emotionalen Belastungen können ein „Gefühlsbarometer“ oder ein Tagebuch nutzen, um ihre Stimmung auszudrücken.
Auch praktische Werkzeuge wie eine Erinnerungsuhr für Pausen oder die rechtzeitige Einnahme von Medikamenten können dazugehören. So entsteht ein Koffer voller Hilfen, die das Kind in entscheidenden Momenten herausholen und anwenden kann.
Nicht nur im Kindergarten lässt sich dieser Koffer füllen. Auch im häuslichen Alltag können Eltern gezielt daran arbeiten, ihn Stück für Stück zu erweitern. Rituale vor dem Zubettgehen, liebevoll gestaltete Morgenpläne oder kleine Familienspiele, die Konfliktlösungen üben, sind wertvolle Möglichkeiten. Ebenso hilfreich ist es, wenn Eltern ihre Kinder ermutigen, eigene Lösungen zu finden, diese wertschätzen und gemeinsam reflektieren, was in schwierigen Situationen geholfen hat. „Es sind oft die kleinen Dinge, die Großes bewirken“, betont Käsbauer. „Wenn Eltern bewusst auf solche Werkzeuge achten, wächst die Sicherheit und Selbstständigkeit der Kinder enorm.“
Manchmal jedoch merken Eltern, dass sie an ihre Grenzen stoßen. Wenn es immer wieder zu Konflikten kommt oder der Familienalltag von Unsicherheit und Überforderung geprägt ist, kann die ambulante Erziehungshilfe eine wertvolle Unterstützung sein. Fachkräfte kommen dann direkt ins häusliche Umfeld, beobachten gemeinsam mit den Eltern den Alltag und geben konkrete Anleitungen, wie neue Werkzeuge eingeführt und gefestigt werden können. So werden nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern gestärkt und erfahren, dass sie mit den Herausforderungen nicht allein sind.
Trotz aller Bemühungen gibt es Situationen, in denen der Werkzeugkoffer nicht ausreicht. Manche Kinder brauchen im Kindergarten eine feste Bezugsperson, die sie kontinuierlich begleitet und unterstützt. Genau hier setzt die Individualbegleitung an. Sie sorgt dafür, dass Kinder Werkzeuge nicht nur kennen, sondern sie im Alltag anwenden und verinnerlichen können. „Manchmal reicht der Werkzeugkoffer nicht aus, den Kinder allein im Alltag füllen können“, erklärt Käsbauer. „Dann ist es wichtig, dass jemand da ist, der hilft, die passenden Werkzeuge zu finden und anzuwenden. So entsteht echte Inklusion und das Kind wird gestärkt, anstatt überfordert.“
Die Johanniter in Bayerisch Schwaben begleiten derzeit mehr als 50 Kinder im Rahmen von Schul- und Individualbegleitungen. Sie beraten Familien, unterstützen und arbeiten eng mit Kitas, Schulen und Eltern zusammen, immer mit dem Ziel, Kindern einen prall gefüllten Werkzeugkoffer fürs Leben mitzugeben.
Wenn Sie mehr erfahren möchten, hören Sie doch mal in unserem Podcast rein unter https://open.spotify.com/show/3spMeRCzm9brbKM9v5KIQZ?si=b20a149c54674039
Mehr Informationen gibt es unter www.johanniter.de/schul-individualbegleitung/bayerisch-schwaben oder direkt per Mail: anfrage.schulbegleitung@johanniter.de